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Schlei-Bote

09. Dezember 2016 | 10:43 Uhr

Dieter Rackow im Gespräch : „Man muss auch mal kompromisslos sein“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Dieter Rackow zieht im Interview Bilanz seiner 30 Jahre als Vorsitzender der Interessengemeinschaft Umwelt Kappeln und Umgebung.

Nach drei Jahrzehnten hat Dieter Rackow den Vorsitz der Interessengemeinschaft Umwelt (IGU) abgegeben und ist jetzt vorerst für ein Jahr stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Mit ihm geht also das Gedächtnis der IGU langsam in Rente. Der ehemaliger Gymnasiallehrer spricht im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Kay Iversen über Mitstreiter, Erfolge und Nackenschläge.

 

Herr Rackow, warum setzen Sie sich für den Naturschutz ein?

Rackow: Die Natur hat mich schon als Schüler interessiert. Damals lebte ich in Rendsburg. Mit meinem Freund habe ich die ganze Rendsburger Gegend abgeradelt. Der Freund wollte Apotheker werden und musste ein Herbarium anlegen. Deshalb waren wir sehr oft in der Pflanzenwelt unterwegs. Und wenn man sich viel draußen aufhält, bekommt man von ganz allein ein Bewusstsein für die Pflanzen.

Was war denn für Sie ausschlaggebend, sich in der IGU zu engagieren?

1978, noch bevor die Grünen sich gebildet hatten, hat Gerd Könnecke, Förster beim Herzog, erkannt, dass es mit dem derzeitigen Umgang mit der Natur so nicht weitergehen könnte. Er hat dann eine große Versammlung einberufen. Das Motto dieser ersten Versammlung hieß: Lasst uns nicht so tun, als ob wir die letzte Generation dieser Erde wären. Das war der Beginn der IGU. Fast den gleichen Text habe ich jetzt in meiner letzten IGU-Mitgliederversammlung als Vorsitzender angesprochen.

 

Was ist denn Ihrer Meinung nach der größte Erfolg der IGU in all den Jahren?

Der größte Erfolg, eigentlich auch mein persönlich größter Erfolg, war die Rettung des Nordhakens in Olpenitz. Dieser ist heute Naturschutzgebiet. Anfangs hat keiner geglaubt, dass das klappen würde.

 

Warum ist dieses Gebiet für die Vögel so wichtig?

Dieser durch den Militärzaun abgeschirmte Küstenbereich stellt innerhalb der sonst vom Ferienbetrieb vereinnahmten Ostseestrände eine Rarität dar. Hier hatten und haben nun wieder direkt am Strand brütende Seevögel wie Zwergseeschwalben und Säbelschnäbler noch eine Chance.

 

Was haben Sie dann unternommen?

Aus den genannten Gründen habe ich damals alles aufgeschrieben und sachlich begründet, weshalb dieses Gebiet nicht bebaut werden soll. Und so habe ich einen langen Brief verfasst. Schließlich habe ich den Nabu, den Verein Jordsand, den Landesnaturschutzverband und den BUND in mein Wohnzimmer eingeladen. Wir haben dann alle den Brief mitunterschrieben, unsere Briefköpfe auf das Schreiben gesetzt und ihn an die wichtigen Stellen gesandt. Alle sachlichen Argumente dieses Briefes haben bis zum Gerichtsurteil durchgehalten.

 

Wie ist es dann weitergegangen?

Der BUND ist später ausgeschieden. Es ging dann in der Folgezeit darum, ob wir klagen oder nicht. Der Nabu hatte als einzige unserer Organisationen das Verbandsklagerecht und deshalb die Klage übernommen. Wir haben uns die Kosten dann geteilt. Und das Gericht hat die Klage zugelassen

 

Und Sie haben dann ja tatsächlich gewonnen.

Ja, der Bebauungsplan war aufgehoben, ungültig. Und das Schlimmste war dann – und das müssen Sie erst mal persönlich aushalten: Jaska Harm (Anm. d. Red.: Geschäftsführer der Port Olpenitz GmbH) stand auf, lief aus dem Saal und rief dabei: Und morgen entlasse ich 200 Mitarbeiter. Dann fährt man nach Hause. Es ging um eine Dreiviertelmilliarde Euro. Die haben Sie dann im Nacken. Die ist weg. Und das war schwer.

