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Schleswiger Nachrichten

05. Dezember 2016 | 19:45 Uhr

Damaliges Landeskrankenhaus : Arzt soll Medikamente an Schleswiger Heimkindern getestet haben

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

In den 1960er Jahren sollen die Arzneimittel getestet worden sein - die Versuche seien klar erkennbar.

Schleswig | An Heimkindern des damaligen Landeskrankenhauses in Schleswig sind laut einer Studie der Pharmazeutin Sylvia Wagner in den 1960er Jahren Medikamente getestet worden. Es sei „klar erkennbar, dass das Versuche waren“, sagte die Wissenschaftlerin NDR 1 Welle Nord. Sie hat für ihre Untersuchung Archive und historische Fachzeitschriften ausgewertet und Belege für bundesweit etwa 50 Versuchsreihen gefunden. Laut NDR sollen sich zwei dieser Studien ins Landeskrankenhaus Schleswig zurückverfolgen. Die Ergebnisse hat sie in einem Artikel zusammengefasst.

Das alte Gebäude der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Hesterberg.
Das alte Gebäude der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Hesterberg. Foto: Jonna Lausen
 

In der Schleswiger Jugendpsychiatrie des damaligen Landeskrankenhauses erprobte demnach ein mittlerweile toter Arzt zwei Medikamente. Mit dem Neuroleptikum Haloperidol gab es laut NDR einen Versuch mit 65 Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren, bei denen „Zustände geistig-seelischer Behinderung im Sinne des Schwachsinns“ festgestellt worden waren. Er wolle untersuchen, ob Haloperidol auch bei „psychomotorischen Erregungen“ seiner Patienten eine Wirkung habe, hielt er in seiner Publikation dazu fest.1969 testete der Mediziner an 30 Kindern den Wirkstoff Encephabol, der eine Leistungssteigerung des Gehirns bei „antriebsarmen Kindern (...) mit Hirnschäden“ bewirken sollte. Das Mittel kommt bis heute bei Demenzerkrankungen oder Konzentrationsstörungen zum Einsatz.

In beiden Fällen habe eine Gruppe das Präparat erhalten und eine andere nicht, sagte Wagner. „Es wurden EEG-Untersuchungen gemacht und Blutbildkontrollen, die Leberwerte wurden untersucht, Harnwerte bestimmt. Das sind ganz klar keine therapeutischen Maßnahmen, sondern Versuchsbedingungen.“ In beiden Fällen habe sie keine Hinweise auf Einwilligungen gefunden.

Die Landesregierung kündigte bereits eine Aufarbeitung der Schleswiger Fälle an. Wegen fehlender Akten ist die exakte Zahl der Betroffenen nach Angaben des Sozialministeriums unklar. Die von Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) um die Aufarbeitung gebetene frühere Landespastorin Petra Thobaben habe aber bereits mit etwa 15 Betroffenen Kontakt gehabt, sagte ein Ministeriumssprecher am Dienstag.

Die ehemaligen Heimkinder können ab 2017 auf eine Entschädigung hoffen. „Es wird Geldleistungen im Umfang von bis zu maximal 9000 Euro pro Fall geben und Rentenersatzleistungen bis zu 5000 Euro. Damit erreichen wir eine Gleichstellung im System“, sagte Sozial-Staatssekretärin Anette Langner.

Unterstützung bekommen die ehemaligen Heimkinder von Wolfgang Dudda, Abgeordneter der Piraten. Er kritisiert, das Land habe zu spät auf die Vorfälle reagiert. „Betroffene haben sich schon vor Monaten an uns Piraten gewandt mit der Bitte, ihre Sorgen und Nöte in den Landtag zu tragen“, teilte Dudda am Dienstag mit. Seine Fraktion habe bereits Anfang Juli einen Antrag ins Plenum eingebracht. „Darin fordern wir die Landesregierung auf, sich für die umfassende Aufarbeitung der Vorgänge sowie der Entschädigung der Betroffenen auf Bundes- und Landesebene einzusetzen“, so Dudda. Diesen Antrag habe der Landtag in den Sozialausschuss geschoben, der ihn dann mit den Stimmen von SPD, Grüne, SSW, CDU und FDP vertagt hat. Deutlicher könne Desinteresse nicht ausgedrückt werden.

Eines der ehemaligen Heimkinder erinnerte sich im NDR, damals Säfte und Tabletten bekommen zu haben, ohne sich krank zu fühlen: „Du bist festgehalten worden, Nase zugehalten, Tablette rein.“ Anschließend sei er „nicht mehr Herr seiner Sinne“ gewesen, sagte der Mann.

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erstellt am 11.Okt.2016 | 13:49 Uhr

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