zur Navigation springen

Schleswiger Nachrichten

11. Dezember 2016 | 09:06 Uhr

Schleswig : Ein Zeichen des Dazugehörens

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der muslimische Friedhof im Friedrichsberg wurde am Sonnabend offiziell eingeweiht. Von 100 Grabstellen sind bereits drei belegt.

Bei der Frage, ob er in Deutschland oder in der Türkei beerdigt werden wolle, sei er hin- und hergerissen, meinte Mustafa Kayar vom Vorstand des türkisch-islamischen Kulturvereins. „Aber wichtig ist es, eine Option zu haben.“ Die gab es für Schleswiger Muslime jahrzehntelang nicht: Entweder ließen sie sich in ihrem jeweiligen Heimatland beerdigen oder auf einem muslimischen Friedhof in benachbarten Städten wie Flensburg, Kiel und Hamburg.

Mittlerweile haben sie nun aber die Möglichkeit, in Schleswig die letzte Ruhestätte zu finden: Der muslimische Friedhof im Friedrichsberg wurde am Sonnabend vor gut 70 Besuchern mit einem Festakt offiziell eingeweiht. Er befindet sich – durch einen Zaun abgetrennt – auf dem Gelände des Friedhofs der evangelischen Kirchengemeinde, die rund 400 Quadratmeter Fläche für die 100 Grabstellen bereitstellte.

Drei von ihnen sind bereits belegt, denn Bestattungen finden dort schon länger statt. Eine Besonderheit fällt sofort auf: Die Gräber sind nach Mekka ausgerichtet, also gen Südosten. Es gebe einen weiteren Unterschied zu christlichen Bestattungen, erklärte Kayar: „Nach islamischem Ritus wird man nicht im Holzsarg beerdigt, sondern in einem weißen Tuch.“ Allerdings würde der Leichnam mit Holzbrettern abgedeckt, ehe das Grab mit Erde verfüllt werde. Der Bedarf für den Friedhof sei groß, sagte er: „Durch den Zustrom der Flüchtlinge jetzt erst recht.“ Gerade Syrer könnten nicht in ihre Heimat überführt und beerdigt werden. In Schleswig finden sie nun einen Platz, denn „der Friedhof ist für alle Nationalitäten offen“.

Vor 15 Jahren habe man erstmals über die Einrichtung eines muslimischen Friedhofes nachgedacht, berichtete Kayar, der seit fast 40 Jahren in Deutschland lebt. Auf Betreiben von SPD-Ratsfrau Nilgün Demir wurden die Pläne vor zwei Jahren konkret. Bürgermeister Arthur Christiansen erinnerte an die Fragen, die dabei aufkamen. So hätte man klären müssen, ob ein islamischer Friedhof überhaupt auf dem christlichen Gelände entstehen dürfe. Letztlich wurde das Vorhaben mit einem bürokratischen Akt – der Vertragsunterzeichnung – vollendet.

Die offizielle Einweihung übernahm der Hamburger Imam Cahit Küçükyldiz mit einem Gebet. Dies sei ein „ganz besonderer Tag für Schleswig“, betonte Christiansen und „ein historischer für Sie“, wandte er sich an die Muslime. Viele von ihnen würden den Großteil ihres Lebens hier verbringen und könnten nun „in ihrer zweiten Heimat beerdigt werden“. Damit hätte man für die muslimischen Familien endlich etwas geschaffen, was zum Leben dazu gehöre, betonte er. Die Stadt stiftete übrigens den 7000 Euro teuren Zaun, der den Friedhof umgibt. Dieser wurde von den Mitgliedern des Kulturvereins aufgebaut – „in unserer Freizeit, denn wir sind alle berufstätig“, so Mustafa Kayar.

Auch die evangelische Kirchengemeinde freue sich, dass sie ihren Beitrag zur Errichtung des Friedhofs leisten konnte, betonte Pastor Michael Dübbers in der Moschee in der Friedrichstraße, wo die Feier ausklang. „Wo wir unsere Verstorbenen begraben, da ist Heimat“, sagte er. Christen und Muslime müssten einander unterstützen, wo es möglich sei: „Wir lassen uns nicht von radikalen Kräften einengen und auseinander treiben.“ Der Friedhof sei das stärkste Zeichen des Angekommenseins, hatte Sedat Simsek von der Islamischen Religionsgemeinschaft Ditib zuvor erklärt.

Der älteste muslimische Friedhof Deutschlands liegt in Berlin: 1866 hatte der preußische König Wilhelm das Gelände dem Osmanischen Reich geschenkt. Seitdem nutzt es die türkische Gemeinde als Friedhof.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Okt.2016 | 07:23 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen