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Schenefelder Tageblatt

05. Dezember 2016 | 21:49 Uhr

Quadfliegs verborgene Werkstatt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Porträt Die Künstlerin und Schriftstellerin Roswitha Quadflieg erstellte 30 Jahre lang Illustrationen in ihrer Schenefelder Werkstatt

Es ist ein Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Kaum jemand, der „Die unendliche Geschichte“ nicht kennt. Illustriert wurde der Roman mit zweifarbigen Bildern in Rot und Grün, 26 Buchstaben für die Kapitelanfänge entwarf die Buchgestalterin Roswitha Quadflieg. Die Illustration ist ihr bekanntestes Werk – 30 Jahre lang entstanden in ihrer Verlagswerkstatt in Schenefeld, der Raamin-Presse, Grafiken, die internationale Bekanntheit erlangten. Hier gestaltete, setzte und druckte Quadflieg Texte der Weltliteratur mit eigenen Holzstichen, Radierungen und Mischtechniken in limitierten Auflagen.

Geboren wurde die 66-Jährige in Zürich, aufgewachsen ist sie in Hamburg-Blankenese. „Ich bin schon in meiner Kindheit häufig in Schenefeld gewesen, da meine Mutter dort als Heilpädagogin im Kinderheim Friedrichshulde gearbeitet hat“, berichtet die Buchkünstlerin. Ihr Vater war der Schauspieler Will Quadflieg (1914-2003), ihr Bruder Christian spielte jahrelang die Hauptrolle in der Serie „Der Landarzt“.

Ihre Mutter baute ein Haus in der Blankeneser Chaussee und Quadflieg mietete dort eine Doppelhaushälfte. Im Parterre gründete sie noch während des Studiums im Jahr 1973 ihre eigene Verlagswerkstatt. Selbstständig wollte sie sein, unabhängig von Auftraggebern. „Hier konnte ich meine Ideen verwirklichen. Für mich war es ein Traumjob.“ Ihre ganze Energie und Leidenschaft habe sie in ihre Drucke gesteckt. In der 170 Quadratmeter großen Werkstatt entstanden handgemachte Unikate. Texte von Theodor Storm, Franz Kafka und Goethe verarbeitete sie zu Künstlerbüchern. Ausstellungen in Berlin, Zürich und Den Haag folgten, öffentliche und private Sammler kauften ihre Arbeiten.

In Schenefeld jedoch war die Raamin-Press ein Geheimtipp: Kaum jemand wusste von der Existenz der verborgenen Werkstatt. „Mein Autokennzeichen war zwar aus dem Kreis Pinneberg, aber für mich war Schenefeld eher Stadtrand von Hamburg“, sagt Quadflieg. „Ich habe mich immer als Hamburgerin empfunden und dort auch mehr Zeit verbracht.“ Ihre Arbeit sei schon immer eher international und weniger lokal ausgerichtet gewesen. Einmal jährlich habe Quadflieg für ein Wochenende 300 Menschen in die Werkstatt eingeladen und dort ihre Werke ausgestellt. Über einen Verlag in Stuttgart lernte sie Michael Ende kennen und gestaltete 1979 seinen erfolgreichsten Roman „Die unendliche Geschichte“. „Ich hatte zuvor schon zwei Bilderbücher mit ihm erarbeitet. Keiner wusste, was für ein Erfolg dieses Buch wird.“ Die zweifarbige Gestaltung sei damals innovativ gewesen und sei zunächst vom Verlag abgelehnt worden. „Aber Michael Ende hat sich dafür eingesetzt und ich mich durchgesetzt.“

Den Beruf und das Privatleben habe sie in der Werkstatt kaum trennen können, es aber auch nicht anders gewollt. „Der Tag hat 24        Stunden, in denen man viel tun kann, aber diese 24      Stunden sind auch mal rum.“ Das erste Buch habe noch 50 Mark gekostet, ihr letztes 1000 Euro. Als letzter Band erschien im Jahr 2003 unter dem Titel „Alles kommt auf so viel an“ das bis dahin unveröffentlichte Hamburg-Kapitel aus Samuel Becketts „German Diaries“ von 1936, mit Quadfliegs Originalgrafiken und Marginalien – der persönliche Favorit der Künstlerin.

2003 war es auch, als Quadflieg die Raamin-Presse einstellte. Seither fokussiert sie sich in ihrer Arbeit auf das Schreiben. Ihr aktueller Roman aus dem Jahr 2016 trägt den Titel „Das kurze Leben des Giuseppe M.“ und handelt von einem Opfer von Jugendgewalt und der Frage, ob Integration funktioniert. Seit 2012 wohnt Quadflieg in Berlin. „Ich bin hier sehr glücklich und habe hier mein größtes Netzwerk. Mittlerweile kann ich mir keine andere Stadt mehr vorstellen.“

  

>  Nächsten Sonnabend, 17. September, geht es weiter mit der Serie „Stars made in Schenefeld“. Dann stellt unsere Zeitung den Musiker Boris Lauterbach vor. Er ist besser bekannt als König Boris von der Hip  Hop-Band Fettes Brot („Schwule Mädchen“, „Nordisch by Nature“).

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