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Schleswiger Nachrichten

09. Dezember 2016 | 05:06 Uhr

Arzt aus Dollerup : Dr. Rose auf Visite in den Slums

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Arzt aus Dollerup engagiert sich für die Organisation German Doctors und behandelt die Ärmsten der Armen in Asien und Südamerika.

Entspannt genießt Walter Rose derzeit den späten Sommer, freut sich auf einen Tag auf der Förde mit seinem Jollenkreuzer. Damit verschafft er sich einen Ausgleich zu seinem jüngsten Hilfseinsatz bei den Ureinwohnern auf der philippinischen Insel Mindoro, der erst wenige Wochen zurückliegt.

Bereits 13 Mal war der Doktor der Allgemeinmedizin aus Dollerup zu Hilfseinsätzen in den Slums von Dhaka in Bangladesch, Kalkutta in Indien, in Cali in Kolumbien, im Urwald von Nicaragua und in mehreren Orten auf den Philippinen. Was der heute 68-Jährige dabei an Armut, Not und Elend zu sehen bekommt hat, ist auch für einen erfahrenen Helfer wie ihn nicht immer leicht zu ertragen. „Es ist ein Kampf gegen die tägliche Katastrophe“, sagt Rose. In Teams, bestehend aus ein oder zwei Ärzten, Krankenschwestern und Helfern, arbeiten sie sechs Wochen lang in einer medizinischen Station oder fahren mit einer mobilen Einheit übers Land zu den Armen und Bedürftigen.

„Als ich angefangen habe in Kolumbien, dachte ich, das schaffe ich nie. Das ist viel zu wenig Zeit. Aber man bekommt Routine“, sagt Rose. In 80 Prozent der Fälle seien es immer wieder dieselben Erkrankungen. Mit Tuberkulose haben es Rose und seine Kollegen in Indien und auf den Philippinen besonders häufig zu tun. „Die medizinische Versorgung in diesen Ländern ist fürchterlich. Es sterben ungleich mehr Leute an Tuberkulose als an bösartigen Erkrankungen“, sagt er. Auch Krätze ist unter den Ärmsten der Armen in den Slums weit verbreitet. „Die German Doctors leisten die Basisversorgung. Uns ist es wichtiger 100 Menschen mit Basismedizin zu versorgen als einen Menschen mit westlicher Medizin“, sagt Walter Rose.

Zu der Hilfsorganisation, die damals noch „Ärzte für die 3. Welt“ hieß, kam Rose per Zufall. In den 1980er Jahren war er Schiffsarzt auf dem deutschen Forschungsschiff „Polarstern“, das vornehmlich in der Antarktis unterwegs war. Auch privat reiste der Mediziner gern, baute sich ein Boot und überquerte mehrfach den Atlantik, lebte eine Zeit lang in Mittel- und Südamerika. „Mein halbes Erwachsenen-Leben habe ich auf dem Wasser verbracht“, sagt er. Zwischendurch arbeitete er als Arzt im Franziskus-Hospital, in der Diako und der Klinik Ost. Zeit für eine Familie blieb da nicht. Als Tourist war der Arzt auch unterwegs in den großen Städten Süd- und Mittelamerikas, sah dort die Elendsvierteln. „Da wurde mir klar, dass mir herumreisen allein nicht reicht.“ Als ein Kollege fragte, ob Rose ihn nicht bei einem Hilfseinsatz vertreten wollte, stellte Rose fest: „Ja, das könnte ich auch machen.“ So begannen die Hilfseinsätze in fünf Ländern auf zwei Kontinenten.

„Das Schlimmste ist, wenn man etwas Bösartiges diagnostiziert“, sagt Rose. Die erforderliche Behandlung könnten sich die Menschen kaum leisten. Auch stoßen die Helfer immer wieder an kulturelle Grenzen wie etwa bei der indischen Kastengesellschaft. „In Indien zählen nur die Reichen, deren Frauen laufen so mit. Weit darunter stehen die armen Männer, darunter die Kinder und ganz am Ende kommen die Frauen. Die sind dort nicht wichtig“, schildert Rose. „Einmal haben wir die indische Kultur missachtet“, erinnert er sich an einen unvergessenen Fall: Ein von zehn Männern vergewaltigtes junges Mädchen lag bereits mehrere Tage schwer verletzt unter einer Brücke. Es hatte seit Tagen nichts getrunken, geschweige denn etwas gegessen „Keiner kümmerte sich um sie, unsere einheimischen Mitarbeiter weigerten sich, ihr zu helfen.“ Rose und seinen Kollegen gelang es nach vielen Mühe, einen Wagen zu organisieren und die Frau ins Krankenhaus zu fahren. Auch dort wurden sie abgewiesen mit der Begründung, dies sei ein Fall für die Polizei. Schließlich gelang es, eine einflussreiche Persönlichkeit einer Patientenorganisation für das Schicksal der jungen Frau zu interessieren. „Sie wurde gesund und arbeitet heute so weit ich weiß in einem Waisenhaus“, sagt Rose.

Diese Gleichgültigkeit und Hilflosigkeit sei wirklich schwer auszuhalten, sagt der Mediziner. Das moderne Indien gebe es nur an der Oberfläche, doch das Kastenwesen bestehe weiter. „Es gibt noch die Dalit, die Unberührbaren.“ Roses Patienten.

Irgendwann war dem Arzt klar: „Ich gehe nicht mehr nach Kalkutta.“ Es folgten fünf Einsätze auf den Philippinen. „Die Mentalität sagt mir mehr zu“, sagt der German Doctor. Dort gebe es mehr Lebensfreude, auch unter den Ärmsten.

Doch es ist nicht nur Stress, Not und Elend. „Wir haben bei unseren Einsätzen auch gelebt, haben in Asien gut gegessen, haben in Südamerika schön gefeiert.“ Das Salsatanzen etwa hat er in der Salsa-Hochburg Cali gelernt.

Rose hofft nun, dass ihn sein nächster Einsatz nach Griechenland führen wird. Dort wollen die German Doctors in der Flüchtlingshilfe tätig werden und sich völlig verarmter Griechen annehmen. Noch ist nicht klar, ob daraus etwas wird. Für Rose wäre der Einsatzort jedenfalls ideal – er könnte dort helfen und wäre direkt am Wasser – ganz in seinem Element.

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erstellt am 10.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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