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Schenefelder Tageblatt

24. März 2017 | 19:08 Uhr

Freiheit, Fehler und Machosprüche

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

500 Jahre Reformation Pastorin Kerstin Otterstein von der Paulskirche in Schenefeld im Gespräch über Martin Luther

Dass Martin Luther seine 95 Thesen wohl eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt und damit die Reformation eingeleitet hat, jährt sich zwar erst am 31. Oktober. Aber das ganze Jahr wird das 500-jährige Bestehen der Reformation gefeiert. Auch in Schenefeld. Pastorin Kerstin Otterstein (56) von der Paulskirchengemeinde erklärt im Interview, was von Luthers Lehre bleibt, welche Events geplant sind, ob Luther ein Macho war, und ob sie gern mit ihm verheiratet gewesen wäre.

Was planen Sie in Schenefeld anlässlich des 500. Reformationsjahres?
Kerstin Otterstein: Wir bieten einmal im Monat einen Kursus „Glauben und Leben“ an. Der beschäftigt sich das ganze Jahr über mit dem Thema Luther. Im Juni gibt es zudem eine Reise in die Lutherstädte; mein Mann fährt mit und ist für den theologischen Hintergrund zuständig. Auf dem Kirchentag in Berlin im Mai wird das Musical „Das Geheimnis der Wartburg“ von Henrike Gebauer mit unserem Kinderchor „Paulix“ aufgeführt. Außerdem haben wir Reformationsgottesdienste mit den dritten und vierten Klassen der Grundschulen, es gibt ein Luther-Spiel mit den sechsten Klassen des Gymnasiums und natürlich werden wir einen Reformationsgottesdienst am 31. Oktober haben.


Was würden Sie Luther heute gern fragen?
Ich würde ihn fragen, ob er meint, dass wir die evangelische Freiheit noch in seinem Sinne verstehen. Und ob er damit gerechnet hat, dass sie so weit geht. Wir müssen ausgehen vom Jesusbild des Mittelalters: Da war Jesus vor allem Richter, der die Menschen, die aus ihren Gräbern kommen, in gut und böse einteilt. Die einen kommen in die Hölle, die anderen dürfen ins Paradies. Die Menschen damals haben wirklich gedacht, dazu ist Jesus da. Luther hat ein ganz anderes Bild aus der Bibel freigelegt: Gott schenkt uns seine Gerechtigkeit. Er lässt uns die Freiheit, seine Liebe anzunehmen oder abzulehnen.

Was bedeutet der Freiheitsgedanke genau?
Luther war der Meinung, dass der Mensch nicht genug wusste von dieser Liebe Gottes, die er frei ist anzunehmen. Im Mittelalter haben die Menschen nicht in der Bibel gelesen, auch die Pastoren meistens nicht. Dafür gab es genug Literatur über die Bibel. Luther hat gemerkt, dass das, was die Kirche über den Glauben und Gott vermittelte, nicht biblisch ist. Und deswegen wollte er, dass alle Menschen selbst in der Bibel nachlesen können. Die Grundidee war: Menschen sollen selbst erforschen, was in der Bibel steht und sich ein Bild davon machen. Das hat einen Impuls gesetzt, zu einer insgesamt freiheitlichen Entwicklung.

Wären Sie gern mit Luther verheiratet gewesen?
Ich glaube, damals und heute kann man nicht miteinander vergleichen. Da liegen 500 Jahre dazwischen. Luther war ein getriebener Mensch. Er musste alles zu Ende denken, hatte innerlich viel Druck. Ich glaube nicht, dass es leicht war, mit ihm verheiratet gewesen zu sein. Katharina von Bora war schon eine gute, intelligente und auch starke Frau an seiner Seite. Ich glaube, sie war die Richtige. Mit so viel Selbstständigkeit wie bei mir hätte er nicht umgehen können.

War Luthers Ehe gleichberechtigt?
Das lässt sich mit heute nicht vergleichen. Er hat seine Frau aber sehr wertgeschätzt und auf sie gehört. Er wäre ohne sie verloren gewesen. Mit wenig Geld hat sie viel gemacht. Und Katharina von Bora war eine theologisch versierte Nonne. Als Luther unter Depressionen litt, kleidete sie sich in Schwarz und sagte zu ihm: „Du bist so deprimiert. Dafür gibt’s nur eine Erklärung: Gott ist wohl gestorben.“ Das ist theologisch weit zu Ende gedacht; und Luther hat sich dadurch auch aus der Depression befreien können. Seine Frau war sehr intelligent, weise und pragmatisch. Das hat er gewusst und geschätzt.


Luther hat auch gesagt: „Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben? Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.“ War Luther ein Macho?
Aus der Sicht von vor 500 Jahren war er alles andere als ein Macho. Aus heutiger Sicht hat er unmögliche Sätze über Frauen gesagt. Das war grausig. Aber das kommt auch daher, dass es reine Männerrunden am Tisch waren. Es wurde Alkohol getrunken, denn Wasser war ja unrein. Nach dem dritten Dünnbier kommen einem dann wohl stärkere Sätze über die Lippen, als es gut ist. Und einige Zitate werden auch heute aus dem Zusammenhang gerissen. Er hat insgesamt sehr freiheitlich gedacht.

