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Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 11:38 Uhr

DAS SONNTAGSGESPRÄCH : „Wir bemühen uns für jeden einzelnen Fall um Spenden“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Ingrid Kohlschmitt vom Wendepunkt e.V..

Kreis Pinneberg | Ingrid Kohlschmitt ist Geschäftsführerin des Vereins Wendepunkt. Dieser unterstützt Gewalt- und Missbrauchsopfer sowie traumatisierte Menschen. Im Sonntagsgespräch erläutert Kohlschmitt unter anderem, was der Wendepunkt für seine Arbeit braucht, und warum sie sich einen gesellschaftlichen Aufschrei wünscht.

Der Wendepunkt setzt sich für Opfer von Gewalt und Missbrauch sowie für traumatisierte Menschen ein. Wie sieht die Hilfe aus?
Wir haben ganz unterschiedliche Angebote. Dazu gehören Screenings und Diagnostik, Beratungen für die Betroffenen und deren Umfeld sowie für Fachkräfte aus anderen Einrichtungen. Außerdem halten wir Maßnahmen zur Kriseninterventionen sowie kunstpädagogische und spieltherapeutische Angebote vor. Die Vielfalt ist groß. Wir schauen, was die Menschen brauchen, die zu uns kommen.

Wie hat sich der Bedarf in den vergangenen Jahren entwickelt?
Der Bedarf ist ansteigend. Die Zahl derer, denen wir helfen können, ist aber aufgrund unserer finanziellen Mittel begrenzt. Pro Jahr bearbeiten wir etwa 650 Fälle aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Dabei geht es nicht nur um Missbrauchsopfer. Der Wendepunkt hat beispielsweise auch eine interdisziplinäre Trauma-Ambulanz und Angebote, die sich an Jugendliche und junge Erwachsene richten, die selbst sexuell übergriffig geworden sind. Auch mit dem Thema „Häusliche Gewalt“ beschäftigen wir uns.

Was fehlt dem Wendepunkt?
Meine größte Sorge ist die interdisziplinäre Trauma-Ambulanz, die wir gemeinsam mit den Regio Kliniken anbieten. Vor allem für die erste Beratung und Stabilisierung sowie für die Fachberatung gibt es derzeit keine Grundlagenfinanzierung. Wir bemühen uns für jeden einzelnen Fall um Spenden. Das ist jedes Mal ein enormer Kraft- und Zeitaufwand. 12.000 Euro würden als Grundlage schon reichen. Spenden und Unterstützung sind deshalb immer willkommen.

Gibt es Fälle, die Sie besonders berührt haben?
Da gibt es viele. Mich berührt am meisten, wenn Kinder in einer Umgebung leben, in der niemand spürt, was sie brauchen. Die Erwachsenen haben häufig mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, nehmen gar nicht wahr, wie es ihren Kindern geht und sind manchmal sogar gewalttätig. Sie haben kein Gefühl dafür, wie sehr sie die Kleinen schädigen, weil sie es selbst nicht anders kennen. Die Einsamkeit dieser Kinder beschäftigt mich enorm. Ebenso die Bilder von Kindern, die in Kriegsgebieten mit völliger Perspektivlosigkeit leben, traumatisiert und innerlich eingefroren sind. Einige der Flüchtlinge kommen auch zu uns. Was die für traumatische Erlebnisse hinter sich haben, ist für uns unvorstellbar.

Hat die Hilfe von Missbrauchsopfern und traumatisierten Menschen einen ausreichenden Stellenwert?
Über Gewalt gegen Kinder und Familien wird nur hier und da mal berichtet. Das reicht nicht aus. Das Wendepunkt-Motto spricht sich schon seit Jahren für respektvollen und gewaltfreien Umgang in Erziehung, Partnerschaft und Sexualität aus. Dieses Motto müsste nach meiner Auffassung ergänzt werden und auch den Respekt gegenüber Menschen umfassen, die aus anderen Ländern zu uns geflüchtet sind. Denen müssen wir die Hilfe geben, die sie brauchen und sie nicht mit ihren Sorgen und Traumata allein lassen. Das gehört für mich zum Respekt dazu. Wir leben in einem reichen Land und sind noch lange nicht am Ende unserer Möglichkeiten.

Wie hat sich die Arbeit des Wendepunkts in den vergangenen 25 Jahren verändert?
Wenn man vor 25 Jahren über Missbrauch sprach, wurde man persönlich angefeindet. Das war ein Tabuthema und wer behauptete, dass es so etwas gibt, wurde als Spinner abgetan. Seitdem hat sich eine Menge getan. Trotz allem gibt es noch einen gewissen Gleichmut, als wenn man sowieso nichts ändern kann. Dabei müsste es einen gesellschaftlichen Aufschrei geben, damit Menschen gewaltfrei leben können.

Nimmt die Arbeit Sie manchmal auch persönlich mit?
Natürlich beschäftigt mich die Arbeit manchmal auch abends. Ich habe aber das Glück mit einem Mann verheiratet zu sein, der auch im psychosozialen Bereich tätig ist. Für uns beide ist die Arbeit ein wichtiger Teil unseres Lebens, über den wir uns auch zu Hause austauschen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Manche brauchen die strikte Trennung zwischen Job und Privatleben. Bei uns ist es anders. Was ich beim Wendepunkt erlebe, ist für mich ohnehin eher Ansporn, etwas zu verbessern, als Belastung.

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erstellt am 02.Okt.2016 | 15:00 Uhr

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