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Schleswiger Nachrichten

24. März 2017 | 03:13 Uhr

Lürschau : Bluttat nach Führerschein-Entzug: Zehn Jahre Haft für den Totschläger

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Weil er seinen Führerschein nicht zurückbekam, tötete ein 57-Jähriger seine Sachbearbeiterin. Für das Verbrechen wurde er nun vom Landgericht Flensburg zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Der 57-jährige Karl-Heinz M. aus Dannewerk ist vom Flensburger Landgericht zu zehn Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der arbeitslose Berufskraftfahrer am 29. April die 37-jährige Karen H. in ihrem Haus in Lürschau durch sieben Messerstiche und eine „heftige Gewaltattacke auf den Hals“ getötet hat. Grund für den tödlichen Angriff war nach Auffassung der Kammer, dass der Angeklagte das Opfer für den Verlust seines Führerscheins verantwortlich machte. Karen H. war in der Zulassungsstelle der Schleswiger Kreisverwaltung als Sachbearbeiterin tätig gewesen. Der Angeklagte nahm den Urteilsspruch ohne äußere Regung hin.

Nach den Plädoyers von Staatsanwalt, der Anwältinnen der Nebenkläger und der Verteidiger hatte der 57-Jährige noch einmal selbst das Wort ergriffen. „Was mir hier vorgeworfen wird, kann ich weder bestätigen noch verneinen. Ich bin nicht in der Lage, mich zu erinnern. Wenn es sich so abgespielt hat, möchte ich die Hinterbliebenen um Entschuldigung bitten.“

Trotz der Tatsache, dass sich der Angeklagte während der gesamten Verhandlung auf eine Erinnerungslücke von zehn Tagen rund um den Tatzeitraum berief und keine Aussagen zum Geschehen machte, waren sich alle Prozessbeteiligten darin einig, dass er Karen H. getötet hat. Wichtigster Beleg war seine DNA unter einem Fingernagel der linken Hand des Opfers.

Offen war, ob die Tat als Mord oder als Totschlag gewertet werden sollte. Die Staatsanwaltschaft wollte zunächst wegen Mordes verhandeln, die Kammer änderte die Anklage auf Totschlag. Dem folgte Staatsanwalt Axel Schmidt in seinem einstündigen Plädoyer. „Das Geschehen war sehr nah an den Mordmerkmalen. Der Angeklagte hat zielgerichtet und geplant gehandelt – und er wollte töten.“ Er habe sich in die Privatsphäre des Opfers eingeschlichen – aber möglicherweise habe es bei der „unheilvollen Begegnung“ vorab so etwas wie ein Gespräch gegeben. Und natürlich sei es niederer Beweggrund, jemanden umzubringen, weil man mit seiner Entscheidung nicht einverstanden ist. „Das ist objektiv auf niedrigster Stufe“, sagte Schmidt. Ob der Angeklagte das erkannte, sei jedoch fraglich. Der Staatsanwalt folgte der Einschätzung des Gutachters, der eine Einschränkung des Urteilsvermögens beim Angeklagten, hervorgerufen durch eine alkoholismus-bedingte Hirnschädigung, nicht ausschließen wollte. Er forderte elf Jahren und drei Monaten Haft.

Weit darüber hinaus gingen die Anwältinnen Natascha Machande und Rebecca Schöpfer-Chatterton, die die Angehörigen des Opfers als Nebenkläger vertraten. Sie plädierten dafür, die Bluttat als Mord zu werten und lebenslange Haft zu verhängen.

Verteidiger Rudolf Behn wies darauf hin, dass es nicht möglich sei, das Geschehen aus der Sicht des Angeklagten zu betrachten. Dass sein Mandant der Täter ist, stellte Behn nicht in Frage – er bat um ein Urteil unter zehn Jahren Haft.

Vor dem Urteil wandte sich noch der Vater der getöteten Karen H. im Namen der Angehörigen an das Gericht. Er sprach von einem Mord – brutal, geplant, heimtückisch und eiskalt. „Der Schock sitzt tief bei uns“, sagte er. Es sei schwer zu ertragen, den Täter mit seiner „lockeren Arroganz und seinem absurden Verhalten“ zu ertragen.

Richter Michael Lembke ging direkt darauf ein. Ein Urteil könne nie für endgültige Gerechtigkeit sorgen, sagt er. Aufgabe des Gerichts aber sei es, das Geschehen objektiv, emotionslos und professionell zu bewerten. Eine Verurteilung wegen Mordes sei nicht in Frage gekommen. Es habe keinerlei Augenzeugen und keine Tatspuren gegeben, sagte Lembke. So könne nicht zweifelsfrei bewiesen werden, dass der Angeklagte heimlich durch die unverschlossene Nebentür ins Haus geschlichen sei. Vielleicht habe er dort vorher angeklopft oder geklingelt. Auch wenn die Gleichung „Führerschein gegen Leben“ objektiv einen niederen Beweggrund darstelle – dem Täter müsse die Niedrigkeit seiner Tat auch subjektiv bewusst sein. Dies sei jedoch zweifelhaft. Deshalb musste das Gericht die Tat als Totschlag werten.

 

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erstellt am 06.Dez.2013 | 07:45 Uhr

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