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Schleswiger Nachrichten

03. Dezember 2016 | 12:44 Uhr

Nach Ausbruch der Vogelgrippe : Besuch im Sperrbezirk: Wohin mit den ganzen Eiern?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bei Geflügelbauer Carsten Nissen in Tolk stapeln sich tausende Eier – die er weder verkaufen noch verwerten darf.

Tolk | Am Donnerstag vergangener Woche hatte sich Carsten Nissen noch relativ gelassen über die nahende Vogelgrippe geäußert. Die verendeten Enten am Noor Lindaunis erschreckten den Landwirt noch nicht so sehr. „Ich habe meine Hühner unter Dach“, hatte der 53-jährige Landwirt da noch gesagt. Eine Aussage, die er aus heutiger Sicht lieber nicht gemacht hätte. „Da denkt man, das ist noch weit weg. Man glaubt und hofft einfach, dass es einen selbst nicht trifft. Und dann steht man plötzlich mitten im Chaos“, sagte der 53-jährige Landwirt am Montag.

Der Erreger gilt als ungefährlich für Menschen, ist aber eine erhebliche Bedrohung für Hausgeflügel. Der Stallzwang für Geflügel betrifft in SH jedoch nicht alle Züchter gleichermaßen.

Seit dem Wochenende liegt sein Hof mit rund 1000 Legehennen mitten im Krisengebiet, nachdem in dem Riesenstall eines Nachbarn in Grumby das Virus H5N8 nachgewiesen worden war. Der gesamte Bestand von 30.000 Hühnern war in der Nacht auf Montag vorsorglich getötet worden, die einsam gelegenen Ställe sind hermetisch abgeschottet. Auch 300.000 Eier, die der Betrieb an eine dänische Brüterei geliefert hatte, wurden dort vernichtet.

Der Hof von Carsten Nissen liegt wenige hundert Meter entfernt – und obwohl seine Hühner gesund und in einem sicheren Stall untergebracht sind, hat ihn der Fall ganz direkt getroffen: Betriebe, die im Umkreis von bis zu drei Kilometern liegen, dürfen weder ihre Tiere noch deren Eier herausbringen. Sperrgebiet eben.

Wie an jedem Dienstag wollte Carsten Nissen eigentlich heute Kunden mit seinen Eiern beliefen – knapp 30 Anlaufstellen in Jagel, Schleswig, Böklund und anderen Orten – Läden, Gaststätten und Privatleute. Doch schon am Wochenende kamen vom Kreis klare Ansagen: Kein Verkauf von Eiern aus dem Sperrgebiet! Und den kleinen Hofladen schließen! „Das ist ein Schlag, von diesem Hof werden seit 50 Jahren Eier geliefert, und unsere Zuverlässigkeit ist neben der Qualität unser Markenzeichen“, sagt Carsten Nissen, der schließlich eine Notlösung fand: Zwei Berufskollegen helfen ihm mit Eiern aus. Logistisch ist das eine Herausforderung, denn die Eier von außerhalb werden 17 Kilometer von seinem Hof entfernt übernommen, ehe er seine Tour beginnt. An seinen Hof darf er sie nicht liefern lassen, sind die Eier einmal im Sperrgebiet, dürfen sie nicht wieder raus. Nissen ist zufrieden, dass er zumindest heute seine Kunden beliefern kann, wie lange allerdings Eier von außerhalb verfügbar sind, ist ungewiss.

Auch finanziell ist es eine unbefriedigende Situation, denn er muss die Eier, die er nun ausliefert, ja selbst bezahlen – und das obwohl sich in seinem Lager bereits Tausende eigene stapeln. „Die Kosten und der Aufwand bleiben gleich, weil ich die Hühner ja füttern muss – aber Geld kommt nicht rein“, beschreibt der Landwirt die Situation. Zwar kamen in den vergangenen Tagen immer wieder Kunden, die Eier wollten, berichtet Lebensgefährtin Sandra Guse. „Sie haben gesagt, dass unsere Eier immer gut wären und sie keine Bedenken hätten – aber da gab es keine Diskussion.“

Also stapeln sich die Eier weiter. „Ich habe keine Ahnung, was ich damit machen soll“, sagt Carsten Nissen. Seine Idee, sie an seine Schweine zu verfüttern, die er in einigen Kilometern Entfernung hält, hat das Veterinäramt abgelehnt. „Sie müssen wohl vernichtet werden“, befürchtet der Landwirt. „Aber wann, wie und wo, das entscheidet das Ministerium.“ Und das hat sich noch zu keiner Entscheidung durchringen können.

Neben vielen anderen Aufgaben gilt das Augenmerk von Carsten Nissen nun der Frage, wie er seine Hühner vor dem tödlichen Virus schützen kann. Sicher, es gibt strenge Hygienevorschriften, die auch penibel eingehalten werden. „Die Ställe in Grumby waren hermetisch abgeschottet. Mehr kann man nicht machen“, sagt er. Er selbst überlässt die Kontrolle der Hühner einem Mitarbeiter. „Jede weitere Person ist ein zusätzliches Risiko – und das müssen wir meiden. Carsten Nissen und Sandra Guse tun alles dafür, die Vogelgrippe von ihrem Bestand fernzuhalten. „Wir hoffen, dass es bald vorbei ist“, sagt er. Die Gelassenheit der vergangenen Woche ist inzwischen komplett verschwunden.

Die Besitzer bekommen eine Entschädigung aus dem Tierseuchenfonds des Landes. In diesen Fonds müssen alle Tierhalter mit mehr als 25 Tieren einzahlen und zwar 0,0119 Euro pro Junghennen oder Hähnchen sowie 0,0297 Euro für eine Legehenne. Für Puter, Enten und Gänse werden 12 Cent berechnet. Wird wie in Grumby ein Bestand auf behördliche Anordnung getötet, erhält der Besitzer eine Entschädigung in Höhe des Verkehrswertes der Tiere, teilt der Bauernverband in Rendsburg mit.

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erstellt am 15.Nov.2016 | 07:09 Uhr

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