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Schlei-Bote

10. Dezember 2016 | 02:23 Uhr

Kappelner Innenstadt : Wenn die Kunden weg bleiben

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Jan Carstensen hat Obst- und Gemüseladen in der Schmiedestraße aufgegeben. Die WTK plant eine Umfrage zu Geschäftsideen für die Innenstadt.

Für die Kunden da sein, sich Zeit für sie nehmen und sie fachkundig beraten – das wollte Jan Carstensen in seiner „Obst- und Gemüse-Oase“ in der Schmiedestraße. Das eigene Geschäft – für ihn ein lange gehegter Kindheitstraum. „Schon als ich klein war, habe ich gerne Kiosk gespielt. Ich wollte immer schon mein eigenes Geschäft haben“, erinnert sich der 39-Jährige.

Im Frühjahr dieses Jahres ist es soweit. Carstensen übernimmt den Ost- und Gemüseladen, in dem er zuvor als Aushilfe gearbeitet hatte. Er kennt die Branche, hat Einzelhandelskaufmann gelernt und zuvor jahrelang Obst- und Gemüseabteilungen verschiedener Supermärkte geleitet. „Das Thema war mir nicht fremd.“

Sein Kindheitstraum wird Wirklichkeit – lang aber soll er nicht währen. Zu wenig Kunden, zu geringe Umsätze. Carstensen spart Personal ein, arbeitet selbst immer mehr. „Minimum 80 Stunden die Woche.“ Doch der Einsatz habe sich nicht gelohnt. „Wenn man arbeitet wie ein Tier und nichts kommt dabei rum, dann fragt man sich, ob es das Richtige ist.“ Zeitungsartikel über den Betreiberwechsel, die eigene Facebook-Seite, der gute Ruf des seit mehr als sieben Jahren bestehenden Ladens – „nichts hat gefruchtet“, sagt Carstensen.

Eigentlich habe er sich für die Familienplanung oder das eigene Geschäft entscheiden wollen. Dann kam beides. Im April der Laden, im August kam die Tochter auf die Welt. „Dass das Geschäft so schnell zu Ende gehen wird, damit habe ich nicht gerechnet.“ Die Entscheidung, seine „Oase“ zu schließen, hat er innerhalb weniger Tage getroffen. Der 15. Oktober war der letzte Verkaufstag. „Vielleicht war es feige und zu früh, aber lieber so als hohe Schulden.“

Woran es gelegen hat, darüber kann auch Carstensen nur spekulieren. „Kappeln wächst, es gibt hier immer mehr Supermärkte. Die Kunden kriegen überall alles in Hülle und Fülle.“ Als Betreiber eines Fachgeschäfts sei es schwierig, die Kunden vom Angebot zu überzeugen. Viele ältere Kunden schätzten die kurzen Wege beim Einkauf in der Innenstadt, andere suchten gezielt das Fachgeschäft auf. „Die kaufen aber nicht die Massen und kommen zu selten.“ Damit Fachgeschäfte in der Innenstadt erfolgreich sind und sich auch außerhalb der Saison halten können, „müssen die Kunden bereit sein, die Fachgeschäfte zu unterstützen und vielleicht etwas mehr zu zahlen“, meint Carstensen. Der Leerstand in der Innenstadt – Jan Carstensen steht stellvertretend für dieses Problem.

Die leeren Schaufenster und verschlossenen Türen sind auch Johannes Callsen von Postbank Immobilien in Kappeln nicht entgangen. Gemeinsam mit Lara Zemite von der Wirtschaft und Touristik Kappeln GmbH (WTK) will er nicht tatenlos zusehen. Sie wollen wissen, was den Kappelnern in der Innenstadt fehlt und welche Geschäfte sie sich wünschen. Auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadtpassage (10. bis 11. Dezember) werden sie deshalb mit Fragebögen stehen, um Antworten auf diese Fragen zu bekommen. „Wir wollen ein Echo der Innenstadtbesucher und Einwohner hören und erhoffen uns frische Impulse“, sagt Callsen. „Viele Einwohner fahren zum Einkaufen nach Eckernförde oder Flensburg. Wir wollen wissen, woran das liegt.“ Und Lara Zemite ergänzt: „Unser Ziel ist eine gewisse Kontinuität in der Innenstadt.“ Von der Umfrage verspricht sie sich daher konkrete Anhaltspunkte, aus denen eventuell Maßnahmen abgeleitet werden können.

Jan Carstensen genießt nun die Zeit mit seiner Familie. „Die ist viel zu kurz gekommen für einen Traum, der nicht geklappt hat.“ In den vergangenen Wochen hat er nachgeholt, was liegen geblieben ist. Jetzt möchte der 39-Jährige zeitnah wieder einen Job finden, „beruflich auf die Füße kommen“. Will er sich wieder selbstständig machen? „Das stelle ich erstmal infrage“, sagt er und gibt sich dennoch zuversichtlich: „Es wird der neue wunderbare Job kommen – welcher auch immer das sein wird.“

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erstellt am 17.Nov.2016 | 07:00 Uhr

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