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Kunstgeschichte : Wer schnitt van Goghs Ohr ab?

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Vortrag Historiker Hans Kaufmann widerspricht Legende der Selbstverstümmelung und stellt in Quickborn umstrittene These vor.

Quickborn | Einen kunsthistorischen Kriminalfall will der Hamburger Historiker und Romanist Hans Kaufmann am Sonntag, 12. März, in Quickborn aufrollen. Der 75-Jährige ist überzeugt: Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853-1890) schnitt sich im Dezember 1888 sein linkes Ohr nicht etwa selbst ab. Stattdessen habe sein WG-Mitbewohner Paul Gauguin (1848-1903) diese Legende in die Welt gesetzt, um zu verschleiern, dass er den Hieb vollzog. „Es lässt sich mit an Sicherheit grenzender Plausibilität sagen: Paul Gauguin war der Täter“, fasste Kaufmann das Ergebnis einer zehn Jahre langen Recherche gegenüber unserer Zeitung zusammen.

Bei einem Besuch in St. Petersburg stutzten die Kunsthistorikerin Rita Wildegans und er angesichts von Gauguins Gemälde „Sonnenblumen auf einem Sessel“. Auf einer vertrockneten Blüte prangt ein Auge – Hinweis auf ein belastetes Gewissen, das sich vom Auge Gottes verfolgt fühlt? „Das gab uns den Anlass, uns mit der Künstlergemeinschaft auseinander zu setzen“, so Kaufmann.

Polizeibericht wird ausgewertet

Wildegans und er werteten Briefe van Goghs und Gauguins, einen Polizeibericht, Skizzen und Gemälde der beiden Künstler aus. In der Legende der Selbstverstümmelung entdeckten sie Widersprüche, die sie zur These der Täterschaft Gauguins führten. 2008 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse in einem etwa 300 Seiten starken Buch unter dem Titel „Van Goghs Ohr. Paul Gauguin und der Pakt des Schweigens“. Es stieß vor allem im Van-Gogh-Museum Amsterdam auf Widerstand. „Sie haben uns den Zugang zu ihren Quellen versagt und eine französische Übersetzung unseres Buches verhindert“, so Kaufmann. Er will in Quickborn neuere Erkenntnisse darlegen, die seine These stützen.

Die Lokalzeitung „Le Forum Républicain“ in Arles, Südfrankreich, berichtete am 30. Dezember 1888: Van Gogh habe an einem Sonntag um 23.30 Uhr ein Bordell aufgesucht und sein Ohr einer gewissen Rachel übergeben. Am nächsten Morgen habe die Polizei ihn halbtot im Bett gefunden. Kaufmann zufolge verdächtigten die Beamten Gauguin, der mit van Gogh in einer Künstler-WG lebte, und nahmen ihn fest. Doch der behauptete, in einem Hotel übernachtet und den Vorfall selbst nicht miterlebt zu haben. Als die Polizei Gauguin daraufhin ziehen ließ, reiste er umgehend nach Paris ab, ohne seine persönliche Habe mitzunehmen.

Tatwaffe Rasiermesser hätte andere Spuren hinterlassen

Kaufmann und Wildegans halten dieses Benehmen für verdächtig. Zudem zweifeln sie an der Überlieferung, dass sich van Gogh das Ohr mit einem Rasiermesser abgeschnitten habe. Diese Version gehe auf eine Darstellung Gauguins zurück, der die Tat aber gar nicht miterlebt haben will. Van Gogh habe diesen Hergang auch nie bestätigt. Eine Analyse vorliegender Texte zeige aber: „Das Ohr muss glatt abgeschnitten worden sein“, so Kaufmann. Mit einem Rasiermesser hätte van Gogh das kaum bewerkstelligen können. Gauguin aber habe als guter Fechter gegolten und sei im Besitz scharfer Waffen wie eines Säbels gewesen.

Eine Skizze bestätigt diese Vermutung. Die Hobby-Forscherin Bernadette Murphy entdeckte sie 2016 im Archiv der Universität Berkeley (USA). Auf Bitten des Schriftstellers Irving Stone hatte van Goghs Arzt Felix Rey sie 1930 angefertigt. Die Zeichnung zeigt: „Das Ohr war glatt abgeschnitten, nur ein Stummel vom Ohrläppchen war übrig“, so Kaufmann. Das Van-Gogh-Museum führe die Skizze als Beleg für den Wahnsinn des Künstlers an, der sich verstümmelte. Kaufmann und Wildegans dagegen sehen sie als Bestätigung dafür, dass eine scharfe Waffe zum Einsatz gekommen sein muss. Sie glauben nicht, dass van Gogh sie führte. Er hatte betont, dass allein Pinsel und Farben seine Waffen seien.

Kaufmann wird seine Erkenntnisse im Haus des Kunstvereins Quickborn, Kieler Straße 149, erläutern. Sein Vortrag mit dem Titel „Van Goghs Ohr“ beginnt um 12 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um Spenden wird gebeten.

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