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Schleswiger Nachrichten

29. September 2016 | 12:11 Uhr

Kerstin und Frank Hansen aus Langballig : Die SPD-Frau mit dem AfD-Mann

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Kerstin und Frank Hansen aus Langballig sind jeweils im Kreisvorstand ihrer Partei tätig. Streitgespräche gehören zum Alltag.

Langballig | Als Kerstin Hansen im Frühsommer in den Vorstand der Kreis-SPD gewählt wurde, musste sie eine Reihe von Gegenstimmen hinnehmen. Manch ein Genosse konnte seine Vorbehalte gegen die Ortsvorsitzende aus Langballig nicht verhehlen, die als Beisitzerin nun für die Pressearbeit in der Partei zuständig ist. Denn Kerstin Hansen ist mit einem Mann verheiratet, der nicht nur für Sozialdemokraten mehr als nur ein politischer Gegner ist – Frank Hansen (46) ist Kreisvorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD), jener Partei, denen Kritiker vorwerfen, ausschließlich populistische Parolen zu verbreiten und ein Sammelbecken für nationalistisches Gedankengut zu sein. „Natürlich ist das Thema vor meiner Wahl offen diskutiert worden“, erklärt die 44-Jährige. „Aber ich sage: Man hat mich gewählt und nicht meinen Mann.“

Hausbesuch beim aus politischer Sicht vielleicht ungewöhnlichsten Ehepaar im Kreis Schleswig-Flensburg. Die Hansens geleiten ihren Gast auf die Terrasse ihres Einfamilienhauses in Langballig. Der Blick schweift über das fast 2000 Quadratmeter große Grundstück in Hanglage. Hühner picken auf dem Rasen. Ländliche Idylle pur.

2013 kam das Paar mit seinen heute neun, sieben und fünf Jahre alten Kindern von Berlin in die Gemeinde an der Flensburger Förde. Zuvor war der Marineoffizier Hansen, ein gebürtiger Preetzer, sieben Jahre lang in der Bundeshauptstadt stationiert. Jetzt dient der Fregattenkapitän und diplomierte Staatswissenschaftler in der Schule für Strategische Aufklärung in Flensburg.

Und er macht Politik. „Mein Antrieb ist es, die Machtstellung der CDU zu brechen“, sagt der 1,99-Meter-Hüne. „Schon als Student empfand ich es als Sauerei, dass wir die Deutsche Mark aufgegeben haben, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung das nicht wollte.“ Auch in die Gemeindevertretung von Langballig ließ er sich als Mitglied der „Aktiven Bürgerliste“ wählen, um die Dominanz der CDU im Dorf möglichst zu beenden.

In der Gemeindevertretung sitzt auch seine Frau. Mehr noch: Kerstin Hansen, seit über 20 Jahren Parteimitglied, führt dort die SPD-Fraktion und hat als Neubürgerin auch gleich den Vorsitz des 13-köpfigen Ortsvereins übernommen. „Wie das so ist, es wollte sonst keiner machen.“

Als Frank Hansen dann im Oktober 2013 in die AfD eintrat und später sogar den Kreisvorsitz übernahm, sorgte das für Turbulenzen im Gemeinderat. Er verließ die „Aktive Bürgerliste“ und legte den Vorsitz des Finanzausschusses nieder. Damit kam er einer Abwahl zuvor. Und auch in der dreiköpfigen SPD-Fraktion rumorte es. „Ein Fraktionsmitglied hat wegen meines Mannes meinen Rücktritt gefordert“, erinnert sich Kerstin Hansen. Mittlerweile ist der Kritiker selbst aus der Fraktion ausgetreten.

Der Liebe hat die konträre politische Ausrichtung offensichtlich keinen Abbruch getan. Kerstin Hansen, die als Tierärztin in ihrem Haus eine Praxis betreibt, bemüht ein Zitat von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.“ Zumindest solange sich diese Freiheit auf demokratisch-rechtsstaatlichem Boden bewege, wie sie hinterherschiebt. Konflikte im Alltag bleiben aber nicht aus im Hause Hansen, spätestens wenn abends die Nachrichten laufen. „Wir diskutieren wirklich kontrovers“, sagt Kerstin Hansen. „Da wird ab und zu schon mal gestichelt“, ergänzt ihr Mann. Doch die gebürtige Bayerin versichert, dass sie mit dieser Situation umgehen könne. „Ich kenne das nicht anders. Meine halbe Verwandtschaft ist in der CSU.“ Und doch verzieht Kerstin Hansen das Gesicht, als ihr Mann das Thema Flüchtlinge anschneidet und despektierlich von den Flensburger „Bahnhofsklatschern“ spricht, die nicht kapierten, dass Deutschland nicht die ganze Welt retten könne.

Für ihre politische Arbeit haben Frank und Kerstin Hansen jeder einen eigenen Schreibtisch und eine eigene Telefonnummer. „Ich finde das wichtig“, sagt die Sozialdemokratin. Unter den Anfeindungen aus dem linksextremen Spektrum, denen sich AfD-Politiker ausgesetzt sehen, hat indes auch sie zu leiden. Erst vor wenigen Tagen habe man einen entsprechenden Aufkleber am Familienauto entdeckt. „Schrecklich ist so etwas“, findet ihr Mann. Das Ehepaar sorgt sich vor allem um die Kinder, die unter der politischen Tätigkeit des Vaters leiden könnten.

Im nächsten Jahr möchte Frank Hansen in den Landtag gewählt werden. Auf dem jüngsten Landesparteitag der AfD in Rendsburg wurde er zum Direktkandidaten für den Wahlkreis 4 gewählt. Ob er wirklich eine Chance auf ein Mandat hat, entscheidet sich nächsten Monat, wenn die Parteimitglieder über die Listenplätze abstimmen. Auf jeden Fall habe sein Kreisverband Zulauf, zähle inzwischen etwa 70 Mitglieder, sagt Frank Hansen. In Flensburg und Umgebung seien es bislang jedoch noch keine 20, räumt er ein.

Würde sie ihrem Mann den Einzug in den Landtag gönnen? Kerstin Hansen zögert, sagt dann lachend: „Ihm persönlich würde ich es gönnen. Aber lieber wäre es mir natürlich, die AfD bliebe unter fünf Prozent.“ Letzteres aber, da ist die SPD-Frau realistisch genug, ist nach der derzeitigen politischen Großwetterlage unwahrscheinlich. „Ich rechne damit, dass die AfD auf zehn Prozent kommt.“

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erstellt am 17.Sep.2016 | 07:37 Uhr

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