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Schlei-Bote

09. Dezember 2016 | 04:59 Uhr

Kappeln : Es geht auch mit Händen und Füßen

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Sprachprobleme sind keine Barriere: Die Flüchtlinge Hetem Dulaj und Mansoor Mozafari machen bei der Cremilk eine Ausbildung.

„Wir brauchen Nachwuchs, da in den nächsten Jahren einige Mitarbeiter in Rente gehen“, erklärt Produktionsleiter Edip Çakar. Aus dem Grund hatte der Betrieb bei der Agentur für Arbeit inseriert und im Produktionsbereich, zusätzlich zu der dreijährigen Ausbildung zum Milchtechnologen, eine zweijährige Ausbildung zum Maschinen - und Anlagenführer angeboten.

Es gab zahlreiche Bewerber auf die Anzeige. Unter anderem meldeten sich auf verschiedenen Wegen auch fünf Flüchtlinge. „Bei einigen haben sich die ehrenamtlichen Betreuer mit uns in Verbindung gesetzt, andere, haben sich selbstständig gemeldet“, sagt Edip Çakar, Leiter der Produktion. Das Unternehmen entschied sich bewusst dafür, den Flüchtlingen eine Chance zu geben und lud alle fünf Bewerber ein.

Tatsächlich konnten sich, trotz mangelnder Deutschkenntnisse, zwei Flüchtlinge, durchsetzen, der 50-jährige Hetem Dulaj aus Albanien und der 25-jährige Mansoor Mozafari aus dem Iran. „Die beiden hatten sich schon über unsere Firma informiert, kannten aber das deutsche Ausbildungssystem noch nicht“, so Personalreferent Kevin Heßmann. Sie hätten ihnen zunächst erklären müssen, dass sie in ihrer Lehrzeit weniger verdienen. Die beiden absolvierten zunächst ein vierwöchiges Praktikum. Während dieser vier Wochen zeigten sie so gute Leistungen, dass der Betrieb die Flüchtlinge nicht mehr gehen lassen wollte. Dulaj, der in Albanien als Bus- und Kraftfahrer arbeitete, hat einen Ausbildungsvertrag und Mozafari nimmt an einem IQ-Programm teil, „Integration durch Förderung“ ,das ihm den Einstieg in die Ausbildung ebnen soll.

„Das Programm ist wie ein Probeausbildungsjahr, wenn er gute Leistungen bringt, können ihm die später angerechnet werden“, erklärt Heßmann. Mansoor hatte 2008 im Iran sein Abitur gemacht und anschließend als Maschinentechniker in einer Fabrik in Teheran gearbeitet. Sie hätten ihn zunächst von dem hiesigen Ausbildungssystem überzeugen müssen. Praktisch war er der Meinung alles schon zu können und vor der Theorie hätte der Iraner Angst, vor allem die Sprachbarriere hätte ihm da zu schaffen gemacht, erklärt Heßmann. „Wir konnten ihn schließlich überzeugen, dass sich eine Sprache bei der täglichen Arbeit besser lernt,, als drei mal die Woche zu einem Kurs zu gehen , so Heßmann. Das sei „learning by doing“.

Nachdem sich der Betrieb für die beiden Flüchtlinge entschieden hatte, konnte es allerdings nicht direkt losgehen. „Da wartete erstmal eine kleine Papierschlacht auf uns, aber wir wurden damit nicht allein gelassen“, so Heßmann. Eine große Hilfe sei da die Willkommenslotsin Sonia Kefi von der IHK Flensburg gewesen: Sie vermittelte zwischen Ausländerbehörde und Betrieb, wusste genau was zu tun ist, da sie darauf spezialisiert sei, Flüchtlinge den Weg auf den Arbeitsmarkt zu ebnen, erklärt der Personalreferent.

Der Iran gilt als unsicheres Herkunftsland. Deshalb wird Mansoor Mozafari, durch verschiedene Maßnahmen gefördert, um die Integration voranzubringen. Das bedeutet, dass ihm Sprachkurse zustehen und er bei Behördengängen unterstützt wird. Allein um die Wohnungssuche, muss sich der 25-jährige Iraner selber kümmern. Beide Auszubildenden würden gern nach Kappeln ziehen, besonders für Mozafari ist die Anfahrt ein Problem : „Er kommt jeden Tag mit dem Bus aus Schleswig , dafür braucht er 2,5 Stunden pro Tour“, erzählt Çacar. Der 50-jährige Hetem Dulaj fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. „Das hält mich fit“, lacht der Albaner.

Edip Çacar ist sehr zufrieden mit seinen Schützlingen. Auch Ausbilder Oliver Boock und die Kollegen der beiden freuen sich über die Verstärkung, selbst wenn sie sich zum Teil mit Händen und Füßen austauschen, was aber alle mit Humor nehmen. „Sie sind wirklich total bemüht und wollen lernen. Sie haben eine super Auffassungsgabe und verstehen die Abläufe schon sehr gut“, so Çacar. Beide müssten noch an ihrem Deutsch arbeiten, was besonders in der Berufsschule auf eine harte Probe gestellt wird.

Mansoor Mozafari falle das Deutschlernen sehr leicht, erklärt Çakar, manchmal würde er schon seine Kollegen verbessern, scherzt der Produktionsleiter.

Das liegt zum einen an seiner Auffassungsgabe, zum anderen wird er besser gefördert, als sein Kollege Dulaj, der aus Albanien und damit aus einem als sicher geltenden Herkunftsland kommt. Als Wirtschaftsflüchtling hat er kein Anrecht auf kostenlose Deutschkurse. „Der Unterschied ist da schon recht groß zwischen den beiden“. erklärt Çakar. Der Betrieb lasse Dulaj, der mit seiner Frau und zwei Kindern im acht Kilometer entfernten Karby lebt, nicht allein. „Wir melden ihn bei einem VHS-Kurs an und werden ihn einen Tag in der Woche freistellen, damit er die Möglichkeit hat, sein Deutsch zu verbessern.

Der Betrieb ist mit seiner Wahl zufrieden: „Jegliche Zweifel sind schon während des Praktikums verflogen, und wir freuen uns gleichzeitig einen Beitrag zur Integration zu leisten“, sagt Heßmann.

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erstellt am 22.Okt.2016 | 08:45 Uhr

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