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Schleswigs alte stadtteile : Das Wiedererwachen der Quartiere

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

„Quartiere“ – die alte Bezeichnung für die Schleswiger Stadtteile erfreut sich wachsender Beliebtheit – vor allem im Lollfuß.

Was bedeutet das denn? Schon oft ist Jan-Oliver Küster gefragt worden, warum er sein Geschäft im Lollfuß „Weinquartier No. 7“ genannt und dazu das Logo „7: Q:“ gewählt hat. „Viele Touristen wollen wissen, ob das ein Fantasiename ist“, sagt Küster. Nun, von einem reinen Fantasienamen kann man nicht sprechen. Vielmehr ist Küster im Jahr 2008 beim Streichen der alten Hausfassade auf das Logo gestoßen, das versteckt an der Wand prangte. „Und dann haben wir uns für den Namen entschieden.“

„7: Q:“ ist ein Relikt aus einer alten Zeit. Die Bezeichnung weist darauf hin, dass Schleswig einst aus acht Quartieren bestand und der Lollfuß eben das 7. Quartier der Stadt bildete. Zunächst war Schleswig seit dem 12. Jahrhundert in vier Viertel, sprich Quartiere, aufgeteilt, erklärt der Schleswiger Stadthistoriker Falk Ritter. Als der Holm dazukam und das 1. Quartier geteilt wurde, wuchs die Zahl der Stadtviertel im 16. Jahrhundert auf sechs an. Im Jahr 1711 kamen schließlich der Lollfuß und der Friedrichsberg als die Nummern sieben und acht hinzu.

Die Nummerierung der einzelnen Häuser begann erst ein halbes Jahrhundert später – und folgte einem System, das schon bald die erhoffte Orientierung vermissen ließ. So wurden die Hausnummern nicht etwa pro Straße vergeben, sondern fortlaufend für ein ganzes Quartier. Als dann im Zuge des Bevölkerungszuwachses immer mehr Häuser gebaut wurden oder gar ganze Straßen hinzukamen, wurde an den entsprechenden Stellen einfach weitergezählt. So konnte es passieren, dass Gebäude mit den Hausnummern 20 und 200 nebeneinander standen. „Das war chaotisch“, sagt Ritter. Im Haus des heutigen Weingeschäfts von Jan-Oliver Küster wohnte damals übrigens ein gewisser Joachim Gabriel Götsche. Seine Adresse: 7. Quartier No. 244. Vereinzelt findet man in Schleswig noch weitere Zeugen dieser Zeit, so etwa am Haus Friedrichstraße 108, das mit einem Ornament an die frühere Bezeichnung erinnert: 8. Quartier No. 112.

Es waren die ordnungsliebenden Preußen, die die Quartiersbezeichnungen 1888 abschafften und die Straßennamen und Hausnummern einführten, wie wir sie heute kennen. Damals war die Einwohnerzahl Schleswigs auf etwa 15 000 gestiegen – das waren rund dreimal so viele Menschen wie 100 Jahre zuvor.

Der Begriff Quartier hat verwaltungstechnisch zwar längst ausgedient, erfreut sich heute aber einer Renaissance. Als die Macher der Initiative „Pro Lollfuß“ vor einigen Wochen zu einem Strategiegespräch im Rathaus geladen waren, übergaben sie Bürgermeister Arthur Christiansen „Quartierrelevante Themen“. Selbstverständlich durfte auf dem Titelblatt des 16-seitigen Memorandums der Hinweis „Schleswigs 7. Quartier“ nicht fehlen. Auch Christiansen selbst spricht gerne von den „Quartieren“, wenn es um die Entwicklung der Stadtteile geht. Soziologen verweisen darauf, dass beim Begriff Quartier immer eine gewisse emotionale Bindung und Vertrautheit aller Einwohner zueinander und an den Ort mitschwingt. „Quartier hört sich viel schöner an als Stadtteil und steht mehr für Zusammenhalt“, findet auch Jan-Oliver Küster. „Im Lollfuß hat man das Gefühl, dass sich etwas tut, um zum Beispiel gegen Frustration und Leerstände anzugehen.“

Für Küster persönlich geht’s bei dem Begriff Quartier natürlich auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Das Logo „7: Q:“ hat er mit Blattgold verzieren lassen. Es schmückt sein Geschäft. „Irgendwann werden wir auch nochmal ein Info-Schild dazu anbringen“, sagt er.

Und in welchem Quartier wohnt eigentlich der Stadthistoriker Falk Ritter? „Ich wohne im 8. Quartier. Das sage ich aber nicht in der Öffentlichkeit. Die Menschen würden das albern finden“, stellt der 68-jährige Zahnarzt aus dem Friedrichsberg in der ihm eigenen Nüchternheit klar.

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erstellt am 10.Nov.2014 | 14:45 Uhr

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