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Schlei-Bote

04. Dezember 2016 | 21:27 Uhr

Kappeln : Auf den Weltmeeren zu Hause

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Ein Urgestein der Traditionssegler-Szene: Lore Haack-Vörsmann lässt ihre Yacht in Kappeln überwintern – und erzählt von ihren Erlebnissen.

Seit ein paar Tagen liegt eine Segelyacht im Museumshafen Kappeln, die dort fast wie ein Fremdkörper wirkt. Die „Orion“ ist mit ihren beiden silbernen Aluminiummasten und den großen Fenstern kein Museumsschiff, aber ihre Eignerin, Lore Haack-Vörsmann, ist ein Urgestein der Traditionssegler-Szene und eine außergewöhnliche Seglerin. Für den Winter hat sie ihr Schiff in Kappeln vertäut.

Im gemütlichen Salon der Yacht macht Lore Haack-Vörsmann bei der Begrüßung gleich klar, dass sie auf Förmlichkeiten keinen Wert liegt. „Ich bin Lore!“ Die kleine drahtige Frau mit den kurzen grauen Haaren segelt seit mehr als 40 Jahren über alle Weltmeere. Die Extreme haben es ihr angetan. Sie war auf Spitzbergen, in Alaska, in der Südsee, hat auf dem legendären Eiland Pitcairn die Nachfahren der Meuterei auf der Bounty besucht und Kap Hoorn umrundet. Dabei hat sie schwere Stürme abgewettert, überwältigende Natur erlebt und überall interessante Menschen kennengelernt. Wie macht man das als berufstätige Mutter von vier Kindern, die nebenher auch noch Bücher schreibt? Als freiberufliche Psychologin konnte sie sich die Zeit für die langen Törns immer freischaufeln, und ihr Mann hat ihr zu Hause den Rücken freigehalten, auch wenn er ihr unbändiges Fernweh und ihre Abenteuerlust nicht teilt. „Wenn man etwas wirklich will, dann findet man einen Weg“, ist Lore überzeugt. „Eine feste Anstellung habe ich aufgegeben, weil ich meine Freiheit brauchte. Aber wenn irgendwas mit der Familie gewesen wäre, wäre ich zu Hause geblieben.“

Im warmen Salon der „Orion“ erzählt die Frau von ihren Reisen, und man spürt Leidenschaft in jedem ihrer Sätze. Das Segelvirus hat sie schon in jungen Jahren auf dem Boot ihres Vaters infiziert. Später begeisterte sie sich für die Großsegler. Auf der „Staatsrad Lemkuhl“, der „Kershones“, der Bark „Europa“ und später auf der unter russischer Flagge segelnden Viermastbark „Sedov“, dem größten Segelschiff der Welt, heuerte sie als Crewmitglied an. „Das Segeln auf diesen Schiffen hat nichts mit Romantik zu tun“, stellt Lore klar. Es sei harte Arbeit. Alles werde an Bord noch so gemacht, wie vor hundert Jahren. Keine Hydraulik, keine Selbststeuerung, keine elektrische Winde nehme einem die Arbeit ab. „Wenn‘s schwer wird, müssen eben 15 Leute an der Schot ziehen. Dann geht es!“, sagt die 63-Jährige. Was wirklich wichtig ist, sei das Team. „Wenn einer quer schießt, kann man alles vergessen.“ Auf dem Törn von Kap Hoorn zu den Azoren standen sie zu acht am Steuerrad, um in schwerer See den Kurs zu halten. „Wir waren nass bis auf die Knochen und haben gefroren. Aber wir hatten trotzdem auch immer viel Spaß.“

Wie lange braucht die Besatzung, um die vielen Segel zu setzen? Lore überlegt: „Wenn die See ruhig ist und auf jedem der Masten 30 Leute sind und alles glatt läuft, dann dauert es so 40 Minuten. Sonst kann es auch schon mal Stunden dauern.“ Und dann heißt es hoch oben in fast 60 Metern Höhe das steife Tuch loszubinden und sich selbst auch noch festzuhalten. „Wenn ich nochmal auf die Welt komme, möchte ich ein Krake sein. Der hat nur zwei Gehirnzellen, eine zum Festhalten und eine zum Loslassen. Das sind die wichtigsten Fähigkeiten, die man braucht. Und das nicht nur bei Segelmanövern, sondern überall. Ob es um Freundschaften geht, um Beziehungen, oder um körperliche Herausforderungen!“ Über die Seemannschaft auf Traditionsseglern hat sie ein Buch geschrieben, das längst fast jeder Bootsmann auf einem Oldtimer in seiner Seekiste hat.

Aber zwischendurch ist sie auch immer auf Yachten gesegelt, unter anderem mit Heide und Erich Wilts auf der „Freydis“ durch die Südsee und weiter in die Antarktis. Daneben fand sie auf der „Orion“ noch Zeit für Familientörns ins nördliche Polarmeer oder für Einhandreisen nach Norwegen und Finnland.

Lore Haack-Vörsmann hat schon öfters in Kappeln Station gemacht. Sie mag den bei allen Winden geschützten Hafen und die freundschaftliche Atmosphäre. Hier wird das Schiff überwintern, während sie selbst in ihrem Haus in der Nähe von Braunschweig die nächsten Törns vorbereitet. Die Ziele stehen schon fest. Mit der „Freydis“ geht es durch die Nord-West-Passage und mit der „Orion“ mal wieder nach Spitzbergen. „Aber“, sagt Lore, „eigentlich ist das Paradies überall, auch hier in Kappeln, auch in dir selbst. Du musst es nur sehen.“ Es sei wichtig, die kleinen Dinge zu beachten, wo immer man ist. „Es gibt so viel Schönes, das ganz nah ist. Wer das nicht sieht, der sieht auch auf großer Fahrt nichts.“  

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