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Lokales

07. Dezember 2016 | 19:21 Uhr

"Nicht in Wohnnähe" : Protest gegen Windräder in Tabuzone

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Anlieger aus Enge-Sande wehren sich gegen die Erweiterung des Windparks Klingenberg – heute findet ein Anhörungstermin im Amt statt.

„Wir sind nicht gegen Windenergie, aber nicht vor unserer Haustür – und schon gar nicht, wenn geltendes Recht für den Bau weiterer Anlagen nicht eingehalten wird.“ So bringt Rolf Thiedemann aus Enge-Sande auf den Punkt, was viele Dorfbewohner derzeit bewegt. Mehr als 100 von ihnen haben ihren Protest in einer Unterschriftenliste fixiert, viele drücken ihren Protest auch durch gelbe Schilder aus, auf denen eine Windkraftanlage, zwei Häuser und die Aufschrift „Nicht in Wohnnähe!“ zu sehen sind.

Der Protest richtet sich gegen zwei weitere geplante Anlagen für den Windpark Klingenberg. Dort drehen sich bereits vier jeweils 150 Meter hohe Windräder. Eine weitere ebenfalls 150 Meter hohe und eine 180 Meter hohe Anlage möchte das regionale Unternehmen „Offtec“ dort errichten. Bisher ist die nächste Anlage rund 1000 Meter von Thiedemanns Haus entfernt, beim Blick aus dem Garten wirkt der Abstand deutlich kürzer. Die geplante 180 Meter hohe Anlage würde sogar auf 700 Meter an sein Haus heranrücken.

Doch nicht nur die Optik und die Geräusche sorgen für Frust bei vielen Dorfbewohnern. „Sondern, dass rechtliche Bestimmungen scheinbar nicht für alle gelten“, sagt Jenny Brodersen. Denn laut der offiziellen Landesliste von „Anträgen zur Errichtung von Windkraftanlagen in der Ausnahmeprüfung“, Stand Oktober 2016, liegen die beiden für Enge-Sande geplanten Anlagen – die Nummern 95 und 96 – in einer Zone der Kategorie I. Diese wird als Tabuzone für Windkraft definiert, in der keine Ausnahmegenehmigung möglich ist.

Das bestätigt Udo Schmäschke, Bauamtsleiter im Amt Südtondern. „Diese Tatsache ist uns bekannt. Mit einer Ausnahme von der Ausnahme hätte das Land aber dennoch die Möglichkeit, den Bau der beiden Anlagen zu genehmigen, was noch nicht erfolgt ist“, sagt Schmäschke. Für Ausnahmegenehmigungen gebe es weiche und harte Kriterien. Im Fall Klingenberg wäre schon so etwas wie ein landesweites Alleinstellungsmerkmal gefordert. „Der Antragsteller wird sehr gut begründen müssen, warum das Land dem Bau der geplanten Anlagen in einer Tabuzone zustimmen soll, und auch, dass es keine Alternativfläche gibt“, sagt Schmäschke.

Dieses werden die Vertreter von „Offtec“ heute ab 9 Uhr im Sitzungssaal des Amtes in Niebüll versuchen – bei einem öffentlichen Erörterungstermin, zu dem das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume (LLUR) einlädt. Auch Rolf Thiedemann, Jenny Brodersen und weitere Projektgegner sowie Amtsvertreter werden an der Sitzung teilnehmen, die auf mehrere Stunden angelegt ist.

Die Begründung des Unternehmens, die für grünes Licht für den Bau der Anlagen WEA  5 und WEA  6 sorgen soll, lautet, dass diese aus Sicherheitsgründen unbedingt zu Trainingszwecken errichtet werden müssten, um Einsätze aus der Luft zu üben. Ein Argument, das die protestierenden Anlieger nicht nachvollziehen können, denn: „Solche Übungen finden bereits bei den bestehenden Anlagen regelmäßig statt. Die geplanten Neuen sind zudem getriebelos und haben keinen ,Heli-Hoist‘. Auf diesen gibt es gar keinen Platz, um sich aus der Luft abzuseilen“, sagt Rolf Thiedemann.

Dritter Kritikpunkt ist die Nähe zum Alten Kirchenweg, an dem auch einige Protestler wohnen. Laut Thiedemann eine viel befahrene Straße, die Ortsteile verbindet und auch Schulweg ist. Der gesetzlich erforderliche Abstand zu einer solchen Straße würde laut Jenny Brodersen durch den Bau der geplanten, 180 Meter hohen Anlage nicht eingehalten werden. Sicher auch ein Punkt, über den beim heutigen Erörterungstermin gesprochen werden wird.

Einen weiteren Termin wird sich der Antragsteller nur schwer leisten können. „Dieser strebt an, noch dieses Jahr eine Baugenehmigung zu erhalten, denn im kommenden Jahr tritt das neue Energie-Einspeisungsgesetz in Kraft“, sagt Udo Schmäschke. Dieses bringe nicht nur für die Vergütung, sondern auch für die Genehmigungsverfahren veränderte Richtlinien mit sich.

Genehmigungsbehörde ist das LLUR, doch – so Schmäschke – dieses brauche auch grünes Licht aus der Staatskanzlei, von der dort ansässigen Landesplanung. „Diese müsste bestätigen, dass eine Ausnahmegenehmigung für die Erweiterung des Windparks Klingenberg in einer Tabuzone gerechtfertigt ist“, sagt Südtonderns Bauamtsleiter.

Die Landesliste mit den Ausnahmegenehmigungen für den Bau von Windkraftanlagen ist das Ergebnis eines Urteils, das das Oberverwaltungsgericht 2015 gefällt hat. Mit diesem erklärte das OVG die damalige Festlegung von Eignungsräumen für die Windenergie für nicht rechtmäßig. Nun werde laut Schmäschke an einem neuen Konzept gearbeitet, an der Festlegung sogenannter Vorranggebiete. Ein Thema, das noch im Dezember den Landtag beschäftigen soll. „Doch ebenso wenig wie Klingenberg ein Eignungsraum war, wird es ein Vorranggebiet werden“, lautet seine Einschätzung.

„Wir würden nicht protestieren, wenn es sich um eine geeignete Fläche für Windenergie handeln würde, aber das ist nicht der Fall. Wozu werden solche Einteilungen überhaupt vorgenommen?“, fragt Jenny Brodersen. Sie betont: „Natürlich würden unsere Häuser durch weitere Anlagen weiter entwertet. Ich möchte keine Entschädigungszahlung, ich möchte, dass die da nicht hingebaut werden.“ 

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erstellt am 01.Dez.2016 | 06:00 Uhr

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