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Schlei-Bote

10. Dezember 2016 | 00:11 Uhr

Kappeln : Als Olympiatrainer in Rio

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Harry Mende begleitete die deutschen Bogenschützen zu den Paralympics.

Karneval, Zuckerhut und Caipirinha, all das bekam Harry Mende nicht zu sehen in zwanzig Tagen Brasilien. Als „schön-erschreckend“ bezeichnet der Kappelner die Stadt Rio – zumindest das, was er von ihr zu sehen bekam. Der 60-Jährige trainiert die Bogenschützen des TSV Kappeln und lernte den Trainer der deutschen Behinderten-Nationalmannschaft der Bogenschützen auf einem Trainerlehrgang in Suhl kennen, der fragte ihn prompt, ob er nicht Lust hätte, Co-Trainer zu werden. Natürlich wollte er! Nun war Harry Mende Co-Nationaltrainer der deutschen Behinderten-Bogenschützen – was auch das Ticket zu den Paralympics bedeutete.

Am 31. August ging es los, alle Sportler wurden am Frankfurter Flughafen vom Bundespräsidenten verabschiedet, und nach einem elfstündigen Flug landeten sie mit fünf Stunden Zeitverschiebung in Rio. „Dort wurden wir super in Empfang genommen, behindertengerechte Busse chauffierten uns ins Olympische Dorf, wo wir erstmal zwei Tage Zeit hatten, uns zu akklimatisieren“, berichtet Mende. Das am Stadtrand gelegene, streng bewachte Olympische Dorf und das ebenfalls von Militär und Polizei abgeriegelte im Zentrum gelegene Sambodromo, wo die Bogenschützen ihre Wettkämpfe bestritten, sollten in den kommenden 20 Tagen Harry Mendes neues Zuhause werden. „Da wurde ein Riesenaufwand betrieben, ins Dorf kam man nur mit der vorgesehenen Akkreditierung, Presse war zu keinem Zeitpunkt erlaubt. Wir wurden mit speziellen Bussen zu unserer Wettkampf- und Trainingsstätte eskortiert, was zwei Stunden dauerte. Das war schon ein komisches Gefühl“, erklärt der 60-Jährige. Überhaupt hätten sie das „echte Rio“ so gut wie gar nicht erleben können. Sie wurden abgeschirmt, das Thema Sicherheit hätte an erster Stelle gestanden.

Für die Sportler standen der Wettkampf und das sportliche Erleben im Vordergrund, denn für die amtierenden Europa- und Vizeweltmeister im Bogenschießen war das schließlich kein Urlaub. Die Sportler und Trainer hatten lange Arbeitstage. „Ich bin spätestens um vier Uhr aufgestanden und war den ganzen Tag im Stadion. Abends um zehn ist man dann auch reif fürs Bett“, so der Trainer. Doch die Arbeit zahlte sich aus. Harry Mende kommt ins Schwärmen, wenn er von der Eröffnungsfeier erzählt oder von den Finals, als alle Ränge besetzt waren. „Da kommt eine Stimmung rüber, das kann man kaum beschreiben. Bei der Eröffnungsfeier kamen wir als drittes Team herein, und die Leute haben uns zugejubelt. Und überhaupt, was für ein Aufwand da gemacht wurde, das war einfach nur der Wahnsinn.“

Genauso positiv beeindruckt war der 60-Jährige vom freundlichen Miteinander aller Nationen: „Alle waren hilfsbereit und freundlich, Politik spielte hier keine Rolle, wir waren wie eine große Familie.“ Dies lag sicher am olympischen Charakter der Veranstaltung. Aber Mende sieht im Behindertensport auch einen ganz besonderen Zusammenhalt zwischen den Athleten: „In einem Land wie Deutschland kann man schon recht gut als Behinderter leben, aber in einem kleinen Dorf in Simbabwe kann das schon eine ganz andere Herausforderung sein.“ In Rio seien die Deutschen mit anderen Behinderten zusammen. Sie waren nicht mehr unter sich, sahen vielleicht Menschen mit noch schwereren Behinderungen, die auch erfolgreich waren. „Das war etwas Besonderes.“

Interessant sei auch die kulinarische Vielfalt gewesen, die Athleten wurden rundum versorgt. Im Cateringzelt gab es Speisen aus aller Herren Länder: „Man konnte sich einmal quer durch die Welt essen.“ Einen weiteren positiven Touch bekam das Event durch die vielen freiwilligen Helfer aus der ganzen Welt. „ Ich habe dort einen 70-jährigen Volunteer getroffen, der war Engländer und hatte doch tatsächlich ein Pflegeheim, genau wie ich auch. Da haben wir uns erst einmal ausgetauscht. Das war ein tolles Gespräch.“

Im Großen und Ganzen waren die Paralympischen Spiele für den Kappelner ein tolles Erlebnis, das besonders von den vielen Menschen geprägt war. Woran sich der 60-Jährige nicht gewöhnen konnte, war die „Extrabehandlung“ für Sportler und Betreuer. „Das war nur schwer zu ertragen“, sagt Harry Mende, „wir werden da auf extra abgesperrten Straßen in tollen, hochmodernen Bussen durch die Gegend kutschiert, und die Bevölkerung steht im Stau und sitzt in überfüllten Bussen und muss sich irgendwie durchs Leben schlagen.“

Die Erlebnisse von Rio sind noch nicht ganz verdaut, da wartet schon das nächste Abenteuer auf Mende und die Sportler. Die Mannschaft bereitet sich auf die Weltmeisterschaft in Peking vor. Und er ist wieder dabei. 

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erstellt am 06.Okt.2016 | 07:30 Uhr

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