zur Navigation springen

Schenefelder Tageblatt

02. Dezember 2016 | 19:17 Uhr

Flüchtlingshilfe : „Das Gefühl, Gott klopft bei mir an“

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Marburger Pastor Alexander Hirsch berichtet von seiner Arbeit auf der griechischen Insel Chios.

Schenefeld | Betretenes Schweigen herrschte am Sonnabend nach dem Vortrrag von Alexander Hirsch in der Schenefelder Anskar-Kirche. Der Pastor der Marburger Ansgar-Kirche hatte über seine Erlebnisse bei der Flüchtlingsarbeit auf der griechischen Insel Chios berichtet. Der 41-Jährige war im Dezember 2015 und im Juli dieses Jahres – zusammen mit seiner Ehefrau – vor Ort, um zu helfen.

„Ich habe in unserer Lokalzeitung einen Bericht über zwei Studentinnen gelesen, die Geld gesammelt haben, um selbst auf Lesbos zu helfen“, sagte Hirsch. Der Artikel geriet kurzfristig in Vergessenheit. „Eine Woche später traf mich die Hilfsbereitschaft direkt ins Herz. Ich hatte das Gefühl, Gott klopft bei mir an“, sagte der Geistliche. Er sammelte selbst Geld und reiste nach Chios, wo im vergangenem Jahr 120.000 Geflüchtete erstmals europäischen Boden betraten. „Das Ägäische Meer ist im Winter sehr gefährlich. Der Weg ist tödlich. Aber die Blanke Angst treibt die Menschen an, sich auf den Weg zu machen“, sagte Hirsch. „Die Menschen kommen nicht wegen der Chance auf ein Selfie mit der Kanzlerin.“ Auch wenn er nicht über Politik reden wollte, tat er es doch: „Die Bekämpfung von Schleppern hat dazu geführt, dass die Menschen auf gefährlichere Routen ausweichen.“ Zudem kritisierte er die Einschränkung des Familienzuzugs. „Dadurch machen sich mehr Frauen, schwangere Frauen, Frauen mit kleinen Kindern auf den gefährlichen Weg, um zu ihren Männern zu kommen“, sagte Hirsch, der selbst Vater von drei Söhnen ist.

25 Euro kostete ihn das Ticket für die Fähre vom türkischen Cesme nach Chios. „Wenn man einen europäischen Pass hat. Sonst sind es 1000, 1500 Euro. Vielleicht auch 750, wenn man Glück hat“, erläuterte Hirsch. Schmuggler hätten in der Anfangszeit Flüchtende in Schlauchboote gesetzt und alleine fahren lassen. „Irgendwann gingen ihnen die Boote aus. Sie haben die Menschen teilweise 50 Meter vor der Küste ins Wasser geschmissen – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt – und sind wieder gefahren“, berichtete der Pastor. Denn gestrandete Boote werden in Griechenland von der Polizei konfisziert. „Sonst sieht man sie selten, was oft auch gut ist. Ich bin so aufgewachsen, gut bürgerlich, dass die Polizei Freund und Helfer ist. Dort habe ich andere Erfahrungen gemacht“ Er berichtete davon, wie er und andere Helfer daran gehindert wurden, trockene Kleidung an Flüchtlinge vor einer Polizeistation zu verteilen.

Geschafft: Helfer ziehen ein Schlauchboot mit Flüchtlingen an den Strand von Lesbos. Auch auf der Insel Chios gibt es viele Flüchtlingshelfer.
Geschafft: Helfer ziehen ein Schlauchboot mit Flüchtlingen an den Strand von Lesbos. Auch auf der Insel Chios gibt es viele Flüchtlingshelfer. Foto: dpa
 

„Es gibt viele Dinge, die man dort sieht, die einen sprachlos machen. Erst war ich entsetzt, dann wich dieses Gefühl der Wut, weil niemand da war“, ärgerte sich Hirsch. Große Hilfsorganisationen seien kaum vor Ort. „Es gibt keinen großen Geldgeber, keine Regierungen oder EU-Institutionen, die mal den Hahn aufdrehen“, kritisierte Hirsch. Durch den Deal mit der Türkei habe sich die Situation verschlechtert, da die Inseln nun dauerhaft für die Versorgung der Gestrandeten verantwortlich seien. Dabei seien die Unterkünfte zu 200 Prozent belegt. „Ich denke, dass es Absicht ist. Die Lage auf den griechischen Inseln soll so dramatisch sein, dass sich keiner mehr rüber traut“, mutmaßte Hirsch. Daher sei die Hilfe vor Ort wichtig, um einzelnen Menschen zu helfen, denn den Lauf der Dinge ändere es nicht. Hirsch zitierte eine 23-jährige Engländerin, die er auf Chios kennengelernt hatte. „Ich werde oft gefragt, wie kannst Du sowas machen? Ich frage dann: Wie kannst du sowas sehen und nichts machen.“

zur Startseite

von
erstellt am 24.Okt.2016 | 12:10 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert