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Schleswiger Nachrichten

06. Dezember 2016 | 11:13 Uhr

Wagersrott : Angeln ist ihr Paradies

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Engagiert, heimatverbunden und immer für einen Scherz gut – das ist Gretchen Bartel. In unserer Serie „Originale“ stellen wir die 79-jährige Hausherin des Holländerhofes vor.

  Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

„Wissen Sie, wir haben uns in all den Jahren noch nie miteinander erzürnt.“ Man glaubt Hans-Jürgen Bartel seine Worte sofort. Liebevoll streicht ihm seine Frau, mit der er nun schon seit mehr als 50 Jahren verheiratet ist, über die Wange. Keine Frage: Wie soll man sich auch mit diesem zarten Geschöpf überwerfen?

Gretchen Bartel, Eigentümerin des Holländerhofs in Wagersrott, ist von der Statur her ein kleines Persönchen, aber in der Region eine große Nummer. Seit 1968 sammelt sie in ihrem Privatmuseum im alten Wirtschaftsteil des Hofes Gegenstände aus der bäuerlichen Lebenswelt zu Zeiten ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Zudem engagiert sich die 79-Jährige seit 1978 in der AG Volkskundliche Sammlungen im Kreis Schleswig-Flensburg, 14 Jahre lang war sie im Vorstand des Heimatvereins der Landschaft Angeln aktiv, schrieb an der Wagersrotter Dorfchronik mit und im Rahmen der evangelischen Frauenhilfe besucht sie bis heute regelmäßig Senioren und Kranke in der Nachbarschaft.

Im Sommer findet man die Hausherrin des Holländerhofes meistens im Garten inmitten ihrer blühenden Rosen. Genauso wie ihre Gewächse dort, die alle aus der Region stammen, liegen Bartels Wurzeln in Angeln. Sie wurde 1934 in der Brautkammer des Hofes geboren und kehrte ihrem Zuhause mit 18 Jahren – nur für ein einziges Jahr in ihrem Leben – den Rücken, um im Nachbarort Schnarup-Thumby eine Hauswirtschaftslehre zu absolvieren und anschießend zurückzukommen. 1967 übernahm sie zusammen mit ihrem Mann in siebter Familiengeneration den Betrieb des landwirtschaftlichen Hofes von ihren Eltern und übergab ihn 1993 an ihren Sohn.

Der Hof war Bartel ein Leben lang ein Zuhause. In die Stadt ziehen? „Das wäre für mich undenkbar“, sagt sie, schüttelt den Kopf und lacht. „Schauen Sie sich doch einmal dieses Paradies an!“ Auch die Location-Scouts des „Landarztes“ entdeckten den idyllischen Fleck Erde hinter den Schienen der Museumsbahn und machten regelmäßig aus dem kleinen Kräuterbeet hinter dem Haus die Werkstätte von Kräuterdoktor Hinnerk Hinnerksen.

Schauspieler Gerhard Olschewski war nur einer von vielen Gästen. Besuchergruppen schwirren regelmäßig über den Hof, stöbern in dem kleinen Privatmuseum und schnuppern an den mehr als 100 verschiedenen historischen Rosenarten in Bartels Bauerngarten. Der Sommer, wenn die Rosen blühen, „ ist die schönste Zeit im Jahr“, sagt sie. Die „Schöne Unbekannte von Angeln“ ist ihre Lieblingsrose mit einer kleinen rosa Blüte und „einem herrlichen Duft“.

Für Gretchen Bartel, Mutter dreier Kinder und Großmutter von sieben Enkeln, ist der Rundgang mit den Gästen auch jedes Mal ein Schwelgen in ihrer eigenen Kindheit. Unter den mehr als 2000 Objekten, die über die Jahre die alte Scheune mehr und mehr füllten, befinden sich auch Bartels eigenes Taufkleid sowie Kinderfotos von ihr und ihren drei kleinen Schwestern. Sie bezeugen die „schöne Kindheit auf dem Hof“, von der Bartel spricht. Selbst die harte Arbeit auf dem Feld und das Melken hat sie in guter Erinnerung: „Es war alles so schön warm und gemütlich und man konnte den Kopf an die Kuh legen“, sagt sie und verzaubert einen mit diesem schelmisch-charmanten Lachen, dem auch die Hofgäste auf ihren Rundgängen sofort erliegen. Wenn die 79-Jährige spitzbübisch auf Plattdeutsch wie in Kinderzeiten ihren mit fundiertem historischen Wissen unterlegten Vortrag hält, schallt meist lautes Gelächter über den Hof.

Auch in der Wohnstube erinnert nahezu alles an frühere Zeiten. Die alte Couchgarnitur, der funktionierende gusseiserne Ofen in der Küche, die historischen Schinken des Großvaters in den bis an die niedrige Decke wachsenden Bücherregalen wie auch das alte schwarze Drehscheibentelefon aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Gretchen Bartel hat all diese Dinge aufbewahrt. Was andere wegwarfen, stellte sie in ihr Museum, „um das wertvolle bäuerliche Kulturgut für die Nachwelt zu bewahren“, wie sie sagt. Dafür investiert die Hausherrin Zeit und Geld, denn den 1635 erbauten und seit 1980 unter Denkmalschutz stehenden Holländerhof in Schuss zu halten, ist eine kostspielige Angelegenheit.

Aber auch auf dem Holländerhof sind moderne Zeiten eingekehrt. Melkmaschine und Traktoren möchte Gretchen Bartel trotz aller Nostalgie nicht mehr missen. Neben dem antiken Herd steht ein moderner, der bei Rundgängen mit Besuchern abgedeckt wird, und in Notfällen greifen Gretchen Bartel und ihr Mann auch mal zum Handy. Getreu ihres Mottos „An gutem Alten getreulich festhalten, an frischem Neuen dich stärken und freuen“, machte Bartel auch mit dem Sammeln irgendwann Schluss. Von da an kamen keine neuen alten Dinge mehr hinzu.

Schließlich ist Gretchen Bartel eigentlich mit wenig zufrieden, weiß ihr Mann. Als sie ihn 1961 heiratete, brachte dieser als Flüchtling aus Westpreußen „gerade einmal ein altes Motorrad, einen Tauchsieder und ein kleines Bügeleisen“ mit in die Ehe. Aber er gewann das Herz der „Schönen von Angeln“, wie der Pastor in der Rede zur Goldenen Hochzeit anmerkte, sofort. Und Hans-Jürgen Bartel gehört es heute noch: „Wir haben großes Glück gehabt, dass wir uns gefunden haben“, sagt Gretchen Bartel. Und man glaubt es ihr.

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erstellt am 26.Mai.2014 | 12:00 Uhr

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