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Schlei-Bote

03. Dezember 2016 | 18:49 Uhr

Arnis : Mit Wehmut in den Ruhestand

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

44 Jahre hat das Ehepaar Broderius das Restaurant „Zur Schleiperle“ betrieben – am Sonnabend ist der letzte Tag.

Ein herbstlicher Vormittag in Arnis. Freundlich begrüßt Annemarie Broderius die Reporterin des Schlei Boten in der „Schleiperle“. Der Boden des urig eingerichteten Restaurants knatscht. Der Wind bläst stark gegen das alte Gebäude, das am Arnisser Strandweg auf Stelzen in der Schlei steht. Es ist fast so, wie auf einem Boot zu sitzen, nur das Schaukeln fehlt. Hans-Werner Broderius steckt mitten in den Vorbereitungen für das Mittagsgeschäft. Trotzdem findet er noch Zeit, sich zu seiner Frau und dem Gast an den Tisch zu setzen.

Das Gespräch kommt nicht so richtig in Gang, es macht den Anschein, als wolle das Paar nicht gern über den bevorstehenden Abschied sprechen. Nach 44 Jahren gehen Hans-Werner und Annemarie Broderius in den Ruhestand. Am kommenden Sonnabend ist es soweit.

Zunächst die Frage nach der Saison. „Gut, wie jedes Jahr“, antwortet Hans-Werner Broderius knapp. Dann geht es um die lange Tradition des Restaurants. „Die Schleiperle wird seit 1952 von meiner Familie betrieben, ab 1977 habe ich den Laden übernommen. Steht alles auf der Homepage“, brummelt er und schaut auf seine Uhr. Bald kommen die ersten Mittagsgäste. Annemarie Broderius versucht nun, das Gespräch ins Rollen zu bringen: „Heute Abend ist alles ausgebucht. Das ist schon etwas Besonderes bei dem Wetter und für diese Zeit. Die Saison wird immer länger, haben wir festgestellt – und es wird alles nicht leichter im Alter.“ Das Kochen sei schon fast zur Nebensache geworden, weil immer mehr Büroarbeit mit der Zeit hinzu gekommen sei, erklärt ihr Mann und fügt hinzu, dass das so keinen Spaß mache.

Das Ehepaar erzählt, dass es jetzt einfach an der Zeit sei, aufzuhören. Sie hätten den Entschluss vor zwei Jahren gefasst. „Der Körper sagt einem schon, wann Schluss ist“, sagt der 67-jährige Koch. „Aber wir würden es immer wieder machen, wir hatten hier eine tolle Zeit mit vielen netten Gästen“, betont seine Frau. Man könne ein ganzes Buch darüber schreiben, kommen beide ins Schwärmen.

Annemarie Broderius holt das Gästebuch. Plötzlich wird klar, wie sehr die beiden mit ihrer „Schleiperle“ und den Gästen verschmolzen sind. Hier hätten Kinder laufen gelernt, seien erwachsen geworden und würden nun mit ihren eigenen Kindern zum Essen kommen. Die Augen der Broderius’ leuchten, wenn sie von ihren Gästen erzählen: „Die Schleiperle ist nicht irgendeine Kneipe, sondern eine Institution“, sagt Hans-Werner Broderius selbstbewusst.

Schon beim Betreten des Restaurants fällt dem Besucher ein Tisch ins Auge, der voll ist mit „Beileidsbekundungen“, wie die Hausherrin sie nennt – es sind Karten und kleine Abschiedsgeschenke ihrer Stammgäste. „Das ist schon wirklich rührend, man darf das gar nicht an sich herankommen lassen“, sagt die 63-Jährige, und auch ihr Mann wird sichtlich wehmütig.

„Wir hatten einen Gast, der war hier am Tag seiner Geburt und hat dort drüben geschlafen“, erzählt der Besitzer lächelnd und zeigt auf ein altes Sofa am Kopfende eines Tisches. Tatsächlich, der Vater hatte 1987 für den Säugling einen Eintrag im Gästebuch gemacht, und 13 Jahre später hat der Junge sich selbst nochmal darin verewigt. „Wer einmal hier war und wem es gefiel, kam immer wieder“, sagt die Besitzerin stolz.

Langsam beginnt das Restaurant sich zu füllen, und Hans-Werner Broderius verschwindet in der Küche. Kurz kommt er nochmal um die Ecke und fragt die Reporterin, ob sie Fisch mag. Die kommt so zu einem äußerst schmackhaften Mittagessen – und versteht, warum die Gäste teilweise aus Hamburg und Kiel anreisen, um in der „Schleiperle“ zu speisen.

Und was plant das Ehepaar Broderius in seinem Ruhestand? Beide freuen sich zunächst auf die viele freie Zeit, denn die sei „unbezahlbar“. Was aus der „Schleiperle“ wird, ist ungewiss. Das Restaurant steht zum Verkauf. Hans-Werner und Annemarie Broderius hoffen, dass ihre Nachfolger mit genauso viel Freude dabei sein werden, wie sie selbst es 44 Jahre lang waren.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 11:30 Uhr

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