zur Navigation springen

Schlei-Bote

10. Dezember 2016 | 13:54 Uhr

Gospels im BBZ : Ein Schulchor als Treffpunkt der Kulturen

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Am Berufsbildungszentrum singen Deutsche und Flüchtlinge gemeinsam Gospels.

Es ist 9.20 Uhr. Rund 30 Chormitglieder des Berufsbildungszentrums (BBZ) Kappeln stehen in der einen Hälfte der sonnendurchfluteten Turnhalle. Die Jugendlichen sind teils Deutsche, teils Flüchtlinge, und sie singen Gospels, also christliche Lieder. Ist das ein Problem für Muslime? Der 18-jährige Ali Farib aus Afghanistan mag die Gesangsstunde. „Mir gefallen auch die Gospels, die wir hier singen.“ Chorleiter Sönke Norden meint, dass der religiöse Charakter der Gospels in dem Chor kein Problem sei. „Gospel habe ich gewählt, weil diese Stilrichtung durch ihren Rhythmus für jüngeres Publikum geeignet ist und eben auch viel Spaß macht.“ Der Chorleiter hat die Erfahrung gemacht, dass andere Kulturen sich beim Singen sehr viel einfacher tun. „Flüchtlinge bringt man viel schneller zum Singen als Deutsche. Wir singen doch meistens nur beim Autofahren oder unter Dusche“, meint Norden. Für den Chorleiter selbst gilt das übrigens nicht. Der Kappelner ist mit Musik groß geworden, spielt mehrere Instrumente, wirkt in zwei Bands mit und singt auch im Chor. „Wo sich etwas mit Musik ergibt, da bin ich dabei“, erklärt Norden. Dabei ist es ihm egal, ob es sich um Rock, Klassik, Jazz oder Pop handelt. „Musik ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben“, sagt der Jugendhilfe-Arbeiter.

Der 40-Jährige steht jetzt in der anderen Hälfte der Turnhalle seinem Chor gegenüber. Und den Platz wird Sönke Norden für seine ausufernden Spaziergänge während des Dirigierens noch brauchen. Er ist der einzige, der in den folgenden 45 Minuten in der Turnhalle zusätzlich zum Singen auch Ausdauersport betreibt. Doch zunächst teilt Norden den Chor auf: Die Männer nach links, die Frauen auf die rechte Seite. Währenddessen geht Norden auf und ab und dann von der linken zur rechten Seite, dann vor und wieder zurück.

„Einige sind ja zum ersten Mal dabei, deswegen machen wir erst einmal Stimmproben, um den Gesang zu entwickeln“, erklärt Norden, während er vor und wieder zurückgeht. Gefühlt hat er die ersten 500 Meter hinter sich. „Dichter zusammen, wir wollen ja ein und nicht zwei Chöre sein, aber Platz zum Nachbarn lassen“, sagt der Chorleiter. „Locker in den Knien stehen, die Wirbelsäule gerade, die Füße schulterbreit auseinander. Doch nicht die Hände in den Hosentaschen lassen“ , sagt Norden.

Die Stimmprobe beginnt einem „A“. Die Männer singen das „A“, Nordens rechter Arm geht hoch. „Noch mal mit mehr Kraft und etwas höher“, korrigiert er seine Sänger. Der zweite Anlauf gelingt besser. Nun folgt ein Doppel-A, wobei der zweite Ton höher gesungen wird. Schließlich singen die Männer dreimal das A. „Das war richtig geil“, findet Norden. Dann folgt das Gleiche mit „O“. Norden ist nicht zufrieden. „Nicht knödeln. Mundwinkel schön nach außen ziehen, wie beim Grinsen, dann singt man besser. Alles eine Frage der Muskulatur“, erklärt der Chorleiter. Dann kommen die Frauen an die Reihe. Bei der Stimmprobe vom „O“, sagt Norden: „Das war schon einigermaßen.“ Was sich bei Norden schon einigermaßen nach Lob anhört. Beim dreifachen „O“ geht Nordens Arm rauf und runter. Einen kurzen Augenblick ist es still in der Turnhalle, dann entfährt Sönke Norden, ein zackiges lang anhaltendes „Jaaa“, während er gleichzeitig seinen Oberkörper Richtung Fußboden beugt und dann wieder aufrichtet, als ob er das „Jaaa“ auch mit seinem Körper aussprechen will.

Dann geht es an die erste Strophe eines Gospels: „Lord You are good and your mercy endureth forever“. Norden geht auf den Chor zu, während seine Arme sich auf Wanderschaft begeben. Er spricht einzelne mit Gesten an, geht dann wieder zurück, um den gesamten Chor im Blick zu haben. Inzwischen ist Norden auf seiner Wanderschaft bei Kilometer acht angelangt. Dann singt der Chorleiter vor. Seine kräftige und gleichsam feine Stimme ertönt durch die gesamte Halle. Als seine Stimme erlischt, applaudieren die Schüler und johlen begeistert. Der 40-Jährige versucht die Begeisterung der Schüler mitzunehmen. „Die schönste Passage, in der sich die Spannung aufbaut, die kommt noch. Wenn wir das hinkriegen, macht das richtig Spaß.“ Dann probt der Chor die Strophe noch einmal, und Norden setzt bei seiner Wanderschaft zum Endspurt an. Zum Abschluss gibt es eine Lockerungsübung. Die Teilnehmer beugen sich zum Boden und singen beim Aufrichten ein tiefes A, das immer höher wird, bis die Hände über den Kopf ragen.

Die Berufsschüler finden den Chor gut. „Das Singen ist super. Ich bin seit drei Monaten dabei und mache auf jeden Fall weiter“, sagt der 19-jährige Anas Souleyman aus Syrien. Dem Afghanen Hussein Abdlahi (17) gefällt das Singen am BBZ, weil es locker sei. Der Senegalese Mactar Tambedou (16) mag die Lieder, die in dem Chor gesungen werden. Und Ali Farib findet Sönke Norden als Chorleiter gut. Kimberli Christin Scheller (20) aus Stoltebüll gefällt es, hier mit Flüchtlingen zusammen zu kommen. Und ihre Freundin Saskia Häder lobt den Chorleiter: „Sönke macht das gut, es macht so viel Spaß.“

Und noch etwas gefällt der 17-jährigen Norderbraruperin: „Das Singen ist ein guter Ausgleich am Tag, da bin ich im Unterricht danach gleich viel entspannter.“ Das hört Norden gern: „Wenn die Schüler entspannter sind, sind sie auch motivierter und lernen besser.“ Sönke Norden weiß, wovon er spricht, er war selbst mal Schüler am BBZ. 

zur Startseite

von
erstellt am 01.Okt.2016 | 08:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen