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Schenefelder Tageblatt

06. Dezember 2016 | 13:19 Uhr

Cartoons als Voodoo-Puppen-Ersatz : Cartoonist Piero Masztalerz über seine neue Ausstellung in Schenefeld

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Interview: Künstler Piero Masztalerz erläutert, warum er Attentätern am liebsten Clownsnasen aufsetzen würde.

Schenefeld | Bei seinen Cartoons bekommt jeder sein Fett weg: Religiöse Fanatiker ebenso wie Veganer und Esoteriker. Würde man eine Gruppe auslassen, sei dies „diskriminierend“, sagt der Cartoonist Piero Masztalerz im Gespräch. Bekannt ist der Hamburger vor allem für seine Zeichnungen zur Radio-Comedy „Frühstück bei Stefanie“. Seine Cartoons sind unter anderem im „Stern“ zu sehen – und jetzt in Schenefeld. Die Ausstellung läuft bis Dezember im Lustis 53,6. Am Freitag, 4. November, ist er dort zudem ab 20 Uhr mit seiner Cartoon-Show auf der Bühne live zu erleben. Wir verlosen zweimal zwei Karten.

Ich habe bei Wikipedia gelesen, dass Ihre Lieblingsthemen Sex, Gewalt, Religion und Abartiges sind. Womit kann man denn heutzutage noch schocken?
Piero Masztalerz: Das ist doch schon ganz gut, oder? Religion und Abartiges. Das finde ich lustig. Ich will gar nicht schocken. Aber es gibt halt Themen, die mich nerven oder beschäftigen, und die versuche ich dann so pointiert wie möglich umzusetzen. Für manche Leute ist es abartig, wenn ich mal einen Penis zeichne, aber so etwas ist ein sehr klares Bild. Für manche Sachen braucht man einfach einen Penis. Einige deuten das als abartig.

Wie sind Sie dazu gekommen, Cartoons zu zeichnen?
Ich hatte einen hässlichen und nervigen Mathelehrer und der war einfach zu zeichnen, weil er eine Glatze hatte, eine Brille und Vollbart. Sehr markant. Wenn du ihn gezeichnet hast, hast du ihn dann ja praktisch in der Hand – wie eine Voodoopuppe. Wir waren zu dritt in der Klasse, haben uns unsere Zeichnungen gegenseitig gezeigt und kaputt gelacht. Wir konnten mit ihm machen, was wir wollten. Ich habe zwar schon vorher gezeichnet, aber da habe ich, glaube ich, erst gemerkt, dass ich eine gewisse Macht habe mit den Zeichnungen. Das hat sich bis jetzt auch nicht geändert. Bloß jetzt ist mein Mathelehrer Esoteriker oder Politiker oder Homöopath.

Was wollen Sie mit Ihren Zeichnungen erreichen?
Mein Ziel: Weltverbesserung (lacht). Ich zeichne natürlich, weil mich gewisse Themen nerven und die versuche ich dann eben so umzusetzen, dass man da so ein bisschen drüber nachdenkt und merkt: Ah so, okay. Stimmt. So kann man es auch sehen. Und vielleicht setzt sich dann der Gedanke so fest bei dem einen oder anderen und er denkt darüber nach. Manchmal reicht es mir auch, wenn man einfach nur darüber lacht. Das sollte eigentlich auch schon drin sein. Manchmal nerven mich aber die Themen so sehr, dass ich auf das Lachen verzichte. Humor ist der Träger. Dadurch wirkt es besser als mit erhobenen Zeigefinger.

Ideen für Cartoons findet Piero Masztalerz auch in der Zeitung.
Ideen für Cartoons findet Piero Masztalerz auch in der Zeitung. Foto: PT
 

Gibt es Tabus, an die Sie sich nicht trauen würden?
Nö, eigentlich nicht. Also ich würde jetzt keinen Menschen persönlich beleidigen. Das nicht, aber grundsätzlich muss man jeden verarschen können. Wenn ich jetzt aufhören würde, irgendeine bestimmte Gruppierung zu verarschen, dann ist das ja diskriminierend und das will ich nicht.

Wie werden Sie inspiriert?
Ich denk darüber nach, was mich stört. Dann lese ich zum Beispiel, dass die Attentäter immer groß auf den Titelseiten sind mit Namen und allem. Und das nervt mich einfach. Und ich denke, das lockt noch mehr Attentäter an. Ich will nicht, dass solche Leute so viel Publicity bekommen. Dann habe ich gedacht, es wäre doch cool, wenn man auf den Fotos von solchen Leuten eine Clownsnase draufsetzt und so Hakenzähne. Und man würde sie halt nur noch Furzkolben nennen und nicht mehr mit ihrem richtigen Namen Und das habe ich dann gezeichnet. Manchmal sehe ich aber auch einfach nur eine Frau mit einer blöden Frisur und dann komm ich auf die Idee mit dem Pudelcontest, bei dem die Frau gewinnt und nicht ihr Pudel.

Würde Ihnen etwas zu dem Selbstmordattentäter einfallen, der sich vor kurzem selbst umgebracht hat?
Selbstmordattentäter begeht Selbstmord. Das konnte doch niemand wissen. Das birgt natürlich schon einiges an Potenzial. Aber man muss auch aufpassen, dass man nicht zu verschwörungstheoretisch wird, man muss immer bei den Fakten bleiben. Ich habe auch schon einmal etwas behauptet, dass stimmte dann nicht. Da muss man sehr vorsichtig sein. Je bekannter es wird, desto mehr Leute sehen das. Da hat man dann auch eine gewisse Verantwortung.

Würde Ihnen spontan ein Thema zu Schenefeld einfallen?
Dazu muss man sich mit dem Thema beschäftigen und auskennen. Zu aktuellen Themen fällt mir dann schon eher was ein als zu solchen Themen. Dazu muss ich mich halt rein lesen. Ich muss gucken: Was macht Schenefeld eigentlich so besonders? Was läuft da so ab? Und dann fällt mir schon etwas ein.

Piero Masztalerz  ist freier Cartoonist und Videografiker. Im Lustis 53,6 unterhält er am Freitag, 4. November, ab 20 Uhr mit seiner Live-Cartoon-Show. Dabei liest er seine Cartoons mit dem Publikum, verbindet sie mit Musik und unterhält sich auf der Bühne mit seinen Figuren. Karten gibt es im Vorverkauf für zehn Euro im Lustis 53,6, Industriestraße, bei Heymann im Stadtzentrum und bei Timmse in der Hauptstraße 11. Wer  zwei der vier Karten gewinnen möchte, sendet bis Mittwoch, 19. Oktober, 12Uhr,  eine SMS mit  dem Text „beig gewinn cartoon“ (ohne Anführungszeichen),  Namen und seiner Telefonnummer an die Nummer 52020 oder ruft  unter 0137-808401381 an und nennt das Stichwort „cartoon“. Dieser Service kostet je Anruf  aus dem Telekom-Festnetz/SMS 50 Cent. Preise anderer Anbieter können abweichen. Der Rechtsweg ist  ausgeschlossen. Die Gewinner werden telefonisch benachrichtigt.

Bei welchem Thema fällt es Ihnen besonders leicht, Ideen zu entwickeln?
Ich kann mich besonders gut an Religion oder Esoterik abarbeiten. Weil das so offensichtlich ist, wenn sich da Leute einen Silberkolben an einen komischen Wasserhahn schrauben und meinen, auf einmal haben sie besseres Wasser. Da kann man sich so prima drüber lustig machen. Man muss sich ja nur einmal AstroTV angucken. Da würfeln irgendwelche Leute eine Zahl und sagen, das ist deine Glücksnummer und die Leute glauben das und rufen dann da an. Die verdienen sich dumm und dusselig. Da muss man einfach Witze machen. Religion ist ja so ähnlich.

Ich tippe mal, Sie sind also Atheist?
Eher Agnostiker. Man kann es ja nicht sagen. Man weiß ja nicht, ob da was ist. Aber wenn sich dann da Leute hinstellen und sagen: „Das ist aber definitiv nun mal die Wahrheit. Mein Gott ist besser als deiner.“ Und man steinigt ihn oder hackt ihm eine Hand ab, weil der Koran oder die Bibel das so behauptet, ist das Schwachsinn für einen aufgeklärt denkenden Menschen. Die Leute sind ja nicht doof, die an Gott glauben. Aber sie sind vielleicht partiell ein bisschen behindert.

Ist „partiell behindert“ nicht zu hart?
Na ja, das ist so wie mit dem Rauchen. Man weiß einfach, dass es schädlich ist. Und dass man Krebs davon bekommen kann, aber man macht es trotzdem. Besonders stören mich aber bei der Religion diese Fundamentalisten. Ich hab das Gefühl, dass die Leute solche Sachen wie den Christenglauben nicht so wirklich hinterfragen. Also diese Dreieinigkeit: Du hast Gott der auf die Erde kommt. Dann wird er Mensch, ist aber gleichzeitig praktisch der Sohn von sich selber. Dann ist er noch der Heilige Geist, der da so rum läuft. Je komplizierter, desto eher glauben die Leute das, weil sie es nicht hinterfragen oder nicht verstehen. Ich finde es ist einfach so absurd. Ich sehe es als Beleidigung der Intelligenz. Also man kann ja gerne glauben, man kann sich auch vorstellen, dass da irgendwo etwas ist, aber wir wissen es einfach nicht. Aber das dann zu verteidigen und zu sagen: „Ja, aber das ist so.“ Das finde ich scheiße.

Was würden Sie Nachwuchs-Cartoonisten raten?
Also erstmal muss man denen sagen, dass man damit kein Geld verdient. Es gibt Zeitungen, die zahlen wirklich ganz gut pro Cartoon, aber die sind in Deutschland halt begrenzt. Aber das spielt bei so einer Kunst sowieso keine Rolle, man macht es einfach. Man sollte einfach dabei bleiben. Es ist ja eine Sprache, eine zusätzliche Sprache. Sowie Musik zum Beispiel, mit der du dich ausdrücken kannst. Wenn da jemand Bock drauf hat, dann soll er das machen.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 13:00 Uhr

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