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Schleswiger Nachrichten

27. September 2016 | 02:11 Uhr

Schleswig : Das Sterben der Telefonzellen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Immer mehr öffentliche Fernsprecher verschwinden aus dem Stadtbild. Der Seniorenbeirat setzt sich nun für den Erhalt strategisch wichtiger Standorte ein.

Hans-Uwe Stern kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal eine Telefonzelle genutzt hat. „Das ist einige Jahre her“, sagt der Vorsitzende des Schleswiger Seniorenbeirats. Und doch kämpft er darum, dass die Relikte aus einem scheinbar weit zurückliegenden Kommunikationszeitalter nicht gänzlich aus dem Stadtbild verschwinden. „Natürlich sind die Telefonzellen ein Auslaufmodell. Aber es gibt Leute, die darauf angewiesen sind, weil sie kein Handy haben“, sagt Stern.

Die Deutsche Telekom will in diesem Jahr vier von sechs in Schleswig verbliebenen Telefonhäuschen abbauen und begründet das mit mangelnder Rentabilität. Öffentliche Fernsprecher mit einem Umsatz von weniger als 50 Euro im Monat gelten als extrem unwirtschaftlich, erklärt Unternehmenssprecherin Stefanie Halle. Schließlich verursache der Unterhalt der Anlagen Kosten. „Wenn die Kommunen selbst dafür zahlen müssten, gäbe es schon keine Telefonzellen mehr“, ist Halle überzeugt. Bundesweit sind laut Telekom noch 30  000 öffentliche Telefone in Betrieb, aber es werden immer weniger.

Allein für die Beseitigung von Vandalismus-Schäden muss die Telekom nach Angaben von Halle jährlich rund eine Million Euro bezahlen. Auch in Schleswig sind die Telefonzellen immer wieder der Zerstörungswut einiger Dummköpfe ausgesetzt. So wie das Häuschen vor dem Amtsgericht im Lollfuß, das aktuell ein jämmerliches Bild abgibt. In der Tür fehlt die obere Scheibe, und an der linken Seite ist eine weitere Scheibe eingedrückt worden. Geht es nach der Telekom, hat diese Telefonzelle bald ausgedient.

Laut Paragraf 78, Abs. 2 des Telekommunikationsgesetzes ist das Unternehmen jedoch verpflichtet, die Stadtverwaltung vor Verwirklichung ihrer Rückbaupläne anzuhören. Und da kommt der Seniorenbeirat ins Spiel, der eine Stellungnahme abgegeben hat. Die Mitglieder des Gremiums haben die einzelnen Standorte inspiziert und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass die Telefonzellen vor dem Amtsgericht, in der Königstraße sowie in der Straße Am Damm bleiben müssten. „Man kann eine solche Entscheidung nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen treffen“, findet Hans-Uwe Stern. „Stattdessen gilt es zu gucken, wo eine Telefonzelle auch eine strategische Bedeutung hat“, sagt der Seniorenbeiratsvorsitzende und nennt vor allem den Standort an der Fachklinik (Am Damm). „Im Sinne der Daseinsfürsorge für alle Generationen hat die Stadtverwaltung das Anliegen des Seniorenbeirates aufgenommen und der Telekom vorgetragen“, teilt Rathaussprecherin Antje Wendt auf SN-Nachfrage mit.

Die Telekom muss die Bedenken der Stadt bei ihrer Entscheidung nicht berücksichtigen. Wenn möglich, handele man aber im Konsensprinzip, versichert Sprecherin Stefanie Halle. Denkbar sei, dass die Telefonhäuschen durch sogenannte Basistelefone ersetzt werden, von denen es in Schleswig bereits einige gibt und die wesentlich günstiger in der Unterhaltung sind.

Doch nehmen auch an diesen Stationen nur noch wenige Schleswiger den Hörer in die Hand. Schließlich ist im Mobilfunkzeitalter inzwischen beinahe jeder mit einem eigenen Telefon in der Tasche unterwegs. Dessen ist sich auch Hans-Uwe Stern bewusst, dem das erst vor kurzem noch einmal deutlich vor Augen geführt wurde: „Ich war auf einer Veranstaltung, bei der in Pause plötzlich auch die Über-80-Jährigen ihre Smartphones zückten.“

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erstellt am 07.Mär.2016 | 07:21 Uhr

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