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Quickborner Tageblatt

11. Dezember 2016 | 09:07 Uhr

Mit 100 Jahren noch fit und fidel : Anneliese Günther aus Hasloh feiert ihren runden Geburtstag

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Anneliese Günther wohnt in Hasloh – dort kam sie 1945 nach ihrer Flucht aus Görlitz bei Verwandten unter.

Hasloh | „Ein bisschen wacklig auf den Beinen bin ich schon“, sagt Anneliese Günther fast entschuldigend – angesichts ihres Alters ist das jedoch wenig verwunderlich, schließlich hat sie kürzlich ihren 100. Geburtstag gefeiert. „Derart im Mittelpunkt zu stehen, ist ja gar nicht meins“, gibt sie zu. Doch ihre Nachbarn und die Freunde ließen nicht locker, also wurde gefeiert.

Geboren und aufgewachsen ist Günther in Görlitz. „Meine älteste Erinnerung ist, dass ich völlig fasziniert vor dem Reiterdenkmal stand wenn wir zum Wochenmarkt gingen“, berichtet sie. Ihre Mutter sei sehr jung gewesen und musste früh einen Schicksalsschlag verkraften. „Im Mai wurde geheiratet, im September kam ich zur Welt – und im Februar war sie Witwe“, sagt Günther. Mit ihrem zweiten Mann habe die Mutter drei weitere Kinder bekommen. An ihre Schulzeit denkt Günther gern zurück. An die Wahlfächer in der Mädchenschule, die sie besuchte, kann sie sich noch gut erinnern. „Kochen, Schreibmaschine schreiben oder Werken haben mir immer viel Spaß gemacht“, sagt sie.

Nur ein einziges Mal kassierte die Schülerin einen Tadel, der sie heute noch empört: „Wir hatten Mathe, Algebra, um genau zu sein. Der Lehrer rief mich auf – und sah dann, dass ich noch das aufgeschlagene Geschichtsbuch aus der vergangenen Stunde auf dem Tisch hatte“, berichtet sie. Er habe dann behauptet, dass sie ihn betrügen wolle – dabei hatte sie lediglich ihr Mathebuch zu Hause vergessen. „Meine Mutter hat sich bei ihm beschwert, im Zeugnis stand dann aber trotzdem ,Betragen: gut, bis auf einen Fall‘“, schildert sie heute noch entrüstet.

Auf die mittlere Reife folgte die Höhere Handelsschule. „Das kostete damals 24 Mark im Monat, das war sehr viel Geld“, sagt sie. Hinzu seien die Kosten für Bücher und andere Materialien gekommen. Ein Studium sie finanziell nicht drin gewesen, also begann sie in der Waggon- und Maschinenbaufirma Wumag ihre kaufmännische Lehre, die sie zwei Jahre später als Bilanzbuchhalterin abschloss.

„Es war eine schwere Zeit zwischen den Kriegen und als meine Mutter wieder Witwe wurde, musste ich sowohl finanziell als auch im Haushalt helfen. Aber jammern kam nicht infrage, es musste ja weitergehen“, erinnert sich Günther. Als sie 23 Jahre alt war, wurde der Krieg ausgerufen. „Ich sehe heute noch vor mir, wie alle Beschäftigten der Firma im Hof zu einer Versammlung zusammengerufen wurden. Dort wurde uns mitgeteilt, dass Krieg ist“, sagt sie. Niemals werde sie die gespenstische Stille vergessen, die anschließend im Büro herrschte. „Wir waren alle innerlich fertig“, sagt sie leise.

Früher auch mal unbedarft

So intensiv, wie sie heute noch täglich das politische Geschehen verfolge, so unbedarft sei sie damals gewesen. „Wir waren politisch nicht geschult“, sagt sie rückblickend. Nur kurz währte allerdings ihre Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend: „Wer zu den Versammlungen ging, erhielt dort auch eine Ration Kohlen“, erinnert sie sich. Als sie allerdings bemerkt habe, dass die Gruppenleiterin die Kohlen alle für sich behielt, sei sie völlig empört wieder ausgetreten. „Und irgendwann wollten wir nur noch, dass der furchtbare Krieg endlich aufhört“, sagt sie.

In der Zwischenzeit hatte Günther ihren späteren Mann Kurt kennengelernt, am 14. Oktober 1940 wurde Hochzeit gefeiert. Exakt neun Monate später kam Sohn Hans-Joachim zur Welt. „Einmal war ich mit ihm Blaubeeren sammeln im Wald und traf dort einen meiner ehemaligen Lehrer aus der Handelsschule“, berichtet sie. Die Szene die folgte, hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt: „Er fiel vor meinem Sohn auf die Knie und weinte bitterlich – er hatte gerade die Nachricht erhalten, dass sein Sohn gefallen war. Das hat mich unendlich betroffen gemacht“, sagt Günther.

Als Berufssoldat sei ihr Mann nur im Urlaub zu Hause gewesen, viele bange Stunden verbrachte Günther mit dem Warten auf ein Lebenszeichen von ihm. „Er hat seinen Sohn zum ersten Mal gesehen, als der bereits eineinviertel Jahre alt war“, sagt die Jubilarin. Dass ihr Mann verwundet wurde und sich zurück nach Görlitz durchschlug, sieht sie heute als großes Glück an. Gemeinsam floh die kleine Familie 1945 zu den Schwiegereltern ihrer Schwester nach Hasloh.

„Es kamen zu dem Zeitpunkt immer mehr Flüchtlinge aus Schlesien über die Neiße, die Züge waren proppenvoll“, erinnert sie sich. Der Bevölkerung sei es verboten worden, ebenfalls zu fliehen. „Wir haben uns auf der Ladefläche eines Lastwagens versteckt und kamen so bis Bautzen“, berichtet Günther. Der Kochtopf, den sie mitgenommen hatte, um Milch für das Kind zu erwärmen, wurde kurzerhand zum Nachttopf umfunktioniert. „Ich habe ihn in Hasloh x-Mal ausgekocht – ich hatte ja nur den einen Topf“, sagt sie.

Mit Torfstechen, Kartoffeln sammeln

Ein gutes Jahr später kam Sohn Klaus zur Welt. Mit Torfstechen, Kartoffeln sammeln, Wolle aufribbeln und neu verstricken hielt sich die Familie über Wasser. „Es gab damals auch Konkurrenz unter denjenigen, die aus dem zerbombten Hamburg aufs Land geflüchtet waren und den anderen Flüchtlingen“, berichtet Günther – und zieht Parallelen zur heutigen Zeit, in der viele Bürger der ehemaligen DDR neidisch auf Flüchtlinge seien. „Die Gier der Menschen ändert sich nie“, sagt sie leise. Auch die Hetze der Alternative für Deutschland (AfD) sehe sie mit großem Bedenken.

1955 zogen die Günthers nach Hamburg. „Mein Mann war bei der Bahn und hatte so den kürzeren Arbeitsweg“, berichtet Günther. Im Eilbeker Wohnblock inmitten eines Trümmerfelds wurden die Lebensbedingungen langsam besser. „Als mein Mann dann in den Ruhestand ging, sind wir viel gereist und gewandert“, berichtet Günther. Feiern zur Silber-, Gold- und Diamantenen Hochzeit folgten – bis Ehemann Kurt im Oktober 2001 nach langer Krankheit starb.

Fünf Jahre später kehrte die inzwischen 90-Jährige an exakt den Ort zurück, der einst ihre Flucht beendete: die Hasloher Dorfstraße. „Ich habe sehr nette und hilfsbereite Nachbarn“, sagt die rüstige Dame, die sich noch weitestgehend selbst versorgt. Beim Einkaufen helfen die Söhne, die beide ebenfalls in Hasloh wohnen.

„Auf eines bin ich ganz besonders stolz: Ich habe mich noch nie in meinem Leben mit jemandem heillos zerstritten“, sagt Günther und ist felsenfest davon überzeugt, dass das auch so bleibt.

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erstellt am 14.Okt.2016 | 16:15 Uhr

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