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Schlei-Bote

10. Dezember 2016 | 08:09 Uhr

Mit Video : Müllfischer in Arnis: „Ich will einfach sauber machen“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Der Arnisser Kristian Dittmann möchte mit seinem Müllfischer-Projekt die Schlei aufräumen.

Kristian Dittmann hat Kaffee aufgesetzt. Er greift sich drei Tassen aus einem kleinen Schrank, verteilt Kissen an seine Besucher, dreht sich selbst eine Zigarette. „Wir sehnen uns doch alle ein bisschen nach Bullerbü“, sagt er. Und während er diesen Satz sagt und der Besuch einen Schluck Kaffee nimmt, wandert der Blick ganz unwillkürlich von Dittmanns hölzernem Katamaran über das Wasser, bis zum Ufer und weiter nach oben. So lange bis es schwer fällt die Augen offen zu halten, weil die Sonne so kräftig scheint. Idyllisch, ruhig, im besten Sinne ein bisschen verträumt, eben wie Bullerbü, kommt die Szenerie daher. Dabei spielt sie mitten am Steg der Wassersportgemeinschaft Arnis. Kristian Dittmann allerdings reicht diese äußere Hülle der Beschaulichkeit nicht. Er ist gerade dabei, seinen ganz eigenen Teil dazu beizutragen, dass Bullerbü auch tatsächlich Bullerbü bleibt. Wesentlicher Bestandteil dieser Idylle nämlich ist die Natur, die Umwelt – natürlich nicht mehr unberührt, aber dennoch oder gerade deswegen besonders wertvoll. Sie zu schützen, zu erhalten, ist die Aufgabe, die sich Dittmann selbst auferlegt hat. Er will kein Moralapostel sein, keiner, der den Zeigefinger hebt und anderen vorwurfsvoll gegenüber tritt. „Ich will einfach sauber machen“, sagt er.

Dafür hat er einen Katamaran gebaut, dafür stapft er in Wathose am Schleiufer entlang oder durch den angrenzenden Schilfgürtel, dafür sucht er Helfer, die mitanpacken. In Paul Margies hat er einen besonderen gefunden. Der 20-Jährige jobbt in einem Café nahe der Arnisser Fähre und sagt über Kristian Dittmann: „Wir haben irgendwann gemerkt, dass wir ähnlich drauf sind.“ Wie genau diese Ähnlichkeit aussieht, beschreibt Margies so: „Ich sehe, was für einen Schatz wir hier in der Region haben. Und ich möchte etwas dazu beitragen, damit sich auch meine Kinder daran noch freuen können.“ Die Konsequenz: „Es ging darum, herauszufinden, an welcher Stelle Aktivität gefordert wird und selber aktiv zu werden.“

Vom Katamaran wechseln Kristian Dittmann und Paul Margies hinüber in den mehr als 50 Jahre alten Schleikahn. Mit an Bord Gummistiefel, eine Flasche Wasser, zwei Äpfel, ein leerer Bettbezug. Die kurze Fahrt dauert nicht lange, in Königstein ist schon Schluss. Die beiden Männer hieven den Kahn an Land, Paul Margies schnappt sich den alten Bezug. Im vergangenen Herbst stand das Wasser an dieser Stelle extrem hoch, als es wieder zurücklief, hat es den Müll zurückgelassen. Kristian Dittmann steht etwa 20 Meter vom Ufer entfernt und spricht von einer „Mülllinie“, an der er sich seit einiger Zeit abarbeitet. Tatsächlich dauert es keine zehn Minuten, bis sich der alte Bezug mit etlichen Getränkedosen, PET-Flaschen, Kanistern, einem Topf, einer Tic-Tac-Schachtel, der Verpackung eines Schokoriegels, einem Kehrblech, vor allem aber jeder Menge Folienreste und erschreckend viel Styropor füllt. Und schnell denkt Dittmann laut über zwei Probleme nach: Kleine Styroporkügelchen entsprechen der Größe des Futters, das Heringe gerne zu sich nehmen. Wenn diese Fische, die ihr Futter nicht zerkauen, daran nicht zu Grunde gehen, könnte es durchaus sein, dass ihr mit diesen Kunststoffmolekülen angereichertes Fleisch auf dem Mittagstisch eines Urlaubers landen. Beides hält der Arnisser für plausibel. Zweites Problem: Je länger die Folien im Schilf liegen, desto brüchiger werden sie und desto schwieriger wird es, sie tatsächlich in Gänze einzusammeln. Gleiches gilt für Dosen und Flaschen, die regelrecht mit der Natur, die sie umgibt, verwachsen. „Unser Schilfgürtel ist Sondermüll“, sagt Kristian Dittmann, und es ist zu spüren, dass es ihm nicht leicht fällt, diesen Satz auszusprechen. Dass es aber sein muss, will er den Glauben an Bullerbü nicht vollends aufgeben. Dann sagt er: „Jetzt sind die Menschen auf der Schlei unterwegs und verlieren ihren Müll. Eigentlich müssten wir gleich nach Ferienende los, um ihn rauszuholen.“ Und noch deutlicher: „Wir sind weit davon entfernt zu sagen, wir hätten kein Müllproblem. Und wir sollten uns davor hüten, mit dem Zeigefinger auf andere Länder zu zeigen.“

Dittmanns Müll-Projekt steht noch ganz am Anfang. Gern würde er seine Helfer-Crew erweitern, vielleicht Jugendlichen Ferienjobs als Müllfischer anbieten, für sie auf diese Weise große Worte wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit mitten auf der Schlei spürbar zu gestalten. „Mit 5000 Euro könnten wir 100 Stunden lang Müll von Lindaunis bis nach Schleimünde sammeln“, rechnet der Meeresbiologe vor. Und ganz nebenbei alle Funde in Menge und Gewicht erfassen, Fundorte protokollieren und so eine Art Kataster entwickeln. „Wir könnten tatsächlich so viel forschen“, sagt Kristian Dittmann, um am Ende die Antwort auf die so entscheidende Frage zu finden: Wo bleibt der Müll unter welchen Bedingungen liegen, damit die Müllfischer ihn einsammeln können? Und der 46-Jährige hat weitere Pläne: Im Idealfall nämlich könnte er sich vorstellen, mit den Wassersportvereinen entlang der Schlei zu kooperieren, damit die ihm melden, an welcher Stelle die Mitglieder Müll entdeckt haben oder diesen sogar selbst einsammeln.

An Bord seines Katamarans kann Kristian Dittmann schon eine beachtliche Sammlung an Teppichresten, Tauwerk, alten Fendern, Plastiktüten, Milchkartons, Putzschwämmen vorweisen. Er lagert all diese Dinge in einer Scheune. „Vielleicht“, sagt er, „baue ich daraus irgendwann eine Skulptur“. Zu Bullerbü wurde sie vermutlich nicht passen. Aber sie würde etwas anderes leisten. „Ein Problem wird erst dann wirklich erkannt“, sagt Dittmann, „wenn man es erlebbar macht“. Und wenn man es löst, kann Bullerbü auch Bullerbü bleiben.

> Kontakt: www.strand-manufaktur.de/müllfischer; Tel. 01  62  /  7  91  93  59

 

 

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erstellt am 07.Sep.2016 | 07:00 Uhr

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