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Schleswiger Nachrichten

03. Dezember 2016 | 20:41 Uhr

Lebensmittelmarkt am Kornmarkt : Ein Stück Syrien mitten in Schleswig

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Das Lebensmittelgeschäft von Sheyar Issa hat sich zum Treffpunkt der Kulturen entwickelt. 559 Syrer leben zurzeit in der Stadt.

Kamischli liegt im äußersten Nordosten Syriens an der Grenze zur Türkei. 200  000 Menschen leben dort. Als Folge des Bürgerkriegs ist die Stadt Teil des von Kurden beherrschten Gebietes namens Rojava. Es ist die Heimat von Sheyar Issa. Der 44-Jährige lebt seit 19 Jahren in Deutschland. Damals habe er Syrien aus politischen Gründen verlassen, erzählt er bei einer Tasse schwarzem Tee, den er im Hinterzimmer seines Supermarktes für orientalische Lebensmittel am Kornmarkt zubereitet hat. In seinem Laden habe er nur die besten Teesorten, sagt er. „Halal Al Sham“ heißt der Ort, wo Syrer, Iraker und Afghanen ein Stück Heimat einkaufen können – mitten in Schleswig.

Auch Russen und immer häufiger Deutsche kämen in sein Geschäft, sagt Issa. „Viele kommen mit einem Rezept und suchen dann die Zutaten dafür bei mir.“ „Al Sham“, das ist der alte Name für die syrische Stadt Damaskus. „Halal“ ist ein arabisches Wort und kann mit „erlaubt“ oder „rein“ übersetzt werden. Es bezeichnet beispielsweise Lebensmittel, die nach islamischem Recht zulässig sind.

Seit dem Ausbruch des Krieges seien etwa zehn Mal mehr Syrer nach Schleswig gekommen, schätzt Issa. Viele davon seien seine Kunden. Tatsächlich hat Schleswig nach offizieller Statistik seit dem Jahr 2013 589 Flüchtlinge zugewiesen bekommen. „Das ist jedoch nicht die tatsächliche Zahl der derzeit in Schleswig wohnenden Flüchtlinge. Zum einen sind damit nicht diejenigen erfasst, die mit einem Visum über die Familienzusammenführung nachgekommen sind. Zum anderen kann es von der Stadt nicht erfasst werden, wie viele Personen durch Wegzug, Ausweisung oder freiwillige Rückkehr nicht mehr hier leben“, sagt Rathaus-Sprecherin Antje Wendt. Die offiziellen Zahlen besagen aber: 25  577 Menschen leben in Schleswig, davon 2261 Ausländer. 559 davon sind Syrer. Der größte Anteil.

„Der Islamische Staat ist das Schlimmste, was den Menschen dort passieren konnte. Ich sehe keine Zukunft für meine Heimat, ich sehe nur schwarz“, sagt Issa. Die ganze Welt sei da, Russland, die USA, Großbritannien, Frankreich, auch Deutschland. Und trotzdem gebe es keine Lösung wegen vielleicht zwei- oder dreitausend IS-Kämpfern. Auch in seinem Geschäft sei die aktuelle Situation natürlich immer wieder Gesprächsthema.

Der Laden am Kornmarkt sieht von außen unscheinbar aus. Frisches Obst und Gemüse sind links und rechts der Eingangstüren aufgebaut. Die großen Schaufenster geben den Blick frei auf Lebensmittel, die in der Stadt sonst nicht zu finden sind. Den Namen des Ladens trägt die Fassade nicht. Das erlaube der Vermieter nicht, sagt Issa. Er möchte stattdessen Folien auf die Scheiben kleben. Vor etwa einem Monat hat er die Ladenfläche vergrößert, indem er aus ursprünglich zwei Geschäften eins machte. Eine Wand wurde deshalb eingerissen. Am Bodenbelag lässt sich das noch gut erkennen. Eine Hälfte hat dunkles Laminat, die andere helle Fliesen. „Meine Familie hilft hier mit aus“, sagt der 44-Jährige. An der Kasse sitzt sein Cousin, seine Frau komme oft morgens, und auch sein Bruder unterstütze bald regelmäßig. Sechs Schwestern und drei Brüder hat Issa. Seine Eltern kamen vor zwei Jahren nach Deutschland. Einer seiner Brüder kam mit. Issa selbst hat vier Kinder. Zwei sollen noch dazukommen. Eine echte Großfamilie. Ein Teil lebt noch in Syrien.

Nur wer es sich leisten könne, könne auch halbwegs sicher nach Europa kommen, sagt Issa. Die, die es nach Schleswig geschafft haben, seien froh über sein Warenangebot, sagt er. „Jede Stadt in Syrien ist für ein bestimmtes Gericht berühmt.“ Egal ob Weinblätter oder getrocknete Auberginen, Nudeln mit arabischen Gewürzen, spezielle Bohnen oder Grieß: Issa hat es im Sortiment. Dabei setzt er auf bestimmte Marken, die den Menschen bekannt sind. „Es nützt nichts, ähnliche Produkte aus der Türkei einzukaufen. Die Leute wollen die Marken, die sie aus der Heimat kennen und schätzen.“ Issa ist für die Zufriedenheit seiner Kunden daher viel unterwegs, fährt zu Großmärkten nach Hamburg und ins Ruhrgebiet nach Wuppertal und Essen, wo er das bekommt, was er will. „Wer bestellt, erhält nur schlechte Ware. Da muss man schon selbst gucken und dann auch noch gut handeln können.“

Neben dem Geschäft hilft Issa Flüchtlingen, Fuß in der Stadt zu fassen. So hilft er beim Übersetzen, macht Termine oder springt als Fahrer ein. Und er macht Werbung für seine zweite Heimat. „Schleswig ist eine Traumstadt. Hier gibt es alles, was man braucht“, sagt er. Alle Leute seien freundlich, es gebe Schulen, Kindergärten, Ärzte und Ämter, bei denen man nicht lange warten müsse. „Hier hat man seine Ruhe.“ Einziges Manko sei, dass man nur schwer Arbeitsplätze finde.

In seinem Supermarkt will er ab 2017 auch Halal-Fleisch anbieten, da die Nachfrage groß sei. „In Flensburg oder Kiel bekommt man das, ich will es auch hier anbieten“, sagt Issa. Während er erzählt, denkt er immer wieder an Syrien zurück. Den Basar in Aleppo, mit 200 oder 300 Geschäften, müsse man mal erlebt haben. Dort sei es so voll gewesen, dass man kaum gehen konnte. Oft war er dort, obwohl die historische Stadt 600 Kilometer von Kamischli entfernt liegt. „Dass dort jetzt alles in Trümmern liegt, macht mich so traurig, ich könnte weinen“, sagt Issa. Es ist 15 Uhr, ein normaler Tag in Schleswig. Gerade kommen weitere Kunden in Issas Markt. 4000 Kilometer trennen die Schleistadt von Aleppo.

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erstellt am 29.Okt.2016 | 07:46 Uhr

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