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Schlei-Bote

03. Dezember 2016 | 01:22 Uhr

Wassermühlenstrasse : Kappeln als Vorreiter neuer Wohnform

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

An der Schlei wird jetzt bereits das zweite Projekt des gemeinschaftlichen Bauens verwirklicht.

In Kappeln scheint allmählich eine neue Wohnform Fuß zu fassen, die im ländlichen norddeutschen Raum weitgehend unbekannt ist. Die Rede ist vom sogenannten „gemeinschaftlichen Bauen“, bei dem sich eine Gruppe von Privatleuten zusammenschließt, um zwei Mehrfamilienhäuser ohne Bauträger zu realisieren. Nun soll mit dem Wohnprojekt „Alte Ziegelei“ in der Wassermühlenstraße gegenüber vom e-center bereits das zweite Bauvorhaben dieser Art verwirklicht werden. 20 Wohnungen in zwei Gebäuden sind hier geplant.

„Ein Wohnprojekt ist eine Form gemeinschaftlichen Wohnens, aber es ist keine Wohngemeinschaft im Stile der 68-Jahre. Jeder hat seine eigene Wohnung“, sagt Anders Fonager Christensen, geschäftsführender Gesellschafter des Flensburger Unternehmens „Prokultur“. Christensen ist mit seiner Gesellschaft Projektbegleiter dieses Bauvorhabens. „Wir haben hier die Idee verbreitet, sammeln die Leute ein, sorgen für die Gründung der Gemeinschaft und arbeiten dann im Auftrag der Wohngruppen-Gesellschaft mit den Architekten zusammen“, sagt Christensen.

„Prokultur“, auch in den Bereichen Beratung und Consulting sowie Veranstaltungsmanagement tätig, hat bereits von 2012 bis 2014 mit dem Kappelner Architekten Thomas Molt ein solches Wohnprojekt realisiert. Der hinter dem Scheunenfeld gelegene Pastorenhof umfasst zwei Gebäude mit je sieben Wohnungen. „Anfangs verlief die Belegung eher zögerlich. Für die Vergabe der ersten sieben Wohnungen brauchten wir eineinhalb Jahre, die übrigen sieben Wohnungen gingen innerhalb von vier Monaten weg“, sagt Christensen. Ja, am Ende habe es mehr Interessenten gegeben als der Komplex an Wohnungen bieten konnte. Das mehrfach geäußerte Interesse an einem Wohnprojekt führte dann zur Idee der „Alten Ziegelei“.

Für den Diplom-Maschinenbau-Ingenieur liegen die Vorteile solcher Baugemeinschaftsprojekte auf der Hand. Schon vor Baubeginn suchen sich bauwillige Privatleute Gleichgesinnte – und damit ihre Nachbarn aus – , mit denen sie wohnen wollen. „Die Nachbarschaft steht schon vor dem Einzug“, behauptet Christensen. Zudem könnten die Wohnungseigentümer stärker Einfluss auf ihr späteres Zuhause nehmen als beim gewöhnlichen Kauf einer Eigentumswohnung – von der Auswahl der Fliesen bis zum Dachziegel. „Es gibt keine Wohnung von der Stange“, sagt der 55-Jährige. Vielmehr einigt sich die Bauherren-Gemeinschaft auf eine Standard-Bauausstattung. Doch könne jeder Wohnungseigentümer beispielsweise qualitativ bessere Badmöbel auswählen, sofern dieser die Differenzkosten auch trage. Generell gebe es drei Sonderausstattungen. „Je mehr wir standardisieren, desto besser bekommen wir die Kosten in den Griff“, meint der „Prokultur“-Geschäftsführer.

Besonders in städtischen Wohnprojekten dieser Art gibt es zudem unterschiedliche Ausprägungen. So stünde bei manchen Vorhaben die Musik mit entsprechendem Schallschutz im Vordergrund. Bei anderen Bauvorhaben liegt der Schwerpunkt auf Ökologie durch den Bau eines Passivhauses mit entsprechenden Stromanschlüssen für Elektroautos in der Garage. „Jedes Projekt ist anders, und es hängt auch immer von den Leuten ab. Doch bei jedem Projekt lernt man etwas dazu“, meint Anders Fonager Christensen.

Darüberhinaus legt die Gemeinschaft auch fest, ob es in dem Wohnkomplex Vermietung geben soll oder nicht. Damit verbunden wäre eben auch ein gewisser Austausch. „Durchweg wollen die Bewohner keine hohe Fluktuation“, sagt Christensen. Zur Zielgruppe dieser Wohnform gehörten in erster Line Ältere, die kurz vor der Rente stünden oder gerade in Rente gegangen seien. „Die Familienverbände lösen sich auf, das beschäftigt die älteren Menschen heute stärker als früher. Daher sind sie motiviert, ihr Umfeld selbst zu gestalten“, sagt Christensen. Später, wenn das Bauen bereits im Gange sei, würden auch jüngere Familien hinzukommen. Das Kappelner Wohnprojekt wird laut Christensen auch über einen Gemeinschaftsraum etwa zu Werkstattzwecken oder für Feierlichkeiten verfügen. Doch sei der Begegnungsraum im urbanen Umfeld im Allgemeinen stärker ausgeprägt.

Christensens Kollegen aus großen Ballungsgebieten haben dennoch nicht an eine Realisierung eines solchen Projektes in Kappeln geglaubt. „Dort oben im Norden wirst du das nie hinkriegen“, sagte man ihm. Inzwischen rechnet der Projektmanager mit dem Baubeginn der „Alten Ziegelei“ im nächsten Jahr. Christensen sagt dazu: „Dass wir jetzt in Kappeln das zweite Projekt beginnen, finde ich schon bemerkenswert. Da fühle ich mich schon bestätigt.“  

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erstellt am 09.Aug.2016 | 07:30 Uhr

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