zur Navigation springen

Schleswiger Nachrichten

01. September 2016 | 07:35 Uhr

Zeitarbeiter in Satrup : Angelner Hof – „Das erinnert an moderne Sklaverei“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im Angelner Hof in Satrup leben ausländische Zeitarbeiter unter fragwürdigen Bedingungen. Die Gewerkschaft kritisiert die Fleischbranche.

Satrup | Der Angelner Hof in Satrup sieht bemitleidenswert aus. Die Leuchtreklamen sind heruntergerissen und die Gardinen speckig. Als Gasthof und Hotel wird das ehemalige Drei-Sterne-Haus schon lange nicht mehr genutzt. Dennoch herrscht Leben hinter der heruntergekommenen Fassade. Seit einigen Wochen wohnen dort Zeitarbeiter aus Südosteuropa. Zuvor waren dort Arbeiter aus dem Baltikum untergebracht. Das alte Hotel in Satrup zeigt die negativen Seiten der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa, die sich vor allem die fleisch- und fischverarbeitende Industrie zunutze macht.

Mehrere Personen in einem Raum, das sei Gang und Gäbe, sagt ein Insider aus dem Ort, der die Lebensumstände der Arbeiter im ehemaligen Hotel kennt. „Die wohnen nicht, die hausen.“ Wenige hundert Meter weiter in der Mühlenstraße sieht es nach seinen Angaben ähnlich aus. In einem Gebäude in der Satruper Mühlenstraße sollen rund 30 osteuropäische Arbeitnehmer untergebracht sein, zum Teil zwei pro Zimmer, inzwischen zum Teil ganze Familien auf engstem Raum. Pro Person soll die Miete um die 200 Euro liegen. Viel Geld für jemanden, der herhalten muss, um das Lohnniveau hierzulande zu drücken. So jedenfalls formulieren es die Gewerkschaften, denen diese Art von Beschäftigung ein Dorn im Auge ist.

Dieser Fall ist für Finn Petersen von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) besonders ärgerlich. Die Leiharbeiter aus der Mühlenstraße sollen für einen Fisch verarbeitenden Betrieb im Kreisgebiet über so genannte Werkverträge eingesetzt sein. Dort gebe es weder einen geltenden Tarif wie in der Fleischverarbeitung noch Betriebsräte, so Petersen. „Was die Arbeitnehmerrechte angeht, sind wir da im Mittelalter“, sagt er.

In der Fleischverarbeitung, unter anderem bei Redlefsen in Satrup, werden den Arbeitskräften auf Zeit nach Angaben Petersens zumindest Löhne nach Tarif bezahlt, das heißt: 8,80 Euro je Stunde – und damit sogar etwas mehr als der in diesem Monat vereinbarten Mindestlohn für die Fleischverarbeitung.

Gleichwohl weist Petersen darauf hin, dass das Instrument der Zeitarbeit eigentlich geschaffen wurde, um Unternehmen zu helfen, die bei Produktionsspitzen flexibel reagieren müssen und kurzfristig Personal benötigen. Die Fleischindustrie allerdings nutze dies systematisch und betreibe so Lohndumping. Außerdem sieht der Gewerkschafter die Gefahr, dass auf diesem Wege die Stammbelegschaft der Betriebe nachhaltig verringert wird. „Zeitarbeit darf keine Dauerbeschäftigung sein“, sagt Petersen.

Redlefsen, das wie Böklunder zur Zur-Mühlen-Gruppe und damit zum Tönnies-Konzern gehört, beschäftigt nach eigenen Angaben inzwischen 275 Mitarbeiter in der Stammbelegschaft. Hinzu kommen inzwischen 300 Zeitarbeiter, davon rund 200 aus der Umgebung. 60 wurden demnach über Personaldienstleister wie die Firma Compact aus Flensburg aus Osteuropa angeworben. Das widerspreche einer Vereinbarung, die die Gewerkschaft mit der Zur-Mühlen-Gruppe getroffen habe. In dieser sei festgelegt worden, dass der Anteil der Zeitarbeiter an der Belegschaft maximal ein Drittel betragen soll.

Nach Ansicht der NGG schaden die Billiglöhne in der deutschen Fleischindustrie nicht nur dem hiesigen Arbeitsmarkt. Allein in Dänemark sind nach einem Branchenreport der Gewerkschaft für 2013 in den vergangenen fünf Jahren aufgrund von Dumpinglöhnen, Werkverträgen und fehlendem gesetzlichen Mindestlohn in der deutschen Schlachtindustrie fast 15.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

In den Schlachtkonzernen Tönnies, Vion, Westfleisch und Danish Crown arbeiteten demnach teilweise nur noch zehn Prozent inländische Arbeitnehmer. Der weitaus größte Teil komme aus Mittel- und Osteuropa, sei über Subunternehmen zu Niedrigstlöhnen beschäftigt und unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht. So wie in Satrup. „Die Menschen aus dem Angelner Hof leben sehr zurückgezogen, sind sich selbst überlassen“, so ein Beobachter aus Satrup. Ihn erinnere das an „moderne Sklaverei“.

Zu diesem Eindruck tragen – insbesondere im Fall von Bulgaren – erhebliche Sprachbarrieren in den Betrieben bei. Ein ehemaliger Redlefsen-Zeitarbeiter: „Die werden einfach an die Maschinen gestellt, eine Einarbeitung gibt es nicht.“

Redlefsen-Werkleiter Christoph Westrich weist dies weit von sich und verteidigt den Einsatz von Zeitarbeitern als unumgänglich. „Wir brauchen die Flexibilität. Unser Geschäft ist ein reines Tagesgeschäft. Wenn wir ohne Zeitarbeit auskommen würden, täten wir es.“ Die Lebensumstände ausländischer Arbeitnehmer im benachbarten Angelner Hof kenne er nicht, betont Westrich, sagt aber auch: „Wir möchten nicht, dass unsere Mitarbeiter dort untergebracht werden.“ Der Werkleiter betont, dass das Unternehmen den ausländischen Beschäftigten Sprachkurse anbiete und die Personaldienstleister, mit denen es zusammenarbeite, regelmäßig überprüfe.

Aus Sicht des ehemaligen Mitarbeiters ohne großen Erfolg. Ihm selbst sei von der Zeitarbeitsfirma mehrfach gedroht worden, wenn er länger als drei Tage im Jahr krank wäre, würde sein Vertrag nicht verlängert. Auch seien Kollegen – kurz bevor sie zwei Jahre beschäftigt waren und hätten übernommen werden müssen – gekündigt worden. Später sei ihnen angeboten worden, neu anzufangen – als Zeitarbeiter auf niedrigster Gehaltsstufe. „Ausbeutung – ich hätte nicht erwartet, dass so etwas in Deutschland möglich ist.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 28.Apr.2014 | 13:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen