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Quickborner Tageblatt

05. Dezember 2016 | 15:42 Uhr

Hannoversche Kammerspiele in Quickborn : Lehrstück gegen Kadavergehorsam

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Theater: Hannoversche Kammerspiele inszenierten am Elsensee-Gymnasium Verhör des Chefs der Judendeportation, Adolf Eichmann.

Quickborn | Das Interesse ist da. Der Holocaust bewegt Jugendliche auch 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch. Gestern sahen etwa 160 Schüler aus den Jahrgängen 9 bis 13 des Elsensee-Gymnasiums in Quickborn eine szenische Lesung der Hannoverschen Kammerspiele unter dem Titel „Die Eichmann-Protokolle“. Die Reaktionen der Jugendlichen zeigten, dass das Geschehen auf der Aulabühne viele gepackt hatte.

Die Schauspieler Harald Schandry, Gründer der Kammerspiele, und Bernd Surholt trugen in zwei Vorstellungen auszugsweise die Protokolle des Verhörs des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmanns im Jahr 1961 in Israel vor. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs die Deportation von Millionen Juden geleitet und war für ihre Ermordung verantwortlich. Nachdem der israelische Geheimdienst Eichmann 1960 in Argentinien aufgespürt hatte, verurteilte das Jerusalemer Bezirksgericht ihn zum Tode. 1962 wurde er durch die Hand eines Auschwitz-Überlebenden erhängt.

Schandry trat als israelischer Verhöroffizier Avner Less auf, Surholt spielte Eichmann. Sie zogen die Schüler ohne Effekte in ihren Bann. Ein Tisch und zwei Stühle vor einem schwarzen Vorhang reichten als Kulisse. Allein die Dramatik der Dialoge erzeugte so viel Spannung, dass viele Schüler die Schauspieler während der etwa 45-minütigen Vorstellungen kaum aus den Augen ließen.

Surholt stellte Eichmanns Selbstverständnis anschaulich dar, indem er in aufrechter Körperhaltung und mit pedantischem Nachdruck Aussprüche rezitierte wie: „Ich habe mit der Tötung der Juden nichts zu tun. Ich habe nie einen Menschen getötet.“ oder „Ich habe getan, was man mir sagte. Darin habe ich meine Erfüllung gefunden.“

Der eindrückliche Auftritt hinterließ Stille im Publikum, doch nach und nach stellten die Schüler etwa eine halbe Stunde lang Fragen: Ob die Nazis tatsächlich Lampen aus Menschenhaut hergestellt hätten? Antwort: Ja, zum Teil. Ob Eichmann Nachfahren hatte? Antwort: Seine Frau und seine beiden älteren Söhne zeigten sich auch nach dem Krieg solidarisch zu ihm. Sein dritter Sohn hatte kaum Erinnerungen an ihn. Zeigte Eichmann Reue? Er selbst habe gesagt: „Reue ist was für kleine Kinder.“ Den Juden sei Unrecht getan worden, aber dafür trage er keine Verantwortung. War der Prozess fair? Das hätten auch jüdische Intellektuelle bezweifelt.

Schandry verdeutlichte im Gespräch mit unserer Zeitung die Aktualität des Themas. Er bezeichnete Eichmann als „Schreibtischtäter par excellence“, die es noch heute gebe. US-amerikanische Soldaten etwa würden Todesdrohnen per Joystick steuern.

Harald Schandry und Bernd Surholt führen die szenische Lesung der Eichmann-Protokolle seit elf Jahren auf. In Quickborn traten sie mit dem Programm bereits vor drei Jahren auf. Schulleiter Michael Bülck betonte: Da immer mehr Augenzeugen des Holocausts sterben, müsse Schule die Kinder in die Lage versetzen, zu entscheiden, ob sie die Geschehnisse verinnerlichen und an die nächste Generation weitertragen wollen.
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erstellt am 17.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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