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Eröffnung der 30. Figurentheater-Tage : „Verrückt sind wir doch alle“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Das Kobalt Figurentheater aus Lübeck eröffnete die 30. Figurentheater-Tage mit „Linie 1“ in der ausverkauften Koslowski-Halle.

Der Fernsehturm, das Brandenburger Tor, die Gedächtniskirche, das Olympiastadion, die Siegessäule, das Rote Rathaus – es war nicht zu übersehen, wo dieser Abend, der erste der 30. Figurentheater-Tage, sein Publikum hineinbugsierte: Willkommen in Berlin, mitten in den 80er-Jahren. „Linie 1“ hieß das Stück, mit dem das Kobalt Figurentheater aus Lübeck mehr als zwei Stunden unterhielt. Jede Menge Musik, geschickt wechselnde Bühnenbilder, Puppen mit Lederjacke und bonbonfarbenen Jogging-Anzügen, Berliner Kodderschnauze wohin man hörte. Und doch fiel eines auf: So zeitlos und parabelartig die Handlung daherkam, so sehr haftete sie an den Menschen, nicht an den Puppen. Stephan Schlafke, Silke und Franziska Technau spielten mit großer Freude, bemerkenswertem Timing und guten Stimmen (auch beim Singen). Während sie aber bei ihrem ersten Auftritt in Kappeln vor fünf Jahren mit dem „Weißen Rössl“ neben eindrucksvoller Dialektkunst auch mit Puppen überzeugten, denen sie durch pure Handhabung Ausdruck verliehen, blieben ihre Figuren bei der diesjährigen Eröffnung am Freitagabend ein wenig unbestimmt. Der Geschichte tat das zwar keinen Abbruch, die Fähigkeiten des Trios als Puppenspieler aber kamen nicht richtig zur Geltung.

Berlin 1986, eine geteilte Stadt, deren Mythos praktisch an jeder Straßenecke aufblitzt. Es ist die Stadt, in der, so heißt es im Stück, „in allen Richtungen Osten ist, wo also die Sonne nie untergeht“. Im Mittelpunkt: ein junges Mädchen, abgehauen von zu Hause, auf der Suche nach Johnnie, ihrer großen Liebe, von dem sie nur weiß, er lebt in Berlin. Zwischen Bahnsteig, Imbiss und U-Bahn trifft sie auf alles, was die Großstadt so zu bieten hat: Obdachlose, Punks, eine reiche Lady, eine Außenseiterin, Partygänger, alte Witwen, die im Gestern hängen geblieben sind, gestresste Familien, fremdenfeindliche Paare und natürlich auch den Fahrkartenkontrolleur. Die Anonymität der Metropole macht dem Mädchen zu schaffen, gleichzeitig weiß es sie zu nutzen, nennt sich mal Alice, mal Sunny, mal Momo, heißt aber eigentlich Natalie. Nur nicht auffallen. Das ist dann auch Tenor eines Liedes, für das Stephan Schlafke, Silke und Franziska Technau zum ersten Mal Szenenapplaus erhalten: „Du sitzt mir gegenüber und schaust an mir vorbei. Du bist mir mal sympathisch und manchmal eine Qual, aber meistens egal, total egal.“ Was vor 30 Jahren in der U-Bahn normal war, ist es heute immer noch. So viel zur Zeitlosigkeit des Stückes. Und zur Fähigkeit, dem Publikum den Spiegel vorzuhalten. Die junge Ausreißerin hält das nur schwer aus – bis Maria kommt, die vielleicht stärkste Figur des Stückes, von Selbstzweifeln geplagt, aber trotzdem in der Lage, Zuversicht zu verbreiten, und eine Lebensweisheit: „Verrückt sind wir doch alle.“ Gelungen auch das Lied, das die Puppenspieler Opa Hermann singen lassen: Alt, graue Haare, kaum Geld zum Leben erzählt er Natalie, wie herrlich es ist, am Leben zu sein, einen freundlichen Blick zu erhaschen, ein Lächeln zu ernten. Nun, all das ändert nichts daran, dass sich Johnnie erstens als Österreicher und zweitens als Enttäuschung entpuppt, das junge Mädchen vom Lande aber an gerade mal einem Tag in der Großstadt so viel über sich und die Menschen gelernt hat, dass es sich sein eigenes Happy-End erarbeitet.

Das Publikum in der ausverkauften Koslowski-Halle applaudierte am Ende so lange, bis das Kobalt Figurentheater zu einer Zugabe bereit war. Das Trio, das es auf imposante Weise geschafft hatte, mit 41 Puppen zu dritt zu hantieren, sang noch einmal das titelgebende Stück „Linie 1“, ehe es unter großem Beifall entlassen wurde. Silke Technau sagte hinterher: „Ich finde Kappeln toll. Zwar können wir das Publikum von der Bühne aus nicht sehen, aber wir spüren, wie es uns trägt.“

Wie gesagt, Handlung und Musik sorgten für einen absolut unterhaltsamen und ansprechenden Abend. Aber ein bisschen mehr echtes Puppenspiel wäre schön gewesen.

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erstellt am 13.Mär.2017 | 07:00 Uhr

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