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Schleswiger Nachrichten

29. Juli 2014 | 08:39 Uhr

Santiano-Konzert : Alle wollten "auf Kaperfahrt fahren"

vom

Großer Erfolg für die Band "Santiano" am Freitagabend bei den Wikingertagen / Viel mehr Potenzial als die übliche maritime Metaphorik

schleswig | Ein fahl glimmender Mond über Busdorf, pechschwarze Wolkenungetüme von Westen her: Der Himmel hatte eine Verabredung mit der Band "Santiano". Die schicksalhafte Stimmung, die die fünf gesetzten Herren von der Bühne der Wikingertage her verbreiteten, passte bestens zum Szenario über ihnen. Denn die heftigen Regengüsse, die streckenweise die Veranstaltung beeinträchtigten, blieben, Schicksal!, Musikern und Publikum erspart.

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Mehrere tausend Besucher hatten sich Freitagnacht auf den Königswiesen eingefunden; manche campierten seit dem frühen Abend ganz entspannt mit Kind und Hund auf dem Rasen, viele kamen eigens zum Konzert. Als dann die Show auf der Bühne mit Nebelschwaden, Paukenschlägen und Spotscheinwerfern losging, waren alle schnell in den Bann geschlagen: Jeder wollte mit den Musikern "auf Kaperfahrt fahren". Da tanzte eine Zwölfjährige mit ihrem kleinen Bruder. Da wiegten sich ältere Schleswiger zaghaft in den Hüften.

Doch das durfte noch intensiver werden. "Habt ihr eure Hände dabei? Habt ihr eure Stimme dabei?" Leadsänger Björn Both forderte das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen auf, was dann bis zum letzten Titel auch durchgehalten wurde. Kein Zweifel, "Santiano" traf den Nerv der Besucher.

Eine besondere Farbe in die Bühnenpräsenz brachte das irisch anmutende Geigenspiel von Pete Sage; es verlieh dem kantigen Männergesang mal Schärfe, mal elegische Melodik und sorgte so für Abwechslung. Ähnlich wie die urtümlichen Töne, die Both dem Digeridoo entlockte im musikalisch anspruchsvollsten Stück des ganzen Konzerts. Auch der auf die Melodie des Klassikers "Scarborough Fair" geschriebene Titel über den Nordstern ("Garten Eden") lässt Ambition und Deutungswillen erkennen.

Daran wurde sinnfällig: "Santiano" steht für mehr als für aus allen verfügbaren Töpfen zusammengerührte maritime Metaphorik. Für mehr als dunkelblaue Macho-Zeilen ("Und im nächsten Hafen wird ein andres Mädchen weinen"). Für mehr als wundervoll sinnfreie Sauflieder wie: "Es gibt nur Wasser, Wasser, Wasser über all, doch wir haben nichts zu trinken." Man kann gespannt sein, wie sich die Gruppe weiter entwickelt. Nach dem Erfolgshammer mit der ersten CD darf gerne - die zweite CD ist in Arbeit - etwas differenzierter nachgesteuert werden. Das musikalische Potenzial dazu ist allen Beteiligten zu bescheinigen.

Doch was wäre dieses Potenzial ohne den Trend, auf dem "Santiano" segelt? Die Musiker beschwören ja nicht nur die übliche küstengängige Seefahrer-Romantik (die es so nie gab). Die Band erzielt ihren Erfolg auch wegen des, etwas hochgegriffen formuliert, Utopie-Ansatzes ihrer Texte. "Wann kommt der Tag, der uns befreit", heißt es da; und auch: "Wir wolln unsre Träume erfülln!"

Insofern passte der Auftritt von "Santiano" gut zu den Wikingertagen, die insgesamt ja der Utopie, genauer: der Fiktion von den alten, harten, ehrlichen Zeiten huldigen.

von Michael Radtke
erstellt am 30.Jul.2012 | 07:01 Uhr

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