 

Es kam dann ja aber doch noch zur Einigung.

Ja, bevor es zum Treffen beim damaligen Ministerpräsidenten Carstensen kam, hatte ich Harm gesagt: „Lassen Sie die Bebauung im Norden sein, und gehen Sie in den Süden, da ist doch Platz genug.“ Die Anregung hat er aufgegriffen und dann diese südliche Wasserlandschaft erfunden. Durch einen einen neuen, reduzierten Bebauungsplan wurde der Nordhaken ruckzuck Naturschutzgebiet.

 

Damals hatte sich dann ja auch das Verhältnis zu den Investoren entspannt.

Ja, bei der zweiten Grundsteinlegung hatten wir einen Extra-Tisch, und ich durfte als einziger draußen reden. Mehr kann man nicht erwarten. Erst eine Milliarde kaputt machen, aber dann das Ganze auch wieder neu in Gang bringen. Das war schon ein Erlebnis, aber die Zeit dazwischen muss man durchstehen.

 

Wie würden Sie sich selbst als Gesprächspartner in solchen Verhandlungen charakterisieren?

Man muss wissen, was man will. Bevor dieser große Plan beschlossen wurde, hatten wir mehrere Runde Tische mit Harm. Und dort wurden so ganz windelweiche Kompromisse vorgeschlagen. Da muss man dann kompromisslos sein.

 

Die IGU hat auch selbst ein Grundstück.

Ein viereinhalb Hektar großes Gelände in Faulückfeld. Dazu pflegen wir ein ein Hektar großes Grundstück in Weidefeld, auf dem wieder Orchideen wachsen. In Faulückfeld haben wir vorgeführt, was man mit ein paar Hektar Grünland wirklich machen kann. Dort gibt es Amphibien und Reptilien vom Laubfrosch bis zur Eidechse. Viele Pflanzen, die wir dort haben, stehen auf der Roten Liste, sind also bedroht.

 

Wie schafft man eine solche Wiederbelebung der Natur?

Dazu gehört, dass man Wasser in die Landschaft bringt und den Mähzeitpunkt immer den Pflanzen anpasst. Auf dem Faulücker Gelände versucht die IGU, Naturschutz vorzuleben. Das ist unsere Antwort: Nicht immer anderen sagen, was sie tun sollen, sondern selber was tun. Und wenn es noch so wenig ist.

 

Sie behaupten, dass es heute um die Natur schlechter bestellt ist als vor 30 Jahren. Wie kommen Sie darauf?

Ein Grund ist: Wir haben immer weniger Insekten. Die Insektenmasse ist, glaube ich, um 80 Prozent zurückgegangen. Das heißt: Die Insekten fehlen im Netzwerk der Natur. Daher gibt es heute zum Beispiel auch weniger Schwalben und Mauersegler.

 

Ist die IGU für die Zukunft gut aufgestellt?

Mit Eva Heimsoth meinen wir, jemanden gefunden zu haben, der kompetent ist und vom Auftreten her die nötige Kraft hat. Und das, was sich im Laufe eines Lebens an Wissen anhäuft, das muss man mit der Zeit hinkriegen. So war das bei mir auch. Ich habe Mathematik und Chemie studiert. Biologie war nie mein Fach.

 

Womit wird sich die IGU künftig beschäftigen?

Für die Zukunft liegt unser Schwerpunkt auf den Bäumen in der Stadt. Das war ein Riesentrauerspiel mit den Pappeln und den Linden an der B  199 und der Hindenburgstraße. Da wollen wir uns die Begründung vornehmen und beim LLUR (Anm. d. Red.: Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume) beschweren. Zudem müssen wir weiter um ein vernünftiges Fahrradkonzept kämpfen.

 

 

 

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erstellt am 07.Jun.2016 | 07:00 Uhr

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