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Schleswiger Nachrichten

05. Dezember 2016 | 19:46 Uhr

Integration in Schleswig : Der Polsterer aus Kabul: „Omar ist ein echter Gewinn für uns“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Schleswiger Matratzenhersteller Laroma hat einen Polsterer aus Afghanistan eingestellt - und so seine Fachkräftelücke geschlossen.

Schleswig | Clemens Winter hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Mehr als ein Jahr war der Geschäftsführer des Schleswiger Matratzenherstellers Laroma auf der Suche nach einem Polsterer. Ohne Erfolg. Nicht nur, dass dieser Beruf in Deutschland nur noch äußerst selten ausgebildet wird. Es gibt schlicht und einfach auch keine Polsterer auf dem Arbeitsmarkt. Also musste ihm der Zufall auf die Sprünge helfen. Und der kam Anfang dieses Jahres in Gestalt von Ghulam Omar Ghausi daher. Doch damit begannen für Winter die nächsten Probleme.

Denn Ghausi ist Flüchtling. Und die haben es bekanntermaßen schwer, eine feste Stelle in Deutschland annehmen zu können. Bevor es soweit ist, muss eine ganze Reihe bürokratischer Hürden genommen werden, immer mit der Gefahr, irgendwann in einer Sackgasse zu landen. Aber auch wenn eine Menge Papierkram, etliche Telefonate und das Schreiben unzähliger Briefe und E-Mails nötig waren, um den 34-jährigen Afghanen in seine Firma zu integrieren, ließ sich Winter davon nicht abschrecken. „Zum Glück“, wie er sagt, „Omar ist ein echter Gewinn für uns.“

Das gilt nicht nur für dessen fachliche Kompetenzen, sondern auch für seine Persönlichkeit. „Er ist immer freundlich und positiv. Wenn wir neue Ideen haben, guckt er sich das kurz an, sagt ,Kein Problem‘ und macht sich an die Arbeit. Und er setzt es immer perfekt um“, schwärmt Winter. Ghausi wird in erster Linie im neuen Produktbereich „Laroma Travel“ eingesetzt. Seit gut einem Jahr stattet die Firma Schlaf- oder Sitzecken in Wohnmobilen und Yachten mit maßgeschneiderten Matratzen und Polstern aus. Dabei wird der eigenen Marke entsprechend auf hochwertiges und rückenschonendes Material gesetzt.

„Die Nachfrage ist groß, aber bevor Omar da war, mussten wir einige Aufträge ablehnen“, sagt Winter. Denn bislang wurden die Laroma-Produkte von Fremdfirmen hergestellt. Das hatte zur Folge, dass die bestellte Ware erst nach Wochen fertig war. Jetzt, seitdem Ghausi direkt in Schleswig arbeitet, können die Aufträge in wenigen Tagen erledigt werden. „Das läuft so gut, dass wir inzwischen nach weiteren Verstärkungen Ausschau halten“, sagt Winter.

Dabei würde der junge Unternehmer auch nicht davor zurückschrecken, weitere Flüchtlinge anzustellen – selbst wenn die Odyssee durch den Behördendschungel anstrengend war und noch immer ist. Das weiß auch Stefan Wesemann von der IHK-Geschäftsstelle in Schleswig. „Wie viel Zeit haben Sie?“, antwortet er auf die Frage, wie schwer es denn tatsächlich sei, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dann gibt er einen kurzen Einblick in die Thematik, der nicht wirklich kurz ausfällt – und trotzdem nur an der Oberfläche kratzt. Welchen Aufenthaltsstatus hat der Flüchtling? Erlaubnis, Duldung oder Gestattung? Gibt es eine Arbeitserlaubnis? Wurden die Integrations- und Sprachkurse besucht? Ist seine berufliche Kompetenz auf dem deutschen Markt verfügbar? Gibt es eine Residenzpflicht? Welche Einwände oder Anforderungen haben die Agentur für Arbeit, die Ausländerbehörde oder das Sozialzentrum?

„Da gibt es eine Menge Fragen. Das schreckt sicherlich auch einige Unternehmer davor ab, Flüchtlinge einzustellen“, glaubt Wesemann. Es gebe auch Fälle, in denen alle Mühen umsonst waren. „Aber es kann auch klappen, wie das Beispiel Laroma zeigt“, betont er und macht allen anderen Firmen Mut, die einen ähnlichen Weg gehen wollen. Denn inzwischen gebe es sowohl bei der IHK als auch bei der Agentur für Arbeit in Flensburg Mitarbeiterinnen, die sich ausschließlich um die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt kümmerten. „Die kann man wirklich alles fragen“, sagt Wesemann.

Dass sich die Anstrengung lohnen kann, dafür ist Ghulam Omar Ghausi das beste Beispiel. „Ich bin sehr glücklich hier. Die Arbeit macht Spaß. Ich habe hier viel Hilfe bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt der bescheidene Mann, der mit seiner Familie seit einem Jahr in Deutschland lebt. Zuvor war er eineinhalb Jahre lang auf der Flucht. Weil er in der afghanischen Hauptstadt Kabul als Kurier für die US-Armee gearbeitet hatte, war er ins Visier der Taliban geraten. In einem Flüchtlingslager in der Türkei wurde dann seine Tochter geboren, danach ging es mit ihr und seiner Frau über das Mittelmeer nach Griechenland. „Mit über 50 Menschen in einem kleinen Boot. Wir hatten große Angst.“ Jetzt ist die Familie in Schleswig zu Hause, und Ghausi hat sogar eine Arbeit gefunden. Die wird übrigens deutlich über Mindestlohn bezahlt. „Das hat er sich verdient. Und es ist auch eine Wertschätzung für das, was er hier täglich leistet“, sagt Clemens Winter.

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erstellt am 08.Okt.2016 | 07:02 Uhr

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