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Wahlbenachrichtigung in „leichter Sprache“ : Das Rätsel um die Land-Tags-Wahl

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Wahlbenachrichtigungen in „leichter Sprache“ lassen viele Bürger ratlos zurück – und auch Experten wundern sich.

Wer Post vom Amt bekommt, muss oft dreimal lesen – und versteht dann immer noch nicht alles. Amtsdeutsch eben. Am Wochenende erhielten die meisten Schleswiger Bürger einen Brief aus dem Rathaus, den ebenfalls viele drei Mal lasen. Aber nicht, weil er in Amtsdeutsch verfasst war, sondern weil er sie auf ganz andere Weise irritierte. Es war die Wahlbenachrichtigung für die Landtagswahl am 7. Mai. Beziehungsweise die „Wahl-Benachrichtigung“ für die „Land-Tags-Wahl“. In dem Schreiben wimmelt es von Bindestrichen: Post-Leit-Zahl, Haus-Nummer, Geburts-Datum und Vor-Name.

Die Stadt Schleswig ist zwar die Absenderin dieser Briefe. Der Text aber kommt direkt vom Landeswahlleiter im Kieler Innenministerium. Die Wahlbenachrichtigungen, die die Bürger in den Umlandgemeinden in diesen Tagen aus ihren Amtsverwaltungen bekommen, sehen genau so aus. Der Landeswahlleiter hat damit einen zwei Jahre alten Landtagsbeschluss umgesetzt: Die Wahlbenachrichtigungen sollen in „leichter Sprache“ geschrieben werden – damit alle Wahlberechtigten sie verstehen können. Das Ergebnis: Allein bis gestern Mittag meldete sich rund ein Dutzend verwunderter Bürger bei Ordnungsamtsleiter Rainer Raup. „Die Nachfragen waren kritisch“, sagte Stadtsprecherin Antje Wendt.

Dabei hatten viele Bürger nicht zum ersten Mal ein Schreiben in „leichter Sprache“ im Briefkasten. Die Schleswiger Stadtwerke zum Beispiel haben schon vor einiger Zeit damit begonnen, die Briefe an ihre Kunden verständlicher zu formulieren. Dafür arbeiten sie mit dem Büro Capito im Lollfuß zusammen, das zu den Schleswiger Werkstätten gehört. So viele Irritationen wie die Wahlbenachrichtigungen haben die Stadtwerke-Briefe nicht ausgelöst. Jan-Henrik Schmidt, der Leiter der Schleswiger Werkstätten, glaubt zu wissen, warum: „Übersetzungen in leichte Sprache müssen zielgruppengerecht sein. Man muss immer im Kopf haben, wer der Adressat ist.“ Gerne hätte das Capito-Büro auch die Wahlbenachrichtigungen formuliert. Aber der Auftrag des Landeswahlleiters ging an eine Agentur in Hamburg. „Wir wollen deren Arbeit gar nicht kritisieren“, sagt Capito-Mitarbeiterin Anna Lang. Aber sie macht deutlich: „Wir hätten es anders gemacht“. Sie spricht von verschiedenen Sprachebenen, in die sich Texte übertragen lassen. Die Briefe für die Stadtwerke zum Beispiel sind im Niveau B1 verfasst. B1 bedeutet: Es gibt keine schwierigen Fachbegriffe und keine komplizierten Satzkonstruktionen. Manche Experten vergleichen diese Stufe mit dem Boulevardzeitungs-Stil. Es ist normale Alltagssprache statt Amtsdeutsch.

Wahlbenachrichtigung: Drei Versionen im Vegleich

Amtsdeutsch (Bundestagswahl 2013)

Wahlscheine nebst Briefwahlunterlagen werden auf dem Postweg übersandt oder amtlich überbracht. Sie können auch persönlich bei der Gemeinde abgeholt werden. Wer für einen anderen Wahlschein und Briefwahlunterlagen beantragt, muss eine schriftliche Vollmacht vorlegen.

Landtagswahl 2017

Dann bekommen Sie den Wahl-Schein und und die Brief-Wahl-Unterlagen [...] Soll eine andere Person für Sie die Brief-Wahl-Unterlagen beantragen oder abholen? Dann braucht diese Person eine schriftliche Voll-Macht von Ihnen. Oder den von Ihnen unterschriebenen Wahl-Schein-Antrag.

Vorschlag Capito Schleswig

Sie bekommen  einen Wahlschein und die Briefwahl-Unterlagen zugeschickt. [...] Soll eine andere Person für Sie die Briefwahl-Unterlagen beantragen oder abholen? Dann braucht diese Person den Wahlschein, den Sie unterschrieben haben, oder eine schriftliche Vollmacht.

 

Die Verfasser der Wahlbenachrichtigungen hatten hingegen offenbar das Ziel, eine noch leichtere Sprache zu verwenden, meint Anna Lang. Ein sehr ehrgeiziges Ziel. Schließlich müssen offizielle Schreiben auch alle wichtigen Informationen enthalten, so dass sie einer gerichtlichen Überprüfung standhalten. „Auf dem B1-Niveau ist das machbar“, sagt Lang. Vereinfache man noch stärker, sei es aber oft erforderlich, Informationen wegzulassen. So weit aber konnte das Team des Landeswahlleiters nicht gehen. Der Entwurf der Hamburger Agentur wurde im Ministerium noch einmal überarbeitet. An vielen Stellen taucht nun doch wieder Amtsdeutsch auf – nur die gewöhnungbedürftigen Bindestriche sind geblieben. „Aber wenn ich nicht weiß, was eine Gemeindewahlbehörde ist, helfen mir zwei Bindestriche auch nicht weiter“, meint Kerrin Schöne, Sprecherin der Norddeutschen Gesellschaft für Diakonie, zu der die Schleswiger Werkstätten und das Capito-Büro gehören.

Das Thema beschäftigt unterdessen auch die Schleswiger Politik. Der CDU-Ortsvorsitzende Helge Lehmkuhl zeigte sich entsetzt, als er seine Wahlbenachrichtigung las. „Peinlich“ und „unglaublich“ waren seine Kommentare. Die Schleswiger SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls verteidigt die grundsätzliche Idee, die Schreiben in leichter Sprache zu verfassen und verweist darauf, dass der Landtag dies auch mit den Stimmen der Opposition beschlossen habe. „Man kann sich allerdings darüber unterhalten, ob die Art der Gestaltung besonders gelungen und gut kommuniziert ist. Hätte Capito den Auftrag bekommen, würde der Text wohl anders aussehen.“

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erstellt am 11.Apr.2017 | 11:32 Uhr

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