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Schlei-Bote

04. Dezember 2016 | 13:25 Uhr

Kappeln nach dem EuGh-Urteil : Angst vor dem Apotheken-Sterben

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Der Europäische Gerichtshof kippt die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente – Kappelner Pharmazeuten kritisieren das Urteil scharf.

„Das ist eine unerträgliche Benachteiligung deutscher Apotheken“, bringt es Friedrich Wenke von der Löwen-Apotheke in der Poststraße auf den Punkt. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, dass mal geschlossen gestreikt werden sollte, um darauf aufmerksam zu machen.“

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) gegen die Preisbindung von rezeptpflichtigen Medikamenten im grenzübergreifenden Versandhandel hat Deutschlands Apotheker geschockt. Ausländische Versandapotheken triumphieren, während niedergelassene Apotheken erhebliche Wettbewerbsnachteile befürchten. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat deshalb angekündigt, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbieten. Ein entsprechendes Gesetz wird zurzeit vorbereitet. Befürworter von Gröhes Vorstoß betonen den damit gesicherten Schutz der Apotheken. Gegner argumentieren, dass chronisch kranken Menschen in strukturschwachen Gegenden der Weg zu Arzneimitteln abgeschnitten würde und sprechen von einer Gröhe’schen Klientelpolitik für Apotheker.

Was am EuGH in Luxemburg Ende Oktober entschieden wurde, schlägt Wellen bis ins 700 Kilometer entfernte Kappeln. Mit aktuell 8809 Einwohnern und vier Apotheken zählt die Stadt nicht zu den strukturschwachen Gegenden, die von dem Urteil profitieren sollen. Im Gegenteil: Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) kommen durchschnittlich 4000 Einwohner auf eine Apotheke. „Diese Überversorgung in Kappeln wird aber durch die Touristen im Sommer aufgefangen“, sagt Apotheker Friedrich Wenke. „Andernfalls könnten vier Apotheken in Kappeln auch nicht überleben.“

Aus diesem Grund fürchtet Wenke auch nicht die Konkurrenz aus dem Internet: Die schnelle Versorgung vor Ort und die Kundenberatung könnten Versandapotheken nicht leisten. „Es geht um die Arzneimittelsicherheit, die Betreuung der Patienten und ihr Vertrauen zum Apotheker.“ Häufig müsste er mit Ärzten telefonieren, weil ein falsches Rezept ausgestellt wurde. „Wie sollen Online-Apotheken das in diesem Umfang leisten können?“ Deshalb rechnet Wenke damit, dass das Urteil für Krankenkassen eher mit einer Kostensteigerung einhergeht, weil über den Versandhandel ebenjene falschen Medikamente ausgeliefert würden.

Zudem seien die niedergelassenen Apotheken auch eine Wirtschaftskraft im Ort, argumentiert Wenke weiter. „Wir zahlen Gewerbesteuer und schaffen Arbeitsplätze.“ Er habe zwar Verständnis dafür, dass etwa chronisch Kranke mit einem hohen Medikamentenbedarf sparen wollten, jedoch dürfte dies nicht zu Lasten der Apotheke vor Ort gehen. Den Vorstoß Gröhes, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten zu verbieten, befürwortet Wenke.

Ebenso Torsten Hüneke von der Dehnthof-Apotheke. „Das Apothekersterben darf nicht noch zusätzlich erhöht werden“, sagt Hüneke. Denn: „Umsätze, die ins Internet gehen, fehlen niedergelassenen Apothekern.“ Hat der Bundesgesundheitsminister keinen Erfolg mit seinem Vorstoß, so hätte dies zur Folge, dass die Zahl der Apotheken in ländlichen Regionen weiter sinkt und die flächendeckende Versorgung gefährdet werden würde, weiß Hüneke.

Auch für Maren Teschner von der Schlei-Apotheke ist das Urteil aus Luxemburg alles andere als ein gutes: „Die ausländischen Versandapotheken betreiben Rosinenpickerei.“ Wo niedergelassene Apotheken für hochpreisige Medikamente etwa in Vorkasse gehen müssen, hätte die Online-Konkurrenz diese gar nicht erst im Sortiment. Ein Apotheken-Sterben und den Wegfall von Arbeitsplätzen – in Teschners Fall bis zu fünf – befürchtet auch sie. Wenn es dazu käme, müssten Patienten künftig weite Wege bis zur nächsten Apotheke in Kauf nehmen. Ihr Appell: „Wir müssen bei Medikamenten von dieser Billig-Billig-Mentalität wegkommen.“

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erstellt am 04.Nov.2016 | 07:00 Uhr

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