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30. Figurentheater-Tage : Schlichte Figuren – starke Wirkung

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Marc Schnittger und Arne Bustorff beeindrucken zum Ende der Figurentheater-Tage mit ihren „Handlungen“. Insgesamt kamen 1570 Besucher.

Das Fazit des Abends sprach der Hauptdarsteller zwar eigentlich nur für sich, es konnte aber auch mühelos für sein Publikum gelten, das er zuvor knapp eineinhalb Stunden lang unterhalten hatte. „Das war eine tolle Überraschung“, sagte Marc Schnittger. Der Puppenspieler meinte damit die Aula der Klaus-Harms-Schule, die gerade ihre Premiere als Puppenbühne gefeiert hatte und auf die Schnittger im Vorfeld mit einer gewissen Vorsicht geblickt hatte. Für die knapp 90 Besucher des Abschlussabends der 30. Figurentheater-Tage allerdings hatte Marc Schnittger selber für eine tolle Überraschung gesorgt. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn sich erwachsene Menschen von vier Händen begeistern lassen? Wenn sie sich von ihnen ganze Geschichten erzählen lassen? Wenn es vier Hände schaffen – unterstützt von Musik und einer Sprache, auf die noch näher einzugehen sein wird –, echte Stimmungen zu erzeugen? Und einen Ausdruck, den man nicht unbedingt erwarten musste? Es war ein ganz spezieller Abschluss, den Marc Schnittger und sein Kompagnon Arne Bustorff den Figurentheater-Tagen beschert haben. Und die Reaktion des Publikums ließ keinen Zweifel zu: Dieser Abschluss hatte ihm gefallen.

„Handlungen“ hieß das Szenenprogramm, das Schnittger und Bustorff vorbereitet hatten. 14 abgeschlossene Episoden, die sie eben mit der Hand erzählten und zwar, das hatte Schnittger eingangs erläutert, frei nach Gerhard Mensching. Dass der 1992 verstorbene Germanist und Puppenspieler mit seinem „Taschentheater“ den beiden als große Inspiration dient, war schnell offensichtlich: Handschuhe in verschiedenen Farben und Materialien, kleine hölzerne Köpfe auf dem Zeigefinger, mal mit Haaren, mal mit Brille, mal mit spitzer, mal mit kugeliger Nase – fertig war der Protagonist der jeweiligen Szene. Recht schlicht und genügsam im Anschein, intensiv und mitunter gar verschwenderisch im Ausdruck. „Die Domäne des Puppentheaters ist das Groteske“, hatte Marc Schnittger seinen Mentor Mensching zu Beginn zitiert – in den 14 Episoden, die folgten, trug er diesem Leitmotiv Rechnung.

Zum Beispiel Szene fünf, die in einem Bürokomplex spielt und Schnittger und Bustorff so viel Raum für Absurdes, was dem Beamtentum ja mitunter ohnehin nachgesagt wird, bietet. Mit ihren Händen und wohl modellierten Figurenköpfen gelingt es ihnen, Hierarchien zu transportieren: Den überlegenen Chef lassen sie fordernd nach vorne schnellen, den eingeschüchterten Untergebenen schreckhaft zurückweichen. Marc Schnittger sollte hinterher über genau solche Momente sagen: „Es sind diese extremen Bewegungen mit den Händen, die auch für uns am interessantesten sind.“ Oder Episode zwei: Zwei Handwerker mit Baustellenhelm auf dem Zeigefinger-Kopf versuchen krampfhaft, ein Plakat in die richtige Richtung zu drehen, während ein offenbar wichtiger Mann eine mindestens so wichtige Ansprache hält. Die Szene lebt von der ausgewogenen Situationskomik zweier überforderter Plakathalter und der so eindrucksvollen Kunstsprache Menschings: Fast kein Wort davon existiert tatsächlich, und doch hat der Zuhörer den Eindruck, dem Gesagten mühelos folgen zu können. Oder die reduzierteste aller Szenen: Zwei Ringer, dargestellt durch große, braune, glänzende Gummihandschuhe, dazwischen der Ringrichter in Weiß. Mehr nicht. Nur durch die Bewegungen ihrer Hände schaffen es Schnittger und Bustorff, die wütende Kraft der Ringer ins Publikum zu tragen.

Ein Zuschauer lächelte in der Pause als er sagte: „Es ist beeindruckend, wie man aus so wenig so viel machen kann.“ Dass Marc Schnittger und Arne Bustorff während des gesamten Auftritts mit ihren Figuren mitspielten, die Bewegungen ihrer Hände hinter einer schwarzen Bande quasi mit dem Rest ihres Körpers nachempfanden, blieb dem Publikum verborgen. „Wir betrachten unsere Arbeitsweise eher als schauspielerisch“, erklärte Schnittger hinterher. „Das macht es wahrhaftiger und organischer.“ Und offenbar so imposant, dass das Publikum eine Zugabe einforderte.

1570 Menschen haben die 14 Aufführungen der 30. Figurentheater-Tage erlebt, davon 834 Kinder. Die Organisatoren Nicole Itzke und Christopher Dank von der Stadtverwaltung haben für die Vormittagstermine gar nicht alle Anfragen berücksichtigen können. Vor allem mit dem Abschlussabend allerdings sind sie ihrem eigenen Anspruch gerecht geworden, den Dank so formulierte: „Wir möchten eine Vielfalt anbieten und zeigen, was alles zum Figurentheater gehört.“ Manchmal reichen vier Hände für etwas Eindrucksvolles.

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erstellt am 20.Mär.2017 | 07:00 Uhr

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