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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 03:00 Uhr

Jetzt müssen Perspektiven entstehen : Wie der Kreis Pinneberg unbegleitete minderjährige Ausländer betreut

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Aktuell werden 198 Jugendliche vom Kreis betreut. Sprache und Praktika ebnen den Einstieg in die Berufswelt.

Kreis Pinneberg | Gespannt lauschen die Schüler, was ihnen Sadar Sadri auf Persisch berichtet. „Die Schüler kleben förmlich an seinen Lippen“, stellt Antje Reese von der Kreisberufsschule in Pinneberg fest. Zusammen mit Kamyar Sarshar, Vorsitzender des Deutsch-Iranischen Akademikerbunds, hat sie das zweite Bildungsforum in der Kreisberufsschule organisiert. Der heimliche Star: der 20-jährige Sadar Sadri. „Jeder Teilnehmer konnte fünf Termine vereinbaren. Zu ihm wollten fast alle“, sagt Reese.

Der gebürtige Afghane floh mit 14 Jahren aus Kabul. Ein Jahr lebte er mit seiner Familie im Iran. Dann ging die Flucht weiter – über die Türkei nach Italien. „Dort habe ich ein Jahr verbracht. Dann bin ich mit dem Bus nach Deutschland gefahren“, erinnert sich Sadri. Seit vier Jahren lebt er in Deutschland. Wo sich seine Famile befindet, wisse er nicht. Bisher lieferten die internationalen Suchdienste keine Ergebnisse. In seiner Anfangszeit in Deutschland, habe es ihn sehr belastet, aber er müsse sein Leben weiterleben, sagt der Auszubildende.

„Ich bin wohl der erste und einzige Schüler, der drei Jahre an der Berufsschule war“, sagt er lachend und wird dann ernst. „Ich bin sehr dankbar. Sonst hätte ich jetzt keinen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung.“ Beim Bauunternehmen Maack in Tornesch wird er zum Maurer ausgebildet. „Mein Vater war Maurer und ich musste ihm helfen. Die Erfahrungen haben mir geholfen, ein Praktikum und die Ausbildung zu bekommen“, sagt der 20-Jährige. Allerdings sei der Start schwer gewesen. „In der ersten Ausbildungswoche hatte ich das Gefühl, ich bin gerade erst in Deutschland angekommen. Es gab nur Fachberiffe, von denen ich nie in der Schule gehört hatte“, sagt Sadri. Der Appell in seinem Vortrag, den er insgesamt fünf mal hält: „Ihr müsst Deutsch lernen. Sprache ist wichtig. Die Sprache entscheidet, ob ihr einen Job bekommt oder nicht.“

Antje Reese von der Kreisberufsschule Pinneberg und Kamyar Sarshar, Vorsitzender des Deutsch-Iranischen Akademikerbunds, organisierten das Bildungsforum in Pinneberg.
Antje Reese von der Kreisberufsschule Pinneberg und Kamyar Sarshar, Vorsitzender des Deutsch-Iranischen Akademikerbunds, organisierten das Bildungsforum in Pinneberg. Foto: Fröhlig
 

Sechs Monate brauchte er, um die Sprachreife B1 nachzuweisen, die notwendig ist, um eine Ausbildung anzufangen. „Das ist beeindruckend, weil er fast keine Schule besucht hat“, sagte Reese. In Afghanistan musste er dem Vater auf dem Bau helfen. Im Iran durfte er nicht zur Schule gehen. „Wenn ich Arabisch schreibe, kann nur ich das lesen“, sagt er lachend. „Es gibt viele Talente, die wir durch Aktionen wie das Bildungsforum fördern wollen“, erläuterte der Vorsitzende des Akademikerbunds, dessen Motto lautet „Bildung ist Zukunft“. Sadri hatte noch einen anderen Antrieb: „Ich habe mich sehr gefreut, als ich mein erstes Gehalt bekommen habe. Da wusste ich, dass ich meinen Lebensunterhalt endlich selbst bestreiten kann.“

„Die jungen Menschen wollen dazu gehören. Sie sind wahnsinnig wissbegierig und lernen sehr schnell“, beschreibt Frank Schütz vom Fachdienst Jugend/Soziale Dienste seine Erfahrung mit unbegleiteten minderjährigen Ausländern. Aktuell ist der Kreis Pinneberg für 198 Minderjährige zwischen 12 und 17 Jahren verantwortlich – 2014 waren es nur 14. „Es war viel Personalaufwand nötig und hat viele graue Haare gekostet, um aus der Krise herauszukommen“, sagt Jugendamts- und Fachdienstleiter Christoph Helms. Gemeinsam mit Trägern wie der Arbeiterwohlfahrt (Awo), dem Gemeinnützigen Kinderschutzhaus Elmshorn, dem Heilpädagogischen Förderzentrum Friedrichshulde sowie der Unterstützung der Politik sei es nicht nur gelungen, die Herausforderungen zu meistern, sondern auch die Standards der Jugendarbeit beizubehalten. Insgesamt stellte der Kreistag 625.000 Euro für die Betreuung der Jugendlichen zur Verfügung, berichtet Helga Kell-Rossmann (SPD), Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses. Etwa die Hälfte der zwölf Planstellen sei besetzt.

Sadar Sadri berichtete von seiner Flucht, aber auch von der Ausbildung zum Maurer.
Sadar Sadri berichtete von seiner Flucht, aber auch von der Ausbildung zum Maurer. Foto: Fröhlig

„In der Minderjährigkeit muss man die Volljährigkeit mitplanen“, beschreibt Schütz die zukünftigen Herausforderungen für die Jugend- und Sozialarbeit. Nun müsse den Jugendlichen eine Perspektive aufgezeigt werden. 50 Schüler werden im Sommer die Berufsschule Pinneberg verlassen. Ihre Zukunft sei noch ungewiss. „Das ist bei allen ganz, ganz offen. Es brennt da sehr“, sagt Reese. „Wir würden gern alle Abgänger gut versorgt wissen.“ Dafür seien vor allem Praktika notwendig, die für Berufsschüler ohne Auflagen und Genehmigungen möglich seien. So gelang auch Sadri der Berufseinstieg.

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erstellt am 25.Apr.2016 | 10:00 Uhr

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