zur Navigation springen

Schlei-Bote

04. Dezember 2016 | 07:13 Uhr

Angelner Dampfeisenbahn : Eine Atempause für „Julchen“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Die 67 Jahre alte Dampflok der Museumsbahn benötigt einen neuen Kessel – und fährt daher zum vorerst letzten Mal.

67 Jahre hat er gehalten, jetzt allerdings ist Schluss. „Julchens“ Kessel muss ausgetauscht werden, heute und morgen wird die kleine Lok zum vorerst letzten Mal über die Schienen im Angelner Land dampfen. „Abschiedsfahrt“ nennt die Angelner Dampfeisenbahn gGmbH diese Wochenendaktion auf ihrer Homepage, Heiner Nissen, als Geschäftsführer der Wittkiel Gruppe verantwortlich für das Marketing der Bahn, sagt deutlich: „Wir stampfen hier nichts ein, wir gönnen ‚Julchen‘ nur eine Atempause.“

Der Tüv hat regelmäßig ein Auge auf die Kessel der beiden Dampfloks „Julchen“ und „Schöne Schwedin“. Experten kontrollieren mehrmals im Jahr mit Spiegeln das Innere des Kessels und mit Ultraschall die Wanddicke. Iver-Andreas Schiller, Geschäftsführer der Angelner Dampfeisenbahn gGmbH, sagt: „25 Prozent sogenannter Abzehrung sind erlaubt.“ Ein Viertel der ursprünglichen Wanddicke darf ein Kessel also einbüßen – ein Prozess, der durch das Gemisch aus Wasser und Sauerstoff in Reaktion mit Metall offenbar automatisch in Gang gesetzt wird. „Dass ‚Julchens‘ Kessel überhaupt so lange gehalten hat, grenzt schon an ein Wunder“, sagt Schiller deshalb. Aus Sicherheitsgründen allerdings ist ein weiterer Betrieb über das Wochenende hinaus nicht möglich. „Der Kessel muss komplett neu gemacht werden“, kündigt der Geschäftsführer an und kalkuliert mit einer Summe im fünfstelligen Bereich. Bereits 2012 hatte die „Schöne Schwedin“ einen neuen Kessel erhalten. Drei Jahre hatte die Lok damals stillstehen müssen, die Kosten konnte die gGmbh unter anderem mit Hilfe verschiedener Fördertöpfe, gar nicht unbedingt mit Unterstützung von Kommunen oder Ämtern, wuppen. Und auch mit Blick auf „Julchen“ sagt Schiller: „Wir schaffen das, aber wir wollen uns Zeit lassen.“

Eine Lok weniger bedeutet derweil nicht, dass Schiller die gerade mal knapp drei Monate alten Vorgaben der Stadt nicht mehr einhalten kann. Anfang Juli hatten die Kommunalpolitiker einen jährlichen Zuschuss von 20  000 Euro für die Museumsbahn bis zum Jahr 2025 bewilligt, dafür allerdings unter anderem einen sonntäglichen Fahrbetrieb von Mai bis September, in den Sommermonaten zusätzlich mittwochs und sonnabends, gefordert. „Natürlich kriegen wir das auch mit einer Dampflok hin“, sagt Schiller. „Als die ‚Schöne Schwedin‘ vor vier Jahren ausfiel, hat es doch auch geklappt.“ Und im Fall der Fälle könne man auch immer noch auf die Diesellok zurückgreifen – etwas weniger stilecht als die Dampflok, aber fahrtüchtig. Davon unberührt bleibt das Ziel, „Julchen“ wieder flott zu kriegen, auch weil, das betont Heiner Nissen, „es einfach das bessere Fahrerlebnis ist“.

An diesen Wunsch und an das Wissen, mit der 1000 PS starken „Schönen Schwedin“ ein echtes Zugpferd zu haben, knüpft Nissen eine „Aufbruchstimmung“ – trotz des zumindest zeitweisen Verlustes von „Julchen“. „Wir haben immer noch ein richtig kräftige Dame, die uns nach vorne zieht“, sagt er und lobt das „tolle Team“ hinter der Museumsbahn. Auch deshalb fällt es ihm leicht, konkrete Pläne für 2017 zu schmieden. „Wir wollen gerne in den Online-Ticket-Verkauf einsteigen“, kündigt Nissen an und plädiert dafür, „eine so tolle Sache wie die Museumsbahn nicht tot zu reden“. Immerhin mache sie einen erheblichen Teil der touristischen Infrastruktur der Region aus. Iver-Andreas Schiller ist sich indes des finanziellen Beistands der Stadt Kappeln bewusst. „Es ist toll, dass die Stadt dieses klare Signal ausgesendet hat“, sagt er. „Diese Entscheidung bringt uns endlich mal zur Ruhe.“ Und nebenbei kümmert sich Schiller außerdem um die Stilllegung des dritten Gleisstrangs, die die Kommunalpolitik ebenfalls verlangt hat. Für ein Fahrzeug, das genau dort derzeit steht, gibt es bereits einen Käufer, ein anderes wird sicher verschrottet, im Geiste hat Schiller den ein oder anderen Waggon bereits auf eines der beiden restlichen Gleise umgehoben.

Bevor „Julchen“ nun auf unbestimmte Zeit im Lokschuppen verschwindet, besteht heute und morgen ab 13.45 Uhr Gelegenheit, ab Südhafen mit ihr zu fahren. Außerdem wird am Wochenende das zehnjährige Bestehen der Kooperation zwischen der Angelner Dampfeisenbahn und der Reederei Gerda Müller im Rahmen der Erlebnisrundreise gefeiert. Heiner Nissen sagt: „Wir sind absolut guter Dinge, dass es genauso weitergeht.“

zur Startseite

von
erstellt am 27.Aug.2016 | 07:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen