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Quickborner Tageblatt

11. Dezember 2016 | 11:04 Uhr

Auf Spuren der Nazis in Quickborn

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Lehrreich Mit zwei Fahrradtouren führt Projektgruppe Teilnehmer zu Orten des Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs

Der 8. Mai ist ein denkwürdiges Datum. Zum 71. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs erinnert die Projektgruppe Quickborn des Vereins „Spurensuche“ mit zwei Radtouren an die Zeit des Nationalsozialismus.

„Erinnern statt vergessen. Vom Geschichtsbuch auf die eigene Straße“ lautet das Anliegen des Vereins, der den Soziologen Jörg Penning als Leiter der Exkursion gewann. Bei sommerlichen Temperaturen sind am Sonntagnachmittag 15 Teilnehmer am AKN-Bahnhof zur ersten Radtour gestartet, unter ihnen Enno Hasbargen von der örtlichen Projektgruppe und Manfred Maier von der Arbeitsgruppe Henri-Goldstein-Haus.

Penning gab eine Einführung in die geschichtliche Entwicklung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), die in Quickborn nach 1928 vor dem Hintergrund der dramatischen Arbeitslosigkeit einen starken Mitgliederzuwachs verzeichnete. Sie gewann besonders Handwerker, Landwirte und lokale Honoratioren. „Bei der Reichtagswahl erreichte die NSDAP im Mai 1928 in Quickborn fünf, im Juli 1932 schon 62 Prozent“, teilte Penning mit.

Am Bahnhof zitierte er den Zeitzeuge Uwe Storjohann, der über die ausgebombten Opfer der Bombennächte in Hamburg berichtet hatte, die verstört und teilweise verletzt in vollgestopften Waggons in Quickborn ankamen. Der Bahnhof war die Anlaufstelle für diese Menschen, die hofften: „Der Wahnsinn muss endlich ein Ende haben.“

Doch bis zur Kapitulation am 8. Mai passierte noch viel Unheil. Im alten Kirchenfriedhof hinter der Marienkirche besuchte die Gruppe die Grabstätte von Magda Janzen, die wegen ihrer psychischen Erkrankung in die Mühlen der „Euthanasie“-Aktionen geriet. Für sie ist ein Stolperstein in Quickborn verlegt worden. Penning informierte auch über die Pastoren der evangelischen Kirche: Pastor Heinrich Burmester habe die „Kriegsschuldlüge“ angeprangert und im Gottesdienst seine Hoffnung auf die neue politische Bewegung zum Ausdruck gebracht. Sein Nachfolger Johann Metzendorf sei Mitglied der Sturmabteilung (SA) gewesen.

Am Friedhofsweg hielten die Radler vor dem Haus der früheren Bäckerei von Herbert und Hildegard Friedrichsen an. Penning schilderte die Gefahr, wenn Einheimische sich mit Kriegsgefangenen einließen. Wegen einer brieflichen Liebesaffäre mit einem Franzosen kam die Bäckersfrau 1943 für ein Jahr ins Gefängnis.

Auf dem Nordfriedhof befindet sich das Grab von Erich Klünder, Korvettenkapitän und Ritterkreuzträger, der als Mitglied eines Marine-Gerichts am 4. Mai 1945 Matrosen in Norwegen wegen Abhörens feindlicher Sender zum Tode verurteilen ließ. Nach dem Krieg war er Mitglied der FDP sowie CDU und stellvertretender Bürgermeister.

Auch die zentrale Gedenkstätte für die verstorbenen Zwangsarbeiter wurde besucht. Insgesamt soll es weit mehr als 300 „Fremdarbeiter“ und Kriegsgefangene in Quickborn gegeben haben, die die lokale Wirtschaft stützten.

Immer wieder erschreckten grausame Schicksale die Gruppe: Dem Rassenwahn fielen nicht nur politisch Andersdenkende, sondern auch zunehmend Kranke zum Opfer. So der Schlachter Hans Rabing, der nach einer langen Leidenszeit am 14.  Mai 1944 in der Gauheilanstalt Tiegenhof starb. In der Kieler Straße 157 wurde ein Stolperstein für Paul Thomsen verlegt.

In der Nähe der Kreuzung zwischen Quickborn und Bilsen trafen sich Delegationen der Briten und der Reichsführung am 4. Mai 1945 zur Vorbereitung von Kapitulationsverhandlungen.

Eine besonders wichtige Station war der Besuch des Henri-Goldstein-Hauses im Himmelmoor. In dem kleinen, flachen Backsteingebäude waren von 1942 bis 1945 mehr als 50 jüdische Kriegsgefangene untergebracht, die im Himmelmoor Torf stechen mussten. Über deren Schicksal und die Pläne zur Umgestaltung in eine Gedenkstätte berichteten Manfred Maier und der Zeitzeuge Nütz Hunold, der seit seiner Geburt im Nachbarhaus wohnt.

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