zur Navigation springen

Schlei-Bote

10. Dezember 2016 | 21:40 Uhr

Kappeln : Schwieriger Sprung in die Berufswelt

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Geschäftsführer der Kappelner Werkstätten erklärt, warum die Vermittlung von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt so schwierig ist.

Dennis Sönnichsen sägt, fräst, feilt. Die Stahlstangen, die er bearbeitet, sind Konstruktionsteile von Gabelstaplern. Seit sieben Jahren arbeitet er in den Kappelner Werkstätten, meist im Metallbereich. „Die Arbeit macht mir Spaß“, erklärt der 23-Jährige. Bald aber wird er seine Familie nach Dänemark begleiten, die Sprache lernen und seinen Hauptschulabschluss nachholen. Wird er danach wieder im Metallbereich arbeiten? „Nicht unbedingt. Ich kann mir auch gut etwas anderes vorstellen“, sagt er, fräst die scharfen Kanten des Stahls ab und reiht die Stange neben die anderen auf der Palette zu seinen Füßen.

Ein Arbeitsleben nach der Behindertenwerkstatt – vielen Betreuten gelingt es nicht, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass auch Einrichtungen in Schleswig-Holstein mangelnde Vermittlungszahlen vorweisen. Als unvereinbar mit dem Gedanken der Inklusion, rügte dies der Fachausschuss der Vereinten Nationen zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention (wir berichteten).

„Es müsste ein Arbeitsmarkt geschaffen werden, der Menschen mit Behinderungen auch aufnimmt“, fordert derweil Stefan Lenz, Geschäftsführer der Kappelner Werkstätten. Die steigenden Anforderungen in einigen Berufen sowie die Verdichtung von Arbeitskräften durch die Technisierung machten es schwierig, seelisch oder geistig Erkrankte in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. „Für viele bleiben die Werkstätten der Rahmen, in dem sie überhaupt in der Lage sind zu arbeiten.“

Wie vielen in seinen Werkstätten am Ende der Sprung in die Arbeitswelt gelingt, kann Lenz nicht genau beziffern. „Nicht bei allen ehemaligen Betreuten können wir die Lebensläufe weiter verfolgen.“ Viele würden nach der Werkstatt schulische Weiterbildungen ansteuern. „Ob sie danach auf den Arbeitsmarkt treten, wissen wir in den meisten Fällen nicht“, erklärt Lenz und räumt ein: „Die geringe Zahl würde aber auch falsch verstanden.“ Mitunter sei die Infrastruktur in der Region schlicht zu schwach und es fehlt an Betrieben, die Menschen mit Beeinträchtigung einstellen. Zudem haben einige auch eine zu starke Beeinträchtigung. „Von den 7,5 Stunden, die sie bei uns arbeiten, beträgt die Nettoarbeitszeit bei ihnen vielleicht drei Stunden. Das ist ein Niveau, das der Arbeitsmarkt nicht will.“ Auch wachse die Zahl der Menschen mit Behinderungen in den Werkstätten. Der Grund: „Ihre Lebenserwartung ist gestiegen und es gibt umgekehrt immer mehr Menschen, die wegen einer seelischen Erkrankung aus dem Arbeitsmarkt zu uns kommen“, erklärt Lenz und nennt etwa Burnout als Ursache. 378 Menschen mit Behinderung betreuen die Kappelner Werkstätten zurzeit, 60 Angestellte zählt die Einrichtung – darunter zwölf, die eine Behinderung haben.

Um die Bewegung in der Werkstatt deutlich zu machen, rechnet Lenz lieber so: „Wenn alle Menschen, die in den 28 Jahren unseres Bestehens in der Werkstatt gearbeitet haben auch hier geblieben wären, würden wir heute 800 Beschäftigte zählen.“ Einzelerfolge seien dennoch möglich. In diesem Jahr konnte die Einrichtung zwei Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt integrieren: einer arbeitet heute in der Integrationsfirma der Werkstätten, der andere bei einer Zimmerei.

„Wenn die Inklusion gelingen soll, dann braucht es Alternativen“, meint der Werkstätten-Chef. Menschen mit Behinderungen könnten etwa vom Fachkräftemangel profitieren, würden die Unternehmen sich anders aufstellen. „Erledigten die Facharbeiter jene Arbeit, die einer hohen Qualifikation bedarf, könnte ein Nicht-Fachmann etwa die Hilfsarbeiten machen.“ Für Menschen wie Dennis Sönnichsen könnte dies ein Modell sein, das ihnen auf dem Arbeitsmarkt eine berufliche Perspektive bietet.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 11.Nov.2016 | 07:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen