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Schleswiger Nachrichten

03. Dezember 2016 | 12:48 Uhr

Aktion „Dein Sternenkind“ : Ein letztes Bild für die Eltern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Netzwerk von Fotografen macht kostenlose Aufnahmen von Kindern, die in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben.

Daniela Lilienthal aus Handewitt und Silke Wingert aus Kiel haben eine nicht alltägliche Mission: Die Frauen sind zwei von deutschlandweit über 600 Fotografen, die sich für die Initiative „Dein Sternenkind“ engagieren. Sie machen kostenlose Bilder für Eltern, deren Kinder in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben. Sie wollen ihnen damit die Trauerarbeit erleichtern.

Ins Leben gerufen hat die Initiative Kai Gebel. Eigentlich ist der Hesse Informatiker, seine große Leidenschaft gilt jedoch dem Fotografieren. „Ich habe 2010 Bilder einer amerikanischen Organisation gesehen, die dort das Gleiche tut, und war sofort angefixt.“ Schnell habe sich herausgestellt, dass so ein Angebot in Deutschland fehlte. Deshalb gründete er „Dein Sternenkind“. „Die Webseite habe ich innerhalb von drei Tagen aufgezogen.“ Fotografen waren ebenfalls schnell mit im Boot. „Es ist uns allen eine Herzensangelegenheit, für die trauernden Eltern eine Erinnerung an ihr Kind zu schaffen“, sagt Gebel. Die Bilder bekommen die betroffenen Eltern von den Fotografen kostenlos ausgehändigt. „Sie behalten nichts von ihren Kindern zurück außer einem Gefühl. Wir sorgen dafür, dass das Bild nicht verschwimmt.“

Daniela Lilienthal ist professionelle Fotografin. Normalerweise wird die Handewitterin für die freudigen Ereignisse im Leben der Menschen engagiert. Die 39-jährige Mutter von drei Kindern war bisher zweimal für die Initiative im Einsatz. „Als ich davon erfahren habe, habe ich mich sofort angemeldet.“ Ihre Motivation beschreibt sie so: „Jeder kann etwas, mit dem er Gutes tun kann. Bei mir ist es das Fotografieren.“

Bei beiden ihrer Einsätze handelte es sich um Kinder, die während der Geburt gestorben sind. Als der erste Anruf kam, war sie gerade bei einer standesamtlichen Trauung. „Das Brautpaar war so glücklich, und ich fuhr anschließend direkt zum Bestatter.“ Dort war das kleine Mädchen aufgebahrt. „Da musste ich auch erst etwas durchatmen, aber ich habe mich dann gemeinsam mit der Bestatterin an die Arbeit gemacht.“ Mit dem toten Kind habe sie einige Zeit verbracht. „Das war auch für mich eine intensive Erfahrung. Am Ende des Tages hatte ich die Bilder des glücklichen Brautpaares und des Säuglings auf einer Speicherkarte.“ Einen Widerspruch zu ihrer eigentlichen Arbeit sieht die 39-Jährige nicht. Im Gegenteil: „Die Realität ist, dass es Momente im Leben gibt, die nicht glatt laufen.“

Das Angebot von „Dein Sternenkind“ sei vor allem im nördlichen Schleswig-Holstein noch viel zu unbekannt. Betroffene, Freunde und auch das Personal der Kliniken können über die Webseite mit nur wenigen Klicks einen der ehrenamtlichen Fotografen anfordern, der per Alarm auf dem Smartphone informiert wird. „Ich kenne Eltern, die davon nichts wussten und liebend gern eine Aufnahme ihres Kindes gehabt hätten“, sagt Lilienthal. Die Bilder werden von den Fotografen verpackt übergeben. „Manche schauen sie sich vielleicht sofort an, andere finden den Mut erst später. Wichtig ist, dass sie da sind.“ Diese Rückmeldung hat Daniela Lilienthal auch von den betroffenen Eltern erhalten. Doch Dank erwartet die Fotografin nicht: „Ich freue mich einfach, dass ich etwas Gutes tun konnte.“

Silke Wingert aus Kiel geht es genauso. Die Marinesoldatin ist zwar keine professionelle Fotografin, hat aber in diesem Jahr schon elf Einsätze hinter sich. „Eine Stunde Autofahrt nehme ich gerne auf mich, wenn eine Anfrage kommt“, sagt die 38-Jährige. Zusammen mit zwei weiteren Fotografinnen bildet sie inzwischen ein eingespieltes Team. „Wenn eine nicht kann, dann übernimmt die andere. Außerdem bestärken wir uns gegenseitig.“

Die Situation, die sie in den Kliniken erwartet, sei jedes Mal anders. „Die Eltern geben das Tempo vor“, sagt Silke Wingert. Dabei sei es auch für sie als Unbeteiligte manchmal schwierig, sich der Emotionalität der Situation zu entziehen. „Es kommt schon vor, dass ich mitweinen muss. Dann bin ich ganz froh, dass ich mit der Kamera in der Hand meiner Aufgabe nachgehen kann.“

Sie macht Familienfotos und Detailaufnahmen des verstorbenen Kindes. „Ich rede mit ihm, nenne es beim Namen und halte Kontakt mit den Eltern.“ Diese Arbeit kann etwas länger dauern. Bei einer Familie habe sie drei Stunden verbracht. „Während für uns das Leben weitergeht, bleibt die Welt für die Betroffenen stehen. Daher nehme ich mir die Zeit, die die Eltern brauchen.“ Aus einigen Begegnungen haben sich Freundschaften entwickelt.

Dass so ein Erlebnis verbindet, erfuhr auch Daniela Lilienthal, als sie nach längerer Zeit mit einer der Mütter telefonierte. Diese wusste gleich, wer am Apparat war. „Wie könnte ich dich je vergessen“, sagte sie zu ihr.

Betroffene und interessierte Fotografen erhalten unter www.dein-sternenkind.eu weitere Information.

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erstellt am 26.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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