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Schleswiger Nachrichten

08. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

Streitgespräch mit dem Bürgermeister : Braucht Schleswig eine Vision?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Arthur Christiansen diskutiert mit dem kritischen Neubürger Hartmut M. Volz über den Zustand der Stadt.

Vergleiche mit dem Fußball drängen sich auf in diesen Wochen der Europameisterschaft. Und so bemüht auch Hartmut M. Volz am Montagabend ein entsprechendes Bild, als er seine Wahlheimatstadt charakterisiert: „Schleswig kommt mir vor wie eine Fußballmannschaft, die ohne System, ohne Kapitän und ohne Trainer spielt.“ Volz ist eine Art Chefkritiker geworden, seit er vor sechs Wochen in einem Gastbeitrag in den SN ein harsches Urteil über die Schleistadt und ihre Verantwortlichen fällte. Das hat dem 70-Jährigen, der seit anderthalb Jahren mit seiner Frau auf der Freiheit lebt, selbst auch einige Kritik eingebracht, zuletzt bei der Altstädter St.  Knudsgilde. Man wolle sich sein schönes Schleswig nicht madig machen lassen, hieß es da. Jetzt hatte Bürgermeister Arthur Christiansen seinen Rotarier-Freund Volz zu einem Streitgespräch in seine Altbauwohnung im Friedrichsberg eingeladen.

Eines stellt der Journalist und Autor Volz gleich zu Beginn des Abends klar: „Ich stehe zu jedem Satz, den ich gesagt habe.“ Um sogleich hinzuzufügen, dass sein Beitrag ganz bewusst provozieren sollte. „Es war eine Impulsrede und keine Schönfärberede.“ Der frühere „Spiegel“-Redakteur Volz hatte im Auftrag der Hermann-Ehlers-Akademie bei einer Veranstaltung im Kieler Landeshaus gesprochen. Und Schleswig stehe beispielhaft für viele vergleichbare Städte im Land. Noch an jenem Abend habe er durchweg positive Reaktionen erhalten, genauso wie nach der anschließenden Veröffentlichung in den SN. „Das Entscheidende für mich ist“, sagt Volz, „dass ein konstruktiver Diskurs über die Zukunft der Stadt stattfindet.“

In dem Dialog unter den den wachsamen Augen von Friedrich    III. – ein abfotografiertes Gemälde des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf (1616 bis 1659) ziert Christiansens Wohnzimmer – geht es vor allem um die Frage, ob Schleswig eine Vision braucht. Volz fordert eine solche vehement. Christiansen hingegen wiegelt ab: „Ich bin nicht der Visionär“, sagt der Bürgermeister. „Für mich ist Politik die Kunst des Machbaren.“ Gleichwohl versuche er als Pragmatiker, eine „Roadmap“ zu entwickeln und anhand dieses Plans in kleinen Schritten voranzugehen. „Freund Volz, was ich hier vor zweieinhalb Jahren an Baustellen übernommen habe, ist unglaublich!“, sagt Christiansen und nennt die bekannten Beispiele: Theater, Hotel Stadt Hamburg, Hertie-Haus, Nootbaar-Gebäude und Innenstadtsanierung. „Ich habe eine Verwaltung übernommen, die ich erst einschwören musste auf eine neue Zeit. Jetzt sind wir soweit, dass wir das Punkt für Punkt abarbeiten können.“

Volz ermahnt den Verwaltungschef, er müsse die Bürger im Vorfeld überzeugen und mitnehmen. Das jedoch, erwidert Christiansen, sei äußerst schwierig. „Nicht jeder ist so Politik-affin, dass er sich mit den Themen in der Tiefe befasst.“ Vieles nehme der Bürger erst richtig wahr, wenn er sieht, dass gebaut wird. „Ich glaube auch nicht, dass die Schleswiger große Visionen wollen“, so Christiansen. In erster Linie seien sie daran interessiert, dass ihre Versorgung gewährleistet sei – von der Müllabfuhr über ein vernünftiges Shoppingangebot bis hin zur Ausstattung mit Breitband.

Und dann geht es um den Bürgerstolz, den der Zugereiste Volz bei den Schleswigern so schmerzlich vermisst. „Ja, das ist etwas, was ich auch registriert habe, als ich hergekommen bin“, pflichtet ihm Christiansen bei. Man sehe das Glas eher halb leer als halb voll. Warum das so ist, das wisse er auch nicht. Christiansen: „Es gibt keinen Grund dafür, denn diese Stadt hat so viele Potenziale.“

Die Potenziale – Volz würde sich wünschen, dass Schleswig seine Lage am Wasser besser ausnutzt, durch entsprechende Bebauung. Die Königswiesen sind daher für ihn „totes Kapital“. Das sieht der Bürgermeister anders: „Die Königswiesen sind ein Naturplatz, auf dem ich verweilen kann oder wo Veranstaltungen stattfinden können.“

Natürlich diskutieren Christiansen und sein Gast auch über die Kommunalpolitiker. „Es darf nicht so aussehen, als wenn Politik mit dem Lämmerschwanz gemacht wird“, findet Volz, der die Uneinigkeit in der Stadt beklagt. Vielleicht könne ein Mediator die Verkrampfungen zwischen den Interessengruppen lösen. Zu den vielen Lenkungsgruppen, die es mittlerweile gibt, hat Volz ebenfalls eine Meinung: „Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man einen Arbeitskreis.“ Christiansen ist hingegen vom Zwecke der Lenkungsgruppen überzeugt. Komplizierte Sachverhalte wie etwa das Landestheater-Konstrukt könne man nicht so ohne Weiteres im zuständigen Ausschuss beraten, argumentiert der Bürgermeister.

Liegt denn nun wirklich Mehltau über der Stadt, wie Volz in seinem Gastbeitrag geschrieben hat? Der Alt-68er, wie er sich selbst nennt, ist bereit, zumindest in diesem Punkt ein wenig zurückzurudern. Und er sagt auch: „ Ich bin in diese Stadt verliebt.“ Allerdings frage er sich jeden dritten Tag, ob er sich trennen sollte. Wichtig sei ihm, betont er, dass sich niemand von seinen Ausführungen persönlich verletzt fühlt.

„Ich fühle mich nicht verletzt“, versichert Christiansen. Nach zweistündiger Diskussion steht für den Hausherrn fest: „Beim ‚Ob‘ liegen wir gar nicht so weit auseinander, aber beim ‚Wie‘ sind wir überhaupt nicht zusammengekommen.“ Und dass Schleswig eine Mannschaft ohne Trainer sei – das kann er so natürlich so auch nicht stehen lassen.

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erstellt am 06.Jul.2016 | 07:19 Uhr

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