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Schleswiger Nachrichten

10. Dezember 2016 | 09:52 Uhr

Arbeit in der Landwirtschaft : Bauer sucht Mitarbeiter - aber niemand möchte auf dem Land arbeiten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Michaela Gimm und Hans-Jürgen Harder wünschen sich eine Entlastung. In zehn Jahren soll für die beiden Schluss sein.

Das kleine Kalb ist gerade mal ein paar Stunden alt. Es wurde in der Nacht zuvor geboren und verbringt jetzt seinen ersten Vormittag zusammen mit seiner Mutter Perdita sowie anderen Kälbern und Mutterkühen in einer separaten Box. Hier darf Perdita einige Wochen lang den Nachwuchs selber aufziehen, bis sie von ihm getrennt wird. „Das haben wir vor Kurzem eingeführt, damit Mutter und Kalb nach der Geburt noch etwas zusammen sein können. Wir merken, dass es den Tieren gut tut“, sagt Michaela Gimm. Gerne würden sie dieses Modell noch ausweiten, „aber im Moment fehlt uns einfach die Zeit dazu“. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Hans-Jürgen Harder (51) und seinem Sohn Martin (23) bewirtschaftet sie den Beerbekhof im Lindewitter Ortsteil Riesbriek.

Höhere Mobilität, mehr Arbeitsplätze, besseres Freizeitangebot - immer mehr Menschen zieht es vom Land in die Stadt. Die Folge: Ländliche Branchen wie die Landwirtschaft fehlt es an Arbeitskräften, die Arbeitsbelastung der Landwirte steigt und die Branche verliert an Attraktivität.

Seit einigen Monaten suchen die Landwirte schon nach einer Hilfskraft, die sie bei ihrer täglichen Arbeit unterstützt. „Inzwischen herrscht schon so etwas wie pure Verzweiflung“, sagt Michaela Gimm. Die 49-Jährige ist vor fünf Jahren auf den Hof gekommen. „Ich hatte ziemlich idyllische Vorstellungen von so einem Betrieb und musste schnell lernen, dass diese nicht der Realität entsprechen“, sagt sie. Die Tierheilpraktikerin kümmert sich um die insgesamt 140 Kühe. „Wenn man in der Landwirtschaft arbeitet, erwarten einen unglaubliche Anforderungen. Man muss immer zurückstecken, weil es hauptsächlich um das Wohl der Tiere geht.“

In spätestens zehn Jahren ist für beide Schluss

Die Arbeit mache ihnen zwar Spaß, trotzdem wünschen sich die Landwirte eine Entlastung. „Wir werden immer älter und können die teils sehr körperliche Arbeit nicht mehr lange leisten. Außerdem hoffen wir auf etwas Freiraum. Man verliert einen Teil seines Lebens.“ Auch durch die Arbeitszeiten sei kaum noch an Freizeit zu denken. „Morgens um sechs geht’s in den Stall. Abends bin ich nach einem langen Tag zu erschöpft, um noch etwas zu unternehmen“, sagt Gimm. In spätestens zehn Jahren sei für beide Schluss.

„Wir hätten nicht gedacht, dass die Suche so schwierig sein würde.“ Weder Stellenanzeigen in der Zeitung noch im Portal der Flensburger Arbeitsagentur führten zum Erfolg. Inzwischen war sogar ein Arbeitsberater auf dem Hof zu Gast, um eine Lösung zu finden. „Die Guten sind alle schon weg. Die haben eine Stelle“, vermutet Michaela Gimm den Grund für die ausbleibenden Bewerbungen. Dabei sei eine Ausbildung in der Landwirtschaft auf dem Beerbekhof kein Muss. „Wir suchen jemanden, der Spaß daran hat. Man kann alles lernen. Wichtig ist vor allem gesunder Menschenverstand“, sagt Michaela Gimm. Auch Flüchtlinge, Ungelernte und Langzeitarbeitslose seien in Riesbriek willkommen.

Was erwartet einen Helfer? „Tiere, Tiere, Tiere“, antwortet Michaela Gimm lachend und fügt dann hinzu: „Er oder sie sollte dabei helfen, die Tiere zu betreuen, das heißt füttern, melken und ausmisten.“ Das Wohl der Tiere ist den Landwirten wichtig. „Wir bauen eine Beziehung zu den Tieren auf. Wir haben sogar eine Gnadenknuh. Gabi ist 13 und wird nicht geschlachtet.“

„Unsere Arbeit hat viel damit zu tun, wie es früher einmal war“

Zudem sollte ein zukünftiger Mitarbeiter sie nicht nur entlasten, sondern sich auch einbringen. Michaela Gimm und Hans-Jürgen Harder haben nämlich viele Visionen, wie sich der Hof weiterentwickeln könnte. „Wir stellen zurzeit auf Bio um und würden auf dem Hof gerne Raum für Projekte schaffen“, sagt Harder. Er kritisiert die „große Technisierung“ und wünscht sich eine Rückkehr zu dem, was Landwirtschaft eigentlich ausmache. „Unsere Arbeit hat viel damit zu tun, wie es früher einmal war“, sagt der 51-Jährige.

Dazu gehöre zum Beispiel auch, dass die Menschen mehr teilhaben sollten – der Hof als Dorfmittel- und sogar Treffpunkt funktioniere. „Wir stellen uns vor, dass hier so etwas wie ein kreativer Raum entsteht und Menschen sich verwirklichen können.“ Sei es beim Anbau von Gemüse oder dem Kümmern um Kälber. „Vielleicht können wir auch Menschen ansprechen, die sonst nicht auf die Idee kommen würden, etwas in der Landwirtschaft zu tun.“

Der Hof steht gut dar - trotz der Krisen

1992 hat Hans-Jürgen Harder den Hof von seinen Eltern übernommen. Dazu gehören 145 Hektar Land, das zum Teil mal zu sechs weiteren Betrieben gehörte, die inzwischen aufgegeben haben – aus wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Problemen. Auch am Beerbekhof seien die Krisen nicht vorbeigegangen. Der Betrieb stehe aber gut dar. „Große Investitionen müssen hintenan gestellt werden“, sagt Harder. Dass andere Höfe wegen fehlender Nachfolge aufgeben, kann er gut nachvollziehen.

Er selbst habe das am eigenen Körper zu spüren bekommen. „An die ersten Jahre kann ich mich kaum mehr erinnern, da mich die große Verantwortung fast erdrückt hat.“ Momentan hadere er damit, den Hof an seinen Sohn zu übergeben. „Ich weiß, dass viele Bauern durch ihre Arbeit krank werden, aber niemand tut etwas dagegen.“ Daher wünsche er sich mehr Weisheit von den Politikern. „Diese müssen korrigierend eingreifen, damit wir am Ende nicht nur gequälte Menschen und Tiere auf den Höfen haben.“

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erstellt am 19.Okt.2016 | 13:09 Uhr

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