Was würde Luther zur heutigen Abtreibungs-Debatte sagen?
Abtreibungen hat es damals auch schon gegeben. Luther würde das Leid des Einzelnen sehen. Trotzdem hätte er nicht gesagt, dass das generell in Ordnung ist. Das ist der Spagat, vor dem jeder Mensch bei den tiefgehenden Fragen steht: Auf der einen Seite der Wert vom Leben des Kindes, auf der anderen Seite das Leid der Frau. Der Staat muss zu einer staatlichen Regelung kommen, das ist Aufgabe des Staates. Ich als Pastorin stelle die Frage nach dem Leid, die der Staat nicht regelt. Meine Aufgabe ist es nicht, der Richter zu sein, sondern dem Menschen in seinen Gewissensfragen zu helfen.

Wie aktuell ist Luthers Lehre?
Aktueller denn je. Im Zeitalter von Fake-News bleibt zwar die Frage, ob ich mich richtig informieren kann. Aber es geht genau darum: Lies selbst. Informiere dich selbst. Lass dir nicht von „starken Männern“ sagen, was richtig und falsch ist. Der Mensch trägt Verantwortung, sich selbst zu informieren und sich selbst zu entscheiden: Und kann diese Verantwortung zugleich nicht ganz tragen. Wir machen immer wieder Fehler. Wir bleiben weiter angewiesen auf Verzeihung. Wir sind angewiesen auf einen Gott, der uns trotzdem mit offenen Armen aufnimmt und uns mit der Kraft ausrüstet, neu anzufangen.


Ist dieser Freiheitsgedanke das, was von der Reformation geblieben ist? Dass wir selbstständig denken?
Es geht noch einen Schritt weiter. Man mag die Geschichte von Adam und Eva ja für olle Kamellen halten, aber diese Erkenntnis von Gut und Böse ist eine Erfahrung, die jeder Mensch macht. Wir wollen eigentlich nicht im Paradies leben, wo für uns entschieden wird, sondern unsere Grenzen ausprobieren, überschreiten. Weil wir misstrauisch meinen, dass es woanders schöner sein könnte. Man kommt nicht umher, Fehler zu machen. Und die Frage ist, wie ich trotzdem an jedem neuen Tag mit aufrechtem Rücken die Aufgaben annehmen kann, die vor mir liegen. Das, was du dir nicht verzeihen kannst, verzeiht dir Gott. Und er eröffnet neue Wege. Dafür ist Jesus gekommen, um uns das vorzuleben.

Wie wird Luthers Lehre heute noch gelebt?
Luthers Lehre hat so viele verschiedene Aspekte. Die versuchen wir in der Kirche weiterzugeben. Ein Aspekt ist: Überall dort, wo wir Menschen nicht zu Göttern machen, wird das Evangelium gelebt. Nach der Affäre von Bill Clinton und Monica Lewinsky habe ich gedacht: Hättet Ihr ihn mal nicht zum Halbgott gemacht. Das ist auch nur ein Mensch. Es gibt nicht diesen einen Menschen, der keine Fehler macht oder alles richten wird. Und es ist Aufgabe der Kirche, darauf hinzuweisen: Es gibt nur einen Gott. Auf Erden gibt es nur fehlbare Mensch. Das hilft gegen jede Form von Extremismus.

Wie schätzen Sie die Chance auf eine Annäherung der christlichen Kirchen ein?
Ein einzelner Papst, der modern ist, hat es schwer bei einem Apparat, der nicht modern ist. Von unten, sozusagen vom Kirchenvolk aus, geht das mit der Annäherung der christlichen Kirchen. Wir haben in Schenefeld eine richtig gute ökumenische Zusammenarbeit; wir möchten den Menschen die gute Nachricht von Gott und Jesus nahe bringen: ein Ziel, verschiedene Akzente. Das ist es, worauf es vor Ort ankommt. Ob die Spitzen der Kirchen das auch so pragmatisch sehen, bezweifle ich.

Luther ist ja auch eine Figur der Popkultur. Hätte ihm das gefallen? Ein religiöser Popstar zu sein?
Ich glaube nicht. Ich kann aber verstehen, dass die Kirche es als Chance sieht, auf ihn aufmerksam zu machen. Seine Lehre ist nicht in allen Aspekten leicht zu verstehen. Da besteht die Gefahr, dass sie zu stark herunter gebrochen wird und falsche Akzente gesetzt werden. So hat manches schon arg folkloristische Züge. Es ist aber auch ein Zugang für die Menschen, denen Luther nicht vertraut ist. Ich feier regelmäßig in unserer Kita Gottesdienste. Da habe ich mir Martin Luther als Playmobilfigur gekauft und musste schon über mich selbst lachen. Aber damit lässt sich auch viel rüberbringen. Und damit kann ich gut leben.

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erstellt am 11.Mär.2017 | 16:00 Uhr

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