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Habeck talkt auf Schloss Gottorf : Alte Säcke und grüne Protestkultur

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Umweltminister Robert Habeck und der Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger diskutieren auf Schloss Gottorf über den Generationenkonflikt und die Herausforderungen der Zukunft.

Wahlkampf mit Robert Habeck ist anders. Nicht nur, weil der grüne Umweltminister bei der anstehenden Landtagswahl keinen Platz auf der Liste seiner Partei bekleidet, also gar nicht kandidiert. Sondern auch, weil er der Philosoph unter den Politikern ist und gern über den Tellerrand des aktuellen Geschehens blickt. So wie in seinem Buch „Wer wagt, beginnt“ – ein leidenschaftliches Plädoyer für politisches Engagement.

Der Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen hatte sich deshalb ein ganz besonderes Format für Habecks Auftritt im Wahlkampf ausgedacht: eine Doppellesung mit ihm sowie dem Demokratieforscher und Publizisten Wolfgang Gründinger. Zusätzlichen Reiz bekam das Aufeinandertreffen der beiden Geisteswissenschaftler durch den Veranstaltungsort – den historischen Hirschsaal von Schloss Gottorf. Dort durften die rund 130 Zuhörer am Mittwochabend zwar ausdrücklich nicht ihre Gläser auf dem empfindlichen Fußboden abstellen, aber das nahmen sie bei diesem außergewöhnlichen Ambiente billigend in Kauf.

Dass der Grüne Habeck und das in Berlin lebende SPD-Mitglied Gründinger in zentralen Fragen nicht unbedingt einer Meinung sind, wird schnell deutlich. Der 32-jährige Gründinger, Sprecher der Stiftung Generationengerechtigkeit, reduziert in seinem Buch „Alte – Säcke – Politik“ viele gesellschaftliche Probleme unserer Zeit auf den Konflikt zwischen Jung und Alt. Er liest Sätze wie: „Die ebenso reiche wie zahlreiche Babyboomer-Generation hält die Geschicke des Landes in ihren Händen und tut dabei vor allem eins: protestieren gegen Veränderungen, damit alles so bleibt, wie es ist, nach dem Motto ‚Uns geht es doch so gut!‘ Und die Jungen werden dabei gern übersehen.“ Den Eliten wirft er vor, die Trends der Zeit zu verschlafen und damit unseren Wohlstand aufs Spiel zu setzen. „Und selbst, wenn Politiker und Manager das Richtige tun oder zumindest tun wollen, formiert sich eilig eine Front alter Säcke aus Wählerschaft und organisierten Interessengruppen, die lieber das Gestern konservieren als das Morgen ermöglichen wollen.“

Für Habeck (47) greift das zu kurz. „Das Alter“, entgegnet er, „ist eine sehr abstrakte Beschreibung für ein Problem.“ Eine solche Diskussion mache politische Lösungen eher komplizierter. Habeck kontert Gründingers Thesen mit Gegenbeispielen. Als Agrarminister erlebe er, dass ausgerechnet die Landjugend als Hüter der konventionellen Landwirtschaft auftrete. Und bei Grünen-Parteitagen sei es die Grüne Jugend, die gegen jede Satzungsreform aufbegehre, betont er.

Überhaupt setzt sich Habeck in seinem Buch auch mit den Seinen kritisch auseinander. „Manchmal scheint es geradezu, als ob die größten Siege der Grünen nicht der Atomausstieg, die Energiewende oder der Stellenwert des Umweltschutzes sind, sondern der Siegeszug der Protestkultur“, liest er. Die Grünen, die als Protestpartei angefangen hätten und dann zur Projektpartei geworden seien, fordert er auf, sich weiterzuentwickeln. Sie müssten sich als Teil einer offenen, veränderten Gesellschaft begreifen. „Zu einer Partei, die auch ‚Ja‘ sagt.“ Alle Parteien müssten sich der Verantwortung für das Ganze bewusst werden. „Wir kriegen kein Problem gelöst, wenn es uns nicht gelingt, Politik akzeptabel zu gestalten. Alternativlosigkeit ist keine Option mehr.“

Als es um die dringendsten Fragen der Zukunft geht, stehen zwei Themen ganz obenan. Für Gründinger ist es die Bekämpfung der Kinderarmut, die er als viel gravierender empfindet als die Altersarmut. Habeck nennt die Bekämpfung der Erderwärmung. „Wenn wir da scheitern, dann scheitern wir in einem gigantischem Maß“, sagt er auch mit Verweis auf die damit verbundenen Flüchtlingsbewegungen.

Entmutigen lassen will sich der Grünen-Politiker nicht – auch nicht durch die teilweise zermürbenden Auseinandersetzungen mit Lobbygruppen, die er zuvor eindringlich beschrieben hat. Und auch nicht durch seine knappe Niederlage bei der Wahl zum Grünen-Spitzenkandidat auf Bundesebene, die „ja auch ein bisschen ein Sieg“ gewesen sei. Als er aus dem Publikum gefragt wird, ob er denn auch ohne Landtagsmandat als Minister weitermachen würde, antwortet er: „Ich würde nicht ‚Nein‘ sagen.“

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erstellt am 07.Apr.2017 | 14:50 Uhr

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