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Schenefelder Tageblatt

09. Dezember 2016 | 10:45 Uhr

Zu Besuch in Sleepys Welt

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Serie Der Schenefelder Marc Wichmann produziert deutsche Hip-Hop-Größen wie Samy Deluxe und Xavier Naidoo

Das Messing-Klingelschild hat diese typischen Flecken, die sich nach Jahrzehnten auf dem Metall bilden. In der weißen Tür daneben ist ein buntes Glasgitterfenster eingefasst, das wahrscheinlich zum letzten Mal in den 70er-Jahren als modern galt. Manches mag heute „retro“ sein – diese Eingangstür ist eher „Oma“. Auch sonst sieht man dem Reihenhaus in Schenefeld sein Alter an. Eben das typische Siedlungshaus, das nach dem Krieg hochgezogen wurde. Ein gepflegter Garten zur verkehrsberuhten Wohnstraße, der Familien-VW auf der Auffahrt.

„Sleepy’s World“ steht auf dem Schild an der Tür: Dahinter liegt die Welt von Marc Wichmann. Beim bürgerlichen Namen nennt ihn fast niemand außer seiner Mutter, aber als „Sleepwalker“ ist der Musikproduzent in der Hip-Hop-Szene eine feste Größe. Das Magazin Backspin bezeichnet ihren Gastautoren als „Legende“, andere erklären ihn zu Deutschlands „Machern hinter den Kulissen“. Chart-Platzierungen, Gold, Platin, Echo-Nominierung. Der 43-Jährige lebt für die Musik, gehört zum Deutschen Hip-Hop dazu.

Jetzt steht er in seiner Küche und redet über Soja-Milch, während er zwei Latte Macchiato aufschäumt. Der Schaum, der Geschmack, einfach alles stimme bei Soja-Milch. Auf dem Weg zur Terrasse geht’s an seinem Arbeitsplatz vorbei: Wo andere das Gästezimmer haben, ließ er sich ein Aufnahmestudio einbauen. Und das ehemalige Wohnzimmer besteht quasi nur noch aus einem Mischpult und Technik. „Gestern haben wir ein Schlagzeug eingespielt. Du brauchst viele Mikros, wenn es gut werden soll.“ Eins steht auf der Treppe zu seinem Schlafzimmer – wegen des Ramklangs.

„Ich habe das Haus meiner Oma abgekauft, nebenan bin ich groß geworden“, berichtet er. Er hat immer in Schenefeld gelebt und die Option, wegzuziehen, gab es nicht. Deshalb holte er sich seine Arbeit auch zu sich nach Hause. Und damit die Künstler. Samy Deluxe, Ferris MC, Kool Savas, Xavier Naidoo, auch US-Größen der dortigen R’n’B-Szene – sie alle kamen ins beschauliche Schenefeld. Doch passt das zusammen? Aus seinem Gartenstuhl mit hochgelegten Beinen liefert er die Antwort: „Ich glaube, dass genau das der Grund ist, wieso sie wiederkommen. Weil sie sich wohlfühlen. Das ist ja das Wichtigste. Dass der Vibe stimmt. Wenn Bands da sind, dann kommen auch andere Musiker und sitzen hier und spielen sich Songs auf der Gitarre vor.“ Das Wohnzimmer-Feeling gehört zum Gesamtpaket. So entstehen auch neue Kontakte: „Ich habe damals ein Album aufgenommen mit Sönke Reich, dem jetzigen Drummer von BAP. Und da habe ich dann Nico Suave gesagt: ‚Diggi, komm einfach mal vorbei, ich will dir mal ein paar Jungs vorstellen’. Dann sind die gemeinsam auf Tour gegangen. Und so entwickeln sich einfach Sachen.“

Hip-Hop mit seinen Wurzeln in den US-Gettos mit Bandenkriegen, Graffitis und Unterschicht-Millieu im Kontrast zur Terrasse im Grünen, wo Vogelgezwitscher und das Rauschen der Bäume den größten Anteil an der Geräuschkulisse haben – das sei kein Widerspruch. „Natürlich passt das. Guck mal, mit dem ‚Henker aus dem elften Stock’ habe ich hier das Album gemacht. Und der muss auch nicht im Hochhaus sitzen, um seine Musik aufzunehmen.“ Wichtig sei, was die Künstler in ihrem Leben erlebt hätten. „Stell Dir vor, Du sitzt im Studio und andauernd klingelt jemand an der Tür, der Beutel kaufen oder Dir aufs Maul hauen will – da kann man ja gar keine Platte machen.“ Auch jener Henker fühle sich bei Sleepy wohl. „Und der haut trotzdem die härtesten Texte raus.“ Immer wieder arbeitet der Schenefelder mit Rappern zusammen, die eine kriminelle Vergangenheit haben. „Richtig krasse Street-Leute“ nennt er sie. „Und diese Jungs haben immer so ein riesiges Herz, was sie für die Straße ganz klein machen. Mit einem Eisblock drum herum. Aber bei mir öffnet sich das dann, sie müssen hier ja nicht ihr Straßen-Ding durchziehen. Sie wollen Musik machen, haben viel zu erzählen und ich baue ihnen einen Weg dafür. Und dafür lieben die mich auch“, sagt er. Sie bezeichnen ihn als Bruder, er gehört zur Familie. „Die Musik ist der Weg von der Straße weg. Manchmal Kopfsteinpflaster, manchmal auch ein Stück Autobahn.“

In Sleepys Reihenhaus sind die Übergänge zwischen Beruf und Privatleben fließend: „Wenn du zu Hause arbeitest, vermischt sich alles: Manchmal kommst Du nicht richtig zur Ruhe – und manchmal nicht richtig zum Arbeiten“, erklärt er. Wer im Büro in der Hamburger City sitzt, muss nicht für seine Mutter schnell mal einkaufen fahren. Dafür kocht sie aber auch nicht das Mittagessen und bringt es rüber, wenn gerade eine langwierige Studio-Session läuft.

Ab und zu verlässt der Musiker auch sein Reich, das bleibt nicht aus. Neben dem Mischpult steht noch ein Koffer mit dem Aufkleber vom letzten Flug. Mit Mr. Schnabel ging es für ein Projekt in die Schweiz. Es sind zwei Welten: zu Hhause ist es intim, draußen ist man angreifbarer. Alles, was im Studio vorbereitet wurde, muss draußen perfekt sitzen. „Hier ist alles entspannter. Dann gehst Du raus – Show, Backstage, Leute quatschen auf Dich ein... viel Stress.“

Vor einigen Jahren hatte Sleepwalker einen Auftritt des US-Rappers Ice Cube vorbereitet: Warmup der Konzertgäste, Moderation, danach ein DJ-Set bei der Aftershow-Party. Den Auftritt des berühmten Künstlers selbst hat er nicht mitbekommen. Währenddessen saß er lieber im Imbiss um die Ecke und aß Döner – weniger Stress. Genauso stressfrei, wie er es bei sich zu Hause auf der Terrasse seines Reihenhauses mit der Tür von Oma hat. Selbst wenn seine Mutter ihm und seinen Gästen erklären will, wo sie doch am besten sitzen könnten. Eben „Sleepy’s World.“


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Nächsten Sonnabend, 3. September, geht es weiter mit der Serie „Stars made in Schenefeld“. Dann stellt unsere Zeitung Tenor Burkhard Fritz vor. Gastengagements führten ihn zu den Bayreuther und den Salzburger Festspielen.





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