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Schleswiger Nachrichten

11. Dezember 2016 | 11:06 Uhr

Podiumsdiskussion in Schleswig : Auch Männer wollen Teilzeit arbeiten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angehe, „da sind uns die skandinavischen Länder um 30 Jahre voraus“, meint Schleswigs Gleichstellungsbeauftragte Karin Petersen-Nißen.

Innovationsfähigkeit, Flexibilität – die IT-Branche ist der übrigen Arbeitswelt in manchen Bereichen um Einiges voraus. Das betrifft auch die Teilzeitmodelle, die dort vielfach Anwendung finden. „Innovative Menschen suchen auch kreative Arbeitsmöglichkeiten“, weiß Professor Gaby Lenz, Dekanin des Fachbereiches Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Kiel. „Es gibt in der IT-Branche auch viel Führung in Teilzeit.“ Dass andere Berufsfelder, gerade in ländlichen Regionen, in dieser Hinsicht entsprechend großen Nachholbedarf haben, das wurde bei einer Podiumsdiskussion des „Bündnisses für Familie in der Region Schleswig-Flensburg“ deutlich. „Angekommen in der Zukunft? – Führung in Teilzeit“ lautete der Titel der Veranstaltung in den Räumen der IHK-Geschäftsstelle Schleswig.

Was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angehe, „da sind uns die skandinavischen Länder um 30 Jahre voraus“, befand Schleswigs Gleichstellungsbeauftragte Karin Petersen-Nißen. Immerhin stecke man mittendrin in einem Umbruch, meinte Martin Felske, Vorsitzender der Schleswiger Wirtschaftsjunioren. „Teilweise werden wir dazu gezwungen, weil Kräfte fehlen“, assistierte der Flensburger Unternehmensberater Heinz-W. Bertelmann, der zugleich die These wagte: „Führung ist das einzige, was in Teilzeit problemlos möglich ist.“ Schließlich wende das leitende Personal in den Betrieben nur einen kleinen Bruchteil seiner Arbeitszeit für Führungsaufgaben auf. Anders sei es bei Fachkräften, die aufgrund ihrer Kompetenzen häufig kaum entbehrlich seien.

Wie dringlich es ist, die Frauenerwerbsquote zu erhöhen, machte IHK-Geschäftsstellenleiter Stefan Wesemann deutlich. Er zitierte eine Studie zum Fachkräftemangel. „Wenn wir uns nicht bewegen, dann fehlen uns bis zum Jahr 2030 im Kreis Schleswig-Flensburg 10  000 Fachkräfte.“

Die Frage nach flexiblen Arbeitszeiten werde in Bewerbungsgesprächen immer häufiger gestellt, erklärte Annette Oellerking, Personalmanagerin in der gleichnamigen Schleswiger Tauwerkfabrik. „In der Administration können wir flexible Modelle anbieten“, sagte sie. Anders sei es jedoch im Produktionsbereich ihres Betriebes, wo feste Präsenzzeiten unabdingbar seien. Hinzu kämen Probleme in der Infrastruktur, die es speziell den Frauen erschwerten, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Dies sei etwa in Berlin ganz anders, wusste eine Zuhörerin zu berichten. „Ich fühle mich in Schleswig-Holstein abgehängt“, sagte sie.

Was sich in der Wirtschaft häufig schwierig gestaltet, wird im öffentlichen Dienst gesetzlich geregelt. FH-Professorin Lenz nannte ein Beispiel: „Schleswig-Holstein stellt zwar keine Professoren in Teilzeit ein. Wenn aber jemand später in Teilzeit wechseln will, steht ihm das zu.“ Grundsätzlich hänge der Erfolg von Jobsharing-Modellen aber ganz wesentlich von der Akzeptanz der Mitarbeiter ab. Das sei auch der Grund, warum es so wenige Männer gebe, die Teilzeit arbeiten. Männliche Halbtagskräfte hätten im gängigen Gesellschaftsbild keinen Platz. Dabei habe eine Umfrage unter männlichen Führungskräften Erstaunliches zu Tage gebracht, berichtete Lenz. Demnach könnten sich 43 Prozent der Befragten eine leitende Position in Teilzeit vorstellen.

Um in der Zukunft anzukommen, so der einhellige Tenor, dürfe die Emanzipation nicht nur in Gesetzen geregelt werden, sondern es müsse ein Bewusstseinswandel in den Köpfen stattfinden. Annette Oellerking schlussfolgerte: „Die Männer dürfen ruhig an ihrem Bild schrauben. Auch sie können Teilzeit arbeiten.“

Was übrigens bei der Podiumsdiskussion nicht zur Sprache kam: Der IT-Sektor mag zwar flexibel und innovativ sein – er ist aber wie alle Technologiebranchen stark männerdominiert.

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erstellt am 27.Jul.2016 | 11:26 Uhr

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