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Schleswiger Nachrichten

09. Dezember 2016 | 20:32 Uhr

Niesgrau : Dem Leben der Meerforelle auf der Spur

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

In einem einzigartigen Forschungsprojekt pflanzen Geomar-Wissenschaftler Fischen aus der Lippingau Überwachungs-Chips ein. Für das Dreijahres-Programm stehen 485 000 Euro aus der schleswig-holsteinischen Fischereiabgabe zur Verfügung.

Vorsichtig nimmt der Fischereibiologe Dr. Christoph Petereit einen 15 Zentimeter langen Jungfisch der Spezies Meerforelle aus einem Narkosebad und schneidet mit einem Messer einen kleinen Schlitz in den Unterbauch. Seine Mitarbeiterin Kim Wieben aus Kiel reicht ihm einen winzigen Chip. Dieser wird dem Fisch mit sicherer Hand implantiert. Das Mini-Loch im Fischbauch bleibt offen; am Ende der Behandlung genügt das Auftragen einer antiseptischen Salbe, mit der eine mögliche Infektion der Wunde verhindert wird. „Das Loch wächst von selbst wieder zu“, sagt Petereit. Nachdem er dem Tier auch noch ein paar Schuppen als zusätzliches individuelles Merkmal entnommen hat, setzt er die junge Forelle in ein frisches Bad zum „Aufwachen“ nach diesem Eingriff.

Ort des Geschehens ist ein idealer Uferplatz an der Lippingau bei Niesgrau. Hier gibt es dank des natürlichen Gefälles aus Richtung Sterup eine flotte Strömung. Die zwischen 20 und 60 Gramm wiegenden zweijährigen Fische befinden sich als so genannte „Absteiger“ auf dem Weg in die Ostsee. Dort verweilen die Meerforellen rund drei Jahre, ehe sie dann als Laichfische zurückkehren. Doch geben ihre Lebensstationen den Wissenschaftlern noch manche Rätsel auf.

Deshalb hat das Kieler Geomar-Heimholtz-Zentrum für Ozeanforschung dieses Projekt im Bereich der Evolutions-Ökologie Mariner Fische auf den Weg gebracht. „Wir betreten damit in Deutschland absolutes Neuland“, erklärt Christoph Petereit. Für das Dreijahres-Programm an der unverrohrten Lippingau stehen 485  000 Euro aus der schleswig-holsteinischen Fischereiabgabe zur Verfügung. Das Peterei-Team mit sechs Biologie-Mitarbeitern hat seit dem Start im März bereits mehr als 750 Jungforellen mit Chips versehen.

Mit einem elektronischen Lesegerät können die Forscher jeden Fisch identifizieren und seinen Weg bis zur Mündung in die Ostsee verfolgen. Aber spannend wird das Ganze erst im Spätherbst 2019, wenn die Rückkehrer kommen. Dann werden die gesammelten Daten zu neuen Erkenntnissen und Ergebnissen führen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass sich nicht alle in der Au geschlüpften Forellen „für das Meer“ entscheiden. Eine Minderheit behält ihren Lebensraum vor Ort, nimmt nicht das silberglänzende Kleid der „Maritimen“ an und wird auf diese Weise zur „Bachforelle“. In der Lippingau finden alle Forellen ein gutes Nahrungsangebot – darunter Insekten und Schnecken. Aber sie haben es auch mit etlichen Feinden zu tun, hauptsächlich mit Fischreihern, Gänsesägern und Kormoranen. Kurioserweise kann es passieren, dass eine Jungforelle mit Chip von einem Kormoran verschlungen wird und dann das Lesegerät überraschende Bewegungen durch die Luft registriert.

Für Jacob Möllgaard aus Westerholm, Vorsteher des Wasser- und Bodenverbandes Lippingau, ist dieses Forschungsprojekt ein großer Gewinn. Bestätigt wird ihm durch die Standortwahl der Wissenschaftler, dass dieses über zehn Kilometer lange Fließgewässer mit seinen Fischbrutplätzen aus Steinen und Kies sowie seinen breiten und freien Uferstreifen zu einem wertvollen Biotop entwickelt werden konnte. Petereit bestätigte: „Wir haben dank unserer Reuse unter anderem acht weitere Fischarten, darunter Aale, Schleie, Karauschen und den seltenen Blaubandbärbling zu Gesicht bekommen.“ Und Jacob Möllgaard zeigt uns ein Stückchen bachauffwärts an einer ausgespülten steilen Uferwand die Wohnstube eines Eisvogels.

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