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Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 03:08 Uhr

Staatsbürger in Flecktarn : Wie die Politik Soldaten für das Ehrenamt begeistern will

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Politiker aus dem Kreis Pinneberg wollen Soldaten in der Feldwebelausbildung für das Ehrenamt begeistern.

Kreis Pinneberg | Die Frage von Oberst Markus Kurczyk kommt ziemlich unvermittelt: „Wer von ihnen war schon mal in der Ratsversammlung seines Heimatorts?“ Schweigen. Zögerlich gehen ein, zwei Hände in die Höhe. Zwei von knapp zwei Dutzend Lehrgangsteilnehmern an der Unteroffizierschule in Appen. Grund der Frage: Mit im Seminarraum sitzt eine Zivilistin, die viel Erfahrung mit Ratsversammlungen hat: Monika Riekhof (CDU), Bürgermeisterin von Hetlingen.

Die Politikerin beteiligt sich an einem neuen Mentorenprogramm, das Kurczyk initiiert hat. Kurczyk ist Leiter der Unteroffizierschule in der Appener Marseille-Kaserne. Ziel des Programms ist es, den Soldaten abseits der großen Bundespolitik einen Eindruck vom Ehrenamt und von der Politik in Städten und Gemeinden zu verschaffen. Umgekehrt sollen die Mentoren das soldatische Leben und die Ausbildung der Unteroffizierschule kennenlernen.

Die Mentoren sind ehrenamtliche oder hauptberufliche Politiker aus der Region Pinneberg. Seit Anfang Juli ist Kerstin Seyfert (CDU), Mitglied des Kreistags, mit an Bord. Vor einigen Tagen stieß Riekhof hinzu. „Die Parteizugehörigkeit spielt dabei aber überhaupt keine Rolle. Auch Beate Raudies und Thomas Hölck von der SPD haben Interesse signalisiert. Zudem bin ich in Kontakt mit Grünen und FDP“, sagt Kurczyk. Selbst Politiker, die der Bundeswehr in vielen Fragen skeptisch gegenüberstünden, seien willkommen. „Es wäre sicher interessant, auch Linken-Politiker mit dabei zu haben. Das könnte fruchtbare Diskussionen geben.“

Hinter der Idee, Zivilgesellschaft und Militär in Kontakt zu bringen, steckt ein alter Grundsatz der Truppe. Der Grundsatz der Inneren Führung, wie er seit Ende des Zweiten Weltkriegs für die Bundeswehr gilt. Damit ist die Vorstellung verbunden, dass der Soldat ein Staatsbürger in Uniform ist. Ein Staatsbürger, der für sein Handeln selbst verantwortlich ist und der sich nicht in blindem Gehorsam über geltendes Recht hinwegsetzt – auch wenn ein Vorgesetzter es ihm befiehlt.

Früher gewährleisteten die Wehrdienstleistenden den direkten Draht in die Zivilgesellschaft. Mit der faktischen Abschaffung des Pflichtdienstes ist dieser direkte Draht abgerissen. „Es ist bestimmt nicht einfacher geworden. Wir haben Multiplikatoren verloren“, sagt Kurczyk. Das Mentorenprogramm könnte zumindest in Teilen ein Ersatz sein.

Die Probleme des Soldatenlebens

Dabei kennt Riekhof das Soldatenleben – und die Probleme, die es mit sich bringen kann. „Die ständigen Standortwechsel und Auslandeinsätze können zur Zerreißprobe für Familien werden. Ich kenne das aus dem eigenen Bekanntenkreis“, sagt die Bürgermeisterin. Sie wird die 100 bis 120 Lehrgangsteilnehmer bis Ende August begleiten. Sie wird deren Unterricht besuchen, zuhören und auf Fragen antworten. „Denkbar wäre auch ein Planspiel, in dem eine Ratssitzung simuliert wird. Möglich sind auch Besuche von Gremien, des Landtags in Kiel oder Grillabende“, sagt Kurczyk. Die Mentoren könnten ihre Ideen einbringen.

„Mein Ziel ist, für das Ehrenamt generell und die Lokalpolitik im Speziellen zu begeistern. Außerdem betreibe ich Netzwerkpflege. Mir ist der gute Kontakt zur Unteroffizierschule wichtig“, sagt Riekhof. Sie spricht von einer Win-win-Situation.

„Wir dienen Deutschland“, lautet der Leitsatz der Bundeswehr. „Aber was heißt das?“, fragt Kurczyk die angehenden Feldwebel im Unterricht. „Deutschland zu dienen, heißt auch, im Ehrenamt aktiv zu sein. Es heißt, das eigenen Wohl für das der anderen zurückzustellen.“

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erstellt am 25.Jul.2016 | 16:00 Uhr

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