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Schlei-Bote

25. September 2016 | 10:50 Uhr

Pilotprojekt in Kappeln : Verkehrsunterricht für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Das Konzept der Landesverkehrswacht soll im März starten.

„Fahrräder haben für Flüchtlinge eine außerordentlich wichtige Bedeutung“, sagt die Koordinatorin für die Flüchtlingshilfe in Kappeln, Dagmar Struß. Manche, die etwa in Kopperby wohnen, aber in Mehlby einen Sprachkurs belegen, seien auf Fortbewegungsmittel angewiesen, so Struß. Doch nicht jeder Flüchtling kommt in Deutschland mit der Verkehrssituation zurecht und so mancher auch nicht mit dem Fahrrad. So kam es bereits vor, dass Flüchtlinge mit dem Fahrrad auf der Autobahn unterwegs waren.

Jürgen Raddatz von der Fahrradwerkstatt weiß, dass es Frauen in Afghanistan oder im Iran verboten ist, dort Fahrrad zu fahren. Bei einem Verstoß dagegen drohen ihnen Gefängnisstrafen. Um nun die Flüchtlinge mit dem Rad und den Straßenverhältnissen vor Ort vertraut zu machen, hat die Landesverkehrswacht ein Konzept ausgearbeitet, das Raddatz mit angeregt hat. Demnach sollen Flüchtlinge in etwa zwölf Personen großen Gruppen zwei Tage lang à vier Stunden theoretischen wie praktischen Verkehrsunterricht erhalten. „Da geht es um Sicherheit und auch um das Verhalten im Verkehr“, so Raddatz.

Rolf Greulich von der Landesverkehrswacht sagt dazu: „So ein Konzept kann man aber nicht am grünen Tisch ausbrüten, das muss man an der Zielgruppe ausrichten.“ Das bedeutet, nicht allein kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen, sondern auch zu wissen, wie die Verkehrssituation im Herkunftsland ist und welche persönlichen Erfahrungen die Teilnehmer mitbringen. Der ehemalige Polizist Karl-Wilhelm (Kuddel) Jacobsen weiß: „Was das Können beim Fahrradfahren anbelangt, ist die Spannweite sehr groß. Manche sind völlige Anfänger, andere total fit.“ Um die Sicherheit im Umgang mit dem Gefährt zu steigern, sind im praktischen Teil auch Spurfahren, Slalomparcours oder Bremsübungen vorgesehen.

Das Konzept befindet sich laut Raddatz noch im Vorbereitungsstatus. Derzeit sei man dabei, die Dolmetscher mit den Inhalten vertraut zu machen, denn die Kurse sollen nach Sprachgruppen belegt werden. So erhalten Iraner und Afghanen gemeinsam Unterricht ebenso wie Syrer und Iraker oder die Afrikaner. Da kommt auf die Dolmetscher einen entscheidende Rolle zu. Und noch steht nicht fest, ob man mit einzelnen Flüchtlingen als Dolmetscher arbeiten kann oder sich professioneller Hilfe bedienen muss. Um die Verständigungsschwierigkeiten so gering wie möglich zu halten, wird in der Power-Point-Präsentation unter dem Motto „Sicher im Norden“ auf komplexe Inhalte verzichtet und stattdessen lieber mit Fotos oder Skizzen gearbeitet.

Das Projekt mit der Kommune als Trägerin und Auftraggeberin der Maßnahme ist landesweit in dieser Form einzigartig. Rolf Greulich sagt: „Kappeln soll hier den Vorreiter spielen.“ Allerdings verweist er darauf, dass die Inhalte, die sich mit der Verkehrssituation vor Ort beschäftigen, sich nicht auf eine andere Gemeinden oder Städte übertragen lassen. Für Bürgermeister Heiko Traulsen gehört diese Maßnahme zur Integration der Flüchtlinge. „Und innerhalb dieser Integration ist diese Maßnahme ein wichtiger Baustein, um Eingewöhnungsschwierigkeiten aus dem Weg zu räumen“, sagt er. Die Beteiligten hoffen, dass im März der erste Kurs starten kann.

Und dass so ein Fahrradkurs wirklich zur Integration beitragen kann, zeigen Beispiele der Frauen, denen in ihren Herkunftsländern das Fahrradfahren verboten war. Diese Frauen sind laut Dagmar Struß jetzt „total happy“ und senden Selfies von sich und ihren Fahrrädern in ihr Herkunftsland. Tenor: „Schaut mal, wie frei ich in meiner neuen Heimat bin.“

 

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erstellt am 08.Jan.2016 | 17:54 Uhr

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