zur Navigation springen

Schlei-Bote

27. Mai 2016 | 22:00 Uhr

Niederdeutsch in Kappeln : „Diese Sprache gehört in die Region“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Im Vorfeld der Verleihung des 25. Niederdeutschen Literaturpreises lohnt ein Blick in Kappelns „plattdeutsche Szene“.

Die niederdeutsche Sprache ist charakteristisch für Schleswig-Holstein und ein wesentliches Element seiner Kultur. Die Landesverfassung verpflichtet das Land sogar dazu, das Niederdeutsche zu schützen und zu pflegen. Zudem wurde die Regionalsprache wie auch Nordfriesisch in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen aufgenommen. Zahlreiche niederdeutsche Vereine, Verbände und Institutionen sorgen für den Erhalt der Sprache. Seit 1991 verleiht die Stadt Kappeln gemeinsam mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund den Niederdeutschen Literaturpreis für herausragende Leistungen im Bereich der niederdeutschen Sprache. Doch wie steht es in der Praxis um die Sprache, die Teil der schleswig-holsteinischen Identität ist? Wer spricht heute noch Platt, wer interessiert sich überhaupt für das Thema?

Petra Herzig sitzt als Leiterin der Stadtbücherei gewissermaßen am literarischen Puls Kappelns. Die Nachfrage nach plattdeutschen Büchern ist nicht besonders groß, das zeigen auch die kaum mehr als 100 niederdeutschen Titel in der Datenbank der Bücherei. „Wenn das Interesse größer wäre, würde ich mehr bestellen. Aber plattdeutsche Literatur ist nicht wahnsinnig gefragt, außer von denen, die in dem Bereich sehr engagiert sind“, bedauert Herzig. Rudolf Kinau, Reimer Bull, Ina Müller und Matthias Stührwoldt sind nur einige der niederdeutschen Autoren, die die Bücherei bereithält. Besonders beliebt sei das Spiel „Bingo op Platt“, berichtet Herzig, bei dem das Sprechen und das Verstehen der Regionalsprache trainiert werde. Für Kindergärten und Schulklassen der Orientierungsstufe bietet die Bücherei außerdem eine „Wissenbox Plattdeutsch“ an, die Spiel- und Lernmaterialien enthält. Lange schon stehen literarische Klassiker wie Goethes „Faust“, Grimms Märchen oder Pippi Langstrumpf in niederdeutscher Übersetzung in den Bücherregalen. „Wenn man Plattdeutsch lernen will“, weiß die gebürtige Hessin Petra Herzig aus eigener Erfahrung zu berichten, „muss man es aber erstmal ins Ohr kriegen, zum Beispiel mit Hörbüchern oder bei Lesungen“.

Letztere finden in der Stadtbücherei ein Mal im Monat sowohl auf Hochdeutsch – durch Angelika Baron – als auch in Niederdeutsch – durch Monika Jenner – statt. Dass die plattdeutsche Mundart in den vergangenen Jahrzehnten an Stellenwert eingebüßt hat, ist für Monika Jenner beklagenswert, aber erklärbar: „In den Nachkriegsjahren war Platt die Sprache des armen Mannes. Viele Eltern haben darum darauf verzichtet, mit ihren Kindern Plattdeutsch zu sprechen.“ Aus diesem Grund habe auch Jenner erst mit 25 Jahren die Sprache ihrer Eltern und Großeltern erlernt. „Mein Vater und meine Mutter haben nur Hochdeutsch mit uns gesprochen“, sagt sie. In den vergangenen Jahren sei die Sprache im Allgemeinen aber wiederbelebt worden. Jenner: „Jetzt reden die Großeltern wieder mit ihren Enkelkindern Plattdeutsch. Man hört es sofort, wenn ein Kind die Sprache von zu Hause kennt.“ Sprechen – das sei überhaupt die beste Lernmethode, verdeutlicht Monika Jenner. „Das größte Manko an der plattdeutschen Sprache ist, dass sie zu wenig gesprochen wird. Meistens geht man nur in Lesungen oder Theaterstücke“, lautet ihre Feststellung. Auch sollten Schulen mehr Angebote zum Erlernen des Niederdeutschen bereithalten. „Es wäre wünschenswert, dass die Region ihre Sprache wiederfindet, auch im täglichen Gebrauch.“ Denn die Seniorin weiß um die Vorzüge der niederdeutschen Sprache: „Du kannst auf Plattdeutsch etwas Böses sagen, und es klingt immer gut.“

Auch der Folkclub Ostangeln bemüht sich um eine Pflege des niederdeutschen Kulturgutes: „Dat du min Leevsten büst“ und „Freesenhof“ sind nur einige der plattdeutschen Lieder aus dem Repertoire der Laienmusiker. Rüdiger Lange, Vorsitzender des Vereins, sagt dazu: „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, folkloristisches Lied- und Tongut zu pflegen.“ Dazu gehörten, so Lange, neben den plattdeutschen auch dänische, finnische oder schwedische Stücke. „Wir sind nicht das Zugpferd für das Niederdeutsche“, sagt er. „Aber wir befinden uns eben im norddeutschen Raum, und diese Sprache gehört in die Region.“ Bei Fragen zur richtigen Aussprache ist Elisabeth Magnussen-Andresen vom Niederdeutschen Beirat der Stadt behilflich. Sie empfindet die niederdeutsche Sprache als „schätzenswertes Kulturgut“. Bei den Auftritten des Folk-Clubs, berichtet sie, kämen insbesondere die bekannten plattdeutschen Stücke sehr gut beim Publikum an. Magnussen-Andresen: „Über Lieder kann man Sprachen einfach sehr gut lernen.“ Sie wünscht sich, dass die charakteristische Regionalsprache Schleswig-Holsteins in den kommenden Jahrzehnten am Leben erhalten wird. „Niederdeutsch ist nicht mehr so verbreitet“, sagt Magnussen-Andresen. „Aber man kann ja Mut machen, es zu lernen.“

zur Startseite

von
erstellt am 24.Okt.2015 | 08:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen