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Schleswiger Nachrichten

04. Dezember 2016 | 00:59 Uhr

Syrische Flüchtlingsfamilie : Brandanschlag in Schleswig: „Was dabei alles hätte passieren können“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Schleswiger Bürgermeister Arthur Christiansen verurteilt den „feigen Angriff“. Die Kriminalpolizei und der Staatsschutz ermitteln.

Diese Nachricht versetzt ganz Schleswig in einen Schockzustand: Am späten Donnerstagabend haben bislang unbekannte Täter einen Brandanschlag auf ein Mehrfamilienhaus an der Ecke Bahnhofstraße/Hornbrunnen verübt. Ziel des Angriff war eine neunköpfige syrische Flüchtlingsfamilie. Laut Polizeiangaben wurde gegen 22.40 Uhr eine brennbare Flüssigkeit gegen das Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss und auf die Fensterbank des Hauses gekippt und angezündet. Die Familie, die zu dieser Zeit zum Großteil am Esszimmertisch saß, bemerkte den Angriff, der Vater konnte das Feuer mit einer Decke löschen. Die alarmierte Feuerwehr musste nicht mehr eingreifen. Es wurde kein Anwohner des Hauses verletzt, jedoch hat eines der Kinder, das vor Schreck gegen eine Tür gelaufen war, eine Platzwunde davon getragen.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise haben Anschläge auf Flüchtlingsheime zugenommen. In Schleswig-Holstein gibt es bislang nur vereinzelte Fälle. In Flensburg wurde zuletzt Ende Februar ein Anschlag auf ein Flüchtlingsheim verübt. Dabei schüttetenden Unbekannte eine Chemikalie in den Duschraum einer Unterkunft am Dammhof.

Bürgermeister Arthur Christiansen zeigte sich „entsetzt“ von dem Anschlag, als er am Freitagmittag die syrische Familie vor Ort besuchte. „Wer so etwas macht, setzt das Leben von Menschen aufs Spiel. Was geht in solchen Leuten vor? Diese Tat ist erschreckend – und hochgradig asozial“, betonte Christiansen, der zudem von einem „Angriff auf die Zivilgesellschaft in Schleswig“ sprach. Die Stadt wolle sich durch solche feigen Aktionen allerdings nicht vom eingeschlagenen Weg der „Willkommenskultur“ abbringen lassen. Im Gegenteil: „Jetzt erst recht! Wir heißen Flüchtlinge hier in Schleswig weiter willkommen. Deswegen hoffe ich, dass die Bürger der Stadt nicht schweigen, sondern ein Zeichen setzen gegen Fremdenhass.“

Die Nachbarn, die sich – aufgeschreckt durch das große Aufgebot an Polizei, die in der Umgebung des Hauses unter anderem mit Spürhunden im Einsatz war – auf der Straße zeigten, wollten sich zu den Vorfällen nicht äußern. Nur ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, drückte das aus, was wohl die meisten dachten: „Man will sich gar nicht ausmalen, was dabei hätte passieren können.“ Dieser Meinung war auch Oliver Frieß. Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes ist zuständig für Flüchtlingsfragen in der Stadt. Er selbst hat die Familie Ende letzten Jahres in das Haus einquartiert. „Das Wort ,schockiert’ reicht für meinen aktuellen Gemütszustand gar nicht aus“, sagte er, nachdem er sich gestern länger mit den Betroffenen unterhalten hatte. Die aus Syrien stammende Familie lebt erst seit dem 30. November vergangenen Jahres in Schleswig. Eines der sieben Kinder ist behindert. Den Umständen entsprechend gehe es allen Betroffenen gut. Die Stadt hat dennoch reagiert und die Familie bereits gestern in eine andere Wohnung umquartiert.

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist diese in den vergangenen Wochen schon mehrfach beleidigt und attackiert worden. Unter anderem wurde ein Böller durch ein offenes Fenster in die Wohnung geworfen, ein anderes Mal wurde lautstark gegen eine Scheibe geklopft und dabei rumgegrölt. „Diese Vorfälle waren auch für uns neu, sie wurden bislang nicht zur Anzeige gebracht“, erklärte Polizeisprecherin Franziska Jurga auf SN-Nachfrage.

Was den Brandanschlag betrifft, geht die Polizei nach aktuellem Ermittlungsstand von zwei Tätern aus. Offenbar wurden diese von mehreren Zeugen beobachtet. Demnach floh das Duo über den Hornbrunnen in Richtung Friedrichstraße. Es soll sich um junge Männer handeln, beide etwa 1,70 Meter groß. Sie trugen dunkle Jacken, eventuell einen grünen Kapuzenpullover. Einer der Männer hatte einen Bart. Hinweise nimmt die Schleswiger Kriminalpolizei unter Telefon 04621-840 entgegen. Für die strafrechtliche Bewertung des Falles sei es zudem von großer Bedeutung, ob die brennbare Flüssigkeit in der ausgekippten Menge geeignet war, das ganze Gebäude in Brand zu setzen, erklärte Jurga weiter. „Das wird nun durch Sachverständige des Landeskriminalamtes geprüft.“ Zudem befasse sich der Staatsschutz mit dem Fall.

„Schlichtweg entsetzt“ zeigten sich derweil Jutta Just, eine der Koordinatoren der Flüchtlingshilfe Haddeby-Schleswig, und Awo-Geschäftsführerin Maren Korban, deren Einrichtung zahlreiche Flüchtlinge in der Stadt betreut. „Das Zusammenleben mit den Asylbewerbern hat hier bislang hervorragend geklappt. Auch weil unglaublich viele Leute mit ganz viel Herzblut mithelfen. Negative Schlagzeilen waren uns völlig fremd – und jetzt das“, sagte Just. Dass es auch in Schleswig Menschen gebe, die nicht einmal davor zurückschreckten, das Leben kleiner Kinder aufs Spiel zu setzen, mache sie fassungslos.

Ironie des Schicksals: Ebenfalls am Donnerstagabend fand auf Einladung der Stadt und des Friedrichsberger Bürgervereins in der Dannewerkschule ein Stadtteiltreffen mit Flüchtlingen statt. Zahlreiche Friedrichsberger, deren Stadtteil von jeher geprägt ist durch Zuwanderer, folgten der Einladung und erlebten einen harmonischen Abend.

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erstellt am 05.Mär.2016 | 10:02 Uhr